Die Fußwaschung

Gründonnerstag 1996

Von Liebe sprechen wir viel, sehr viel! Dienen aber ist weniger gefragt; obwohl beides eigentlich zusammengehört. Aber wer von uns will sich denn schon bücken, um einem anderen die Füße zu waschen?

Eine alte Malerei aus einem griechischen Kloster des 6. Jahrhunderts stellt uns noch einmal diese Szene vor Augen: das neugierige Herandrängen der Jünger, ihre spöttisch lächelnden oder fragend-staunenden Augen, die massive Abwehr des Petrus - sie verstehen nicht, warum ihnen Jesus die Füße waschen will. Ganz anders Jesus: unbeirrbar sicher und fraglos hat er sich ein Handtuch umgebunden und ist dabei, sich zu bücken, um Petrus die Füße zu waschen. Warum nur? Ist es nicht genug, was er schon alles für die Menschen getan hat und noch tun muß? Wieso nun noch die Füße waschen?

" Ich habe euch ein Beispiel gegeben", sagt Jesus. Füße waschen - das ist eigentlich etwas Alltägliches , nichts Besonderes, man spricht auch nicht darüber - und es ist doch notwendig. In Israel gehörte es zum guten Ton, den Gästen beim Betreten des Hauses Wasser für die Reinigung der Füße vom Staub der Straßen anzubieten. Meist war dies Aufgabe eines Dieners (Bei besonders bevorzugten Gästen hat dies wohl auch manchmal der Hausherr selbst getan).

Füßewaschen - in der Regel also etwas Unbedeutendes und doch Notwendiges.- Wie jeder alltägliche Dienst, den man so gerne anderen überläßt. Aufgabe des Dieners: möglichst schnell und unauffällig. Normalerweise spielt sich das im Hintergrund ab. Man spricht nicht darüber. Es ist nicht der Rede wert!

Und so fragen auch wir staunend-überrascht heute Jesus:
Gab es nichts Wichtigeres, was Du deinen Jüngern in dieser Stunde des Abschieds hättest mitgeben können als das Füße-waschen?

Und wie fragen wir uns selber? Bedrängen uns heute nicht ganz andere Sorgen? Der Friede der Völker, die Zukunft der Welt, die Ernährung der Hungernden, die wachsende Bedrohung der Umwelt?

Aber Jesus hat auch für uns heute kein anderes Thema als das Füße-waschen. Jesus gibt seinen Jüngern und uns selbstloses Dienen als Beispiel und Auftrag.

Waschschüssel und Füße werden zum sprechenden Zeichen und Symbol: Verachteter, alltäglicher Sklavendienst zum Zeichen für Gottes erbarmende Liebe! Denn Jesus schenkt sich selbst, indem er dient. Er gibt sich uns hin, wenn er uns dient.

Heute beugt er sich tief über Petrus und seine Jünger und wäscht ihnen die Füße. - Morgen neigt er sich sterbend über die ganze Welt und "wäscht" mit seinem Blut "ihre Sünde" ab!

"Wenn ich dich nicht wasche, hast du keinen Anteil an mir!" hat er zu Simon Petrus gesagt, der es nicht dulden wollte, daß Jesus diesen Sklavendienst an ihm tut!

Was hat "Füße waschen" mit Anteilhaben - Anteilnahme zu tun? "Später wirst du es begreifen", sagt Jesus zu Petrus. Später - wenn alles vorüber ist, was noch bevorsteht: Verrat, Verhör, Verurteilung, Hinrichtung und grausamer Tod - "später wirst du es begreifen!"

Haben wir es begriffen - heute - nach seinem Tod undseiner Auferstehung - daß uns seine Hingabe das Leben geschenkt hat? Bis zum Ende leben heißt bis zum Ende dienen - es ist ein und dasselbe- . Das ist die neue Ordnung der Welt: das ist Jesu "Neues Gebot".

Aber es genügt nicht zu wissen und zu verstehen. Wir müssen Anteil nehmen: Anteil an Jesus und Anteil an denen, für die er sich hingegeben hat.

Darum feiert Jesus nun mit seinen Jüngern und uns das Abschiedsmahl, das zum Erinnerungsmahl an Ihn geworden ist. Ihn ganz in sich aufnehmen: Seine Liebe, Seinen Dienst, Sein Leben, das sollten seine Jünger.

Erst dann sind wir fähig zu dienen, wie Er uns gedient hat, einander zu vergeben, wie Er uns vergeben hat, einander zu lieben, wie Er uns geliebt hat! Denn dienen, das hat nun immer mit Ihm zu tun. Dienen bringt nun Seine Liebe in Umlauf. Dienen verwandelt nun unsere Welt und die Herzen der Menschen. Und nur veränderte Herzen können Welt und Menschen verändern.

An der "Waschschüssel" scheiden sich die Geister:

Es muß deutlich gesagt werden: ein frommes Gesicht, ein routinemäßiger Kommunionempfang, ein dauernd in der Kirche sitzen, das christlichste Reden und selbst das sichtbare und deutliche Leiden an der Unchristlichkeit der anderen - all das macht noch keinen Christen!

Christ werden kann nur, wer begreifen lernt, was es mit dem Beispiel Jesu auf sich hat: Sich selbst vergessen, nichts zu fordern oder zu erwarten, nicht vorne oder ganz oben stehen zu müssen, sondern Dienst leisten der notwendig ist: für den anderen da sein, so gut ich es kann, ohne es ihm später vorzurechnen oder einzuklagen, ihm zu dienen, wo er einen Dienst braucht, das ist das Beispiel, das Jesus uns heute abend gibt. Mit diesem Auftrag schickt Er uns auf den Weg, für diesen Auftrag gibt er uns die Kraft in Seinem Mahl, das wir heute abend feiern werden, um zu erfahren:

Seine Liebe kommt zu uns, sie ist schon da, sie ist mitten unter uns, wo Menschen sich selbst vergessen können, um für andere da zu sein, wo Menschen ihr Leben, ihre Liebe miteinander teilen.


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