Die Heilung des Blindgeborenen

4. Fastensonntag 1996

Über die Pharisäer könnte ich mich wieder einmal fürchterlich aufregen! Da wird ein Mann, von Geburt an blind, von Jesus geheilt. Jesus fragt nicht nach der Schuld, hält keine Predigt, gibt auch keine Erklärungen ab, sondern macht an diesem Menschen deutlich, was Gott will: Licht und Leben für jeden Menschen. Dabei nimmt er allerdings keine Rücksicht auf den Sabbat oder sonstige Vorschriften, sondern tut, was hier und jetzt den Menschen hilft. Doch das geht den Pharisäern zu weit. Anstatt sich mitzufreuen über die endliche Heilung des Blindgeborenen, greifen sie den Geheilten an, dann seine Eltern und natürlich Jesus selbst. Sie fragen nach der Richtigkeit des Wunders und nach der Berechtigung des Wundertäters. Keine Anerkennung, Lob oder Dank für diese wunderbare Zuwendung Gottes, nur Ablehnung. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf! Welche Überheblichkeit und Besserwisserei, die blind macht für das Leben und all seine Wunder! Andererseits, wenn jemand mir die Augen öffnen will für eine neue Erkenntnis, für eine neue Sichtweise der Dinge und Zusammenhänge, für die Hintergründe und Ursachen gesellschaftlicher oder kirchlicher Ereignisse und Entwicklungen, dann sehe ich solches "Augenaufgehen" nicht immer nur als erfreuliches Ereignis. Gerade wenn ich bisher meine Augen vor Unrecht oder Demütigung verschlossen hatte, spüre ich auch Abwehr und den Druck mich zu rechtfertigen, fällt es auch mir schwer, meinen Standpunkt und meine Freiheit so ganz ohne Scheukappen zu leben. Und daß Menschen, wie der Blindgeborene in die Enge getrieben werden, wenn ihnen die Augen aufgehen werden, das ist bis heute in vielen Lebensbereichen der Fall. Einen Jugendlichen mit überraschenden, ungewohnten Ideen und Gedanken erinnern auch wir gerne an geltende Normen und Vorschriften. Eine Frau, die im Lauf Ihrer Ehe entdeckt, daß zu ihrem Leben mehr gehört als Haus und Herd, wird von ihrem Partner und ihrer Umgebung immer noch mit Unverständnis bestraft. Einer kritischen Jugendgruppe, die auf Umweltfragen aufmerksam machen will, wird klargemacht, daß sie die überaus schwierigen Zusammenhänge und Sachzwänge nicht zu durchschauen vermag. Wer ungute Vorgänge in der Gesellschaft oder Kirche hinterfragt, wird selten Anerkennung ernten, wer mehr Raum und Freiheit für das kirchliche Leben heut fordert, dem wird mangelnde Liebe zur Kirche vorgeworfen. Die Gefahr, so selber wieder unsicher zu werden , langsam oder schnell aufzugeben, ist allgegenwärtig. Denn der Mut, die Augen offen zu halten, ist auch deshalb schwierig, weil die Angriffe von außen unsere eigenen Ängste und Unsicherheiten wachrufen und verstärken. Und die Versuchung ist groß, sich lieber mit ein wenig Freiheit, ein wenig Licht, ein wenig Leben zufrieden zu geben, aber dafür einigermaßen sicher, unbehelligt und unangefochten zu leben; auf die Verwirklichung mancher Träume zu verzichten, aber dafür auch nicht viel loslassen zu müssen. Nur frage ich mich: Ist dies tatsächlich das Leben? Ist es das, was Gott von mir und für mich wünscht? Jesus will auch mir die Augen öffnenfür das ganze, das volle Leben und mir auch die Kraft schenken dafür, anstehende Auseinandersetzungen anzugehen und zu bewältigen. Der Blindgeborene scheint jedenfalls mit seiner Heilung auch die Kraft gefunden zu haben, sein Leben zu leben, allen Widerständen und Angriffen zum Trotz, und er weiß, wem er all dies verdankt.

Dies wünsche ich uns allen: Hoffnung , Vertrauen, Glauben . Es genügt nicht über die Dunkelheit zu jammern, man muß ein Licht anzünden, sagt ein Sprichwort. Dabei müssen wir uns nicht mit einem kleinen Kerzenlicht zufrieden geben, sondern dürfen uns, wie in diesen Vorfrühlingstagen, auf die Suche nach dem vollen Sonnenlicht machen, auf den Weg, der ins Leben führt, wo Gott auf uns wartet.

GOTT WÜNSCHT UNS DAS VOLLE; DAS REICHE LEBEN MIT VIEL LICHT!


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