Die Auferweckung des Lazarus

Passionssonntag 1996

In der Geschichte von Lazarus strahlt soviel Licht auf, daß wir davon leicht geblendet werden könnten und vielleicht nicht mehr zu erkennen vermögen, was dieses Evangelium für unser Leben zu bedeuten hat.

Wir stehen der Nacht und dem Karfreitag doch oft näher als dem Glanz des Ostersonntags und der Herrlichkeit des Himmels, die hier geradezu wie mit Kübeln über Lazarus ausgegossen scheint. Doch da gibt es in diesem Text ein paar Stellen, die uns unmittelbar unter die Haut gehen können: Etwa die Bemerkung, Jesus habe geweint vor dem Grabe seines Freundes Lazarus. Zum Weinen ist uns auch oft zu Mute und da fühlen wir uns Jesus verwandt und verbunden. Der Verlust eines Freundes, einer Liebe, tut weh. Und es ist gut, wenn wir den Tränen freien Lauf lassen können.

Für den Verstorbenen sind es beglückende Tränen. Er sieht daran, daß er jemandem etwas über den Tod hinaus bedeutet. Mir fällt bei unseren Beerdigungen und Trauerfeiern auf, daß immer weniger Menschen am Sarg eines Verstorbenen weinen -und manchmal frage ich mich, wer wohl bei meinem Tode um mich weinen würde? Tränen bedeuten für den Toten viel -sagen sie doch: da lebt einer über den Tod hinaus weiter. Erst wenn niemand mehr um uns weint, sind wir endgültig tot und ohne Bedeutung.

Um Lazarus wird also geweint: ein erster Hinweis darauf, daß er leben soll! Und vielleicht dürfen wir uns schon an die Stelle des Lazarus setzen und sagen: Auch wenn niemand mehr um uns weint, Jesus tut es. Bei IHM werde ich weiterleben.

Die Tränen Jesu bedeuten viel mehr, als bloß Tränen um einen Freund. Jesus ist ganz aufgewühlt, verstört, angesichts dieses Todes: Ein abgrundtiefes, bodenloses Grauen überfällt ihn. Solche Stunden gehören zu den schwersten unseres Lebens: Da ist man wehrlos, da kann man nichts machen, ist einfach dem Grauen der Seele ausgeliefert, leidet an einem namenlosen Schmerz.....

Es ist wichtig, das festzuhalten und zu bedenken. Denn unser Menschen-Ideal (ganz abgesehen vom Bild des menschgewordenen Gottessohnes) ist doch eher der Mensch, der durch nichts aus der Ruhe gebracht werden kann. Weder der fremde, noch der eigene Tod, noch irgendetwas sonst auf der Welt darf diesen Menschen erschüttern oder gar aus dem Gleis werfen. Verstörtheit, Klagen, Schmerz, Qual, Mitgefühl, Depression, Tränen, alles, was den Menschen seine Beherrschung verlieren läßt, ist zu vermeiden. Ein solches Menschenbild ist unmenschlich, das Leid wird entwertet und abgeschoben.

Christus aber leidet und vergießt Tränen Und nicht nur das. Nach den Tränen spricht Johannes davon, daß Jesus im Innern von Zorn gepackt wird. Auch das ist zutiefst menschlich: Unwillen, Zorn darüber, daß hier ein Mensch -sein Freund- tot ist, daß die Schwestern weinen, weil sie ihren Bruder verloren haben. Protest gegen Leiden und Tod des Menschen, Leidenschaft der Liebe, die gegen das Leiden angehen will und den Tod bekämpft.

Von der "Leiden-schaft" Gottes spricht das Evangelium auf vielen Seiten. "Gottes Liebe zu uns ist Passion", hat Simone Weil einmal gesagt: Leiden und Mit-leiden als Leidenschaft Gottes, die dem Leiden der Menschen sozusagen entgegen leidet, die Macht des Todes von innen her untergräbt. Dieses Leiden Gottes gegen Leid und Tod des Menschen lebt so sehr in diesem Jesus von Nazareth, daß er von sich sagen kann: ich bin die Auferstehung und das Leben. Und mag nichts mehr im Menschen lebendig sein, mag er bereits völlig verwest sein und sich aufgelöst haben: Gottes Leidenschaft wird ihn zurück holen und ihm neues Leben schenken.

Hier ist es wichtig, das Gespräch Jesu mit Marta noch ein wenig zu bedenken: Jesus sagt zu ihr: "Dein Bruder wird auferstehen". -Denn mit Marta sind auch wir immer wieder versucht, solche Glaubensaussagen über Auferstehung und ewiges Leben auf das Jenseits, auf den letzten Tag, also auf unbestimmte Zeit zu vertagen. Doch dies sind Aussagen, die das Hier und Jetzt bestimmen wollen, sonst wären sie überhaupt nicht gemacht worden. Jesu Wort und Handeln wollen uns bedeuten, daß unser Leben jetzt wertvoll ist, so sehr, daß es aufgehoben wird für alle Ewigkeit; daß es ein so hoher und absoluter Wert ist, daß kein Mensch sich daran vergreifen darf; daß Not und Tod im Widerspruch zum Wesen und der Bestimmung des Menschen stehen und daß darum dem Leiden und Sterben mit aller Leidenschaft entgegen zu treten ist; aber daß es auch in diesem Leben schon Momente gibt, Augenblicke, in denen Auferstehung aufleuchtet, wie es Marie Luise Kaschnitz einmal beschrieben hat. Lassen wir uns nicht auf unbestimmte Zeit vertrösten. Der Glaube an das ewige Leben und die Auferstehung geht uns jetzt an, mitten in diesem Leben, das wir täglich als Absterben erfahren und erleben.

Was an Lazarus geschah, soll deutlich machen: Hier und Jetzt, unser irdisches Leben, ist der Ort, an dem sich die Leidenschaft Gottes gegen unser Leiden entfaltet. An Lazarus ist ja nicht geschehen, was später mit Jesus selbst geschehen wird. Lazarus wurde zurückgeholt in das irdische und vergängliche Leben. Er wird wieder sterben müssen. Jesus dagegen ist für immer eingegangen in das ewige Leben Gottes. Er wird nicht mehr sterben.

Aber für Lazarus, für Jesus und für uns gilt dasselbe: Gottes Liebe ist bereit, unsere Qualen mitzuleiden und auszuhalten, und zugleich ist es seine große Leidenschaft, für uns ewiges Leben zu sein und zwar hier und jetzt und in alle Ewigkeit!


Manchmal stehen wir auf
Stehen wir zur Auferstehung auf
Mitten am Tage
Mit unserem lebendigen Haar
Mit unserer atmenden Haut.
Nur das Gewohnte ist um uns....
Die Weckuhren hören nicht auf zu ticken
Ihre Leuchtzeiger löschen nicht aus.
Und dennoch leicht
Und dennoch unverwundbar
Geordnet in geheimnisvolle Ordnung
Vorweggenommen in ein Haus aus Licht.

Marie Luise Kaschnitz


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