Denn Christus ist auferstanden

Ostern 1996

Die Osterbotschaft berührt uns in unserer Tiefe. Denn eine größere Frage gibt es für Keinen, als die nach Leben und Tod. Der Tod ist nüchterne, harte Wirklichkeit. Und doch steckt tief in uns allen die Sehnsucht, er möge nicht das letzte Wort haben.

Es scheint, als ob dies in diesen Wochen auch die Botschaft der Natur ist. Ein Sieg des Lebens überall, wenn aus winterstarren Zweigen das frische Grün hervorbricht. Das tut gut. Aber so schön es anzuschauen ist, die Natur war ja nicht wirklich tot. Sie hatte sich nur tief in sich zurückgezogen und zeigt jetzt wieder neu ihr frisches, grünes Leben. Solches "Stirb und Werde" gibt es natürlich auch in unserem Leben. Aber einmal wird das Sterben für uns endgültig sein. Und die Natur allein hilft nun nicht bei der Bewältigung von Leid und Sterben. Unsere Toten bleiben tot. Unsere Krankheiten schleppen wir auch in der nächsten Woche mit uns herum. - Unsere Gewohnheiten sind schwer wie der Stein vor dem Grab. Die Probleme, die uns zu schaffen machen, bleiben. Wer Ostern feiern will, muß erst einmal die Wirklichkeit anhalten. Frisches Grün und bunte Frühlingsblüten sind noch nicht Ostern!! Denn die Osterbotschaft beginnt nicht in C-Dur und nicht in strahlendem Licht. In der Morgendämmerung kommen Frauen, um nach dem Grab zu sehen. Frauen, die zum Friedhof gehen! Wie viele Schwestern haben sie, nicht nur in Bosnien, Tschetschenien, Israel, Lateinamerika -auch bei uns. Wie viele -Frauen wie Männer- unter uns können sich wiederfinden bei ihnen, mit unserer Trauer,mit unseren Unsicherheiten, und unserer Ratlosig- keit. Gewiß, die Frauen sind aus Anhänglichkeit und Liebe unterwegs. Aber sie machen sich keine Illusionen. Sie wollen nach einem Grab und einem Leichnam sehen.

Was dann geschieht, kann aus den urchristlichen Osterberichten wie im Zeitraffer so zusammengefaßt werden:
Frauen besuchen das Grab eines Toten - ihnen wird gesagt, der Tote lebt - . Maria aus Magdala begegnet ihm selber - Schnell überwinden sie ihre Furcht und erzählen die Botschaft mit großer Freude den Jüngern.

So verschieden die Osterevangelien sind in einem stimmen sie alle überein: die ersten Boten des Osterglaubens waren --Frauen! Das sollten wir -gerade heute- nicht so schnell übergehen! Der Auferstandene gibt Frauen den Vorzug der ersten Ostererfahrung! Was daraus in der Kirchengeschichte wurde, ist ein Kapitel für sich. Aus den ersten Glaubensverkünderinnen wurde eine schweigende Mehrheit. Aber auch das muß ja nicht so bleiben.

Jedenfalls, die Frauen und später die Jünger haben sich die Auferstehung nicht eingebildet. Sie haben nichts erwartet und nichts mißverstanden. Sie sahen keinen wiederbelebten toten Körper. Dieser Jesus war wirklich am Kreuz gestorben. Mit einem Lanzenstich ins Herz, sozusagen als letzter frischer Beweis! Und wer tot ist, ist für immer tot. Eine Rückkehr ins bisherige Leben gibt es nicht, ebenso wenig, wie einer der geboren ist, in den Mutterleib zurückkehren kann. Auferstehung ist mehr alseine Wiederbelebung, die nur eine Rückkehr in ein Leben ist, das wieder mit dem Tod endet. Auferstehung ist jenseits von Leben und Tod, jenseits auch von Raum und Zeit und aller Wirklichkeit, die wir kennen. Ein Film, mit dem man versucht hätte, das zu filmen, wäre leer geblieben - oder überbe- lichtet-! Aber es gibt mehr Wirklichkeit, als man im Film oder Fernsehen zeigen kann. Jesu Tod, sein Hinabsteigen in das Reich des Todes, die Erlösung der Toten, seine Auferstehung, das sind Wirklichkeiten, für die uns eigentlich die Worte fehlen. -Jenseits von Raum und Zeit - . Weil wir aber Worte und Bilder brauchen, hat es Sinn, wenn die Evangelien uns vom leeren Grab und Auferstehung am 3. Tag erzählen. Was sie meinen ist: Jesus starb am Kreuz in die endgültige Annahme seiner menschlichen Existenz durch Gott. Nun lebt er für immer bei Gott, ganz anders als wir, aber so wirklich, wie wir. Und das erhoffen wir auch für uns. Das ist unser Osterglaube.

In der Osternacht wurden alle Anwesenden nach ihrem Glauben gefragt: Glaubt Ihr? Damit sind wir alle gemeint. Ostern fragt uns: Glaubt ihr - daß die Wirklichkeit größer ist, als Sinne und Verstand uns bestätigen? Glaubt ihr - daß diese Welt kein Zufall ist, sondern Gottes Schöpfung und ER der Anfang und das Ende aller Dinge, und daß wir zu diesem Gott, ohne den nichts ist, "Vater" sagen dürfen?

"Vater", nicht weil Gott männlich ist, sondern weil Vater wie Mutter Worte sind, die uns Geborgenheit versichern. Und bei allem Leid und Unrecht, das wir erleben und uns so oft nicht erklären können. Glaubt ihr, daß dieser Gott des Alls ausgerechnet auf unsere winzige und doch so schöne, aber allzuoft mit Tränen übersäte Erde gekommen ist, als ein Mensch, wie wir, einer von uns? Und weiter wird jeder von uns gefragt: Glaubt ihr, daß bei allem, was uns heute an dieser Kirche zu schaffen macht, daß Jesus die Gemeinschaft seiner Jünger gewollt hat, und daß diese Kirche nur erneuert wird, wenn wir uns nicht von ihr zurückziehen, erneuert durch den Geist, mit dem Gott uns erfüllt? Glaubt ihr - daß der Sinn unseres Lebens in Lieben besteht daß und Vergebung und Vertrauen möglich ist? Daß keiner von uns zufällig existiert, sondern weil Gott es will; und daß unsere Existenz nicht aufhört, wenn dieses Leben zu Ende ist, sondern wir in die Auferstehung hineinsterben, so wie wir ins Leben hineingeboren werden? Wenn wir das glauben -ehrlicher gesagt- wenn wir versuchen, das glauben zu wollen- dann bleiben wir zwar immer noch gefährdet, anfechtbar, schwach, suchend, sterblich - aber wir haben uns in dem großen Drama von Leben und Tod entschieden: Für das Leben, für den Sieg.

DENN CHRISTUS IST AUFERSTANDEN...


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