Was wir Thomas verdanken

2. Ostersonntag 1996

Die Geschichte vom "ungläubigen Thomas", der erst durch die beschämende Lektion des Herrn selbst zum Glauben gebracht werden mußte, ist ein Klischee, gegen das ich mich schon lange wehre. "Ungläubiger Thomas" genannt zu werden, ist sicher das Letzte, was er verdient. Er war bestimmt nicht ungläubiger als all die anderen, die die ersten Nachrichten von einer Auferstehung Jesu nicht glauben mochten. Vor allem haben wir ihm etwas zu verdanken, was viel mit Glauben zu tun hat: mit seinem Glauben und mit unserem Glauben. Was für ein Mensch war denn dieser Thomas?

Siebenmal wird er in der Schrift erwähnt. Viermal allerdings nur mit seinem Namen bei der Aufzählung aller Apostel. Dabei erzählt Johannes, daß er den Beinamen "Zwilling" hatte. Von ihm wissen wir auch zwei weitere wichtige Ereignisse, die Thomas betreffen:

Da redet Jesus im Abendmahlsaal davon, daß er vorangehen und seinen Jüngern einen Platz im Haus seines Vaters bereiten will. Und Thomas ist es, der die Frage nach dem Weg dorthin stellt und so Jesus das Stichwort gibt zu einer seiner wichtigsten Selbstaussagen in den Evangelien: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben!" (Joh. 14,6). Er muß sehr einfühlsam gewesen sein und sehr nahe beim Herzen des Herrn.

Noch deutlicher zeigt sich dies in der zweiten Szene. Sie steht in der Lazarusgeschichte, die dem Leiden des Herrn vorausgeht: Noch ist nichts passiert. Doch in Jerusalem hat schon der Hohe Rat getagt und den Tod Jesu beschlossen. Jesus hält sich noch auf der anderen Seite des Jordans auf, dem Zugriff seiner Gegner entzogen. Da bekommt er die Nachricht, daß sein Freund Lazarus schwer krank sei. Jesus läßt die Nachricht zunächst auf sich beruhen. Nach 2 Tagen kommt er darauf zurück. Er will nach Bethanien gehen und den "schlafenden" Lazarus aufwecken. Die Jünger wissen, wie gefährlich das jetzt ist. Bethanien liegt wenige km vor Jerusalem. "Wenn er schläft, wird er wieder gesund" beschwichtigen sie Jesus - und meinen damit: bring dich und uns nicht Gefahr! Und da meldet sich Thomas zu Wort und sagt zu den anderen: "Wir wollen mit ihm gehen, um mit ihm zu sterben" (Joh. 11,16). Er weiß offensichtlich nicht, wovon er redet. Von Auferstehung hat er noch keine Ahnung. Der da spricht, ist von blindem Gehorsam ebenso weit entfernt wie von verblendetem Fanatismus. Doch aus seinen Worten spricht eine große Anhänglichkeit und eine tiefe Treue. Darum kann ich das Gerede von einem "ungläubigen Thomas" nicht mehr hören! Bei der Gefangennahme Jesu waren alle Jünger geflohen. Nach und nach fanden sie wohl wieder zusammen: verängstigt und ratlos: Die Erinnerung an den Toten und die Gemeinschaft untereinander ist alles, was ihnen geblieben ist. Thomas war nicht bei ihnen. Sollte er mehr Angst gehabt haben als die anderen? Also statt ungläubiger: feiger Thomas? Wohl kaum, sonst hätte er doch vorher nicht so mutig gesprochen!

Vielleicht aus Trauer. Wenn ein Mensch stirbt, der einem alles gewesen ist, kann die Trauer uns verschließen, daß wir sonst nichts mehr hören und sehen. Was hilft es ihm, daß seine Gedanken immer wieder um den Verstorbenen kreisen, Erinnerungen wach werden, wie er ihn zum 1. Mal sah, wie dieser Jesus sein Leben veränderte, sein Leben auf einmal einen Sinn bekommen hatte. Ja , dieser Jesus war der Sinn seines Lebens geworden. Und dann dieses Ende! Da war nicht nur der Herr gestorben. Da war auch er mitgestorben. Eine solche Traurigkeit macht einsam, wie gut gemeint der Trost der anderen auch ist. Aber er erreicht uns nicht. Vielleicht war es so.

Acht Tage darauf war Thomas dabei. Wenn ihn die Trauer ferngehalten hat, ist er jetzt noch einsamer unter den Jüngern, als er es alleine war. Ihnen hat der Herr alle Traurigkeit schon genommen, ihnen hat er sich lebend gezeigt: "Wir haben den Herrn gesehen!"

Eben das glaubt ihnen Thomas nicht. "Wenn ich an seinen Händen nicht die Nagelwunden sehe und wenn ich meine Finger nicht in die Nagelwunden und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht." Das hat nichts zu tun mit wirklicher, bornierter Ungläubigkeit oder müder Skepsis, was ihn das sagen läßt. Nur zu gerne würde er sich von ihrer Freude anstecken lassen. Aber zu tief hat ihn dieser Tod getroffen, als daß er so schnell etwas so Unerhörtes glauben könnte: daß ein Toter lebt. Er will nicht noch einmal sterben. Was, wenn sie einer Einbildung erlegen sind? Wenn sie nur gesehen haben, was sie sich mit ihrem ganzen Herzen sehnlichst wünschen? Wenn sie sich täuschen, ohne es zu wissen? Ihnen kann er das noch nicht glauben! Und verhält er sich nicht genau so, wie die anderen Apostel vor 8 Tagen, die den Frauen, die vom Grab kamen, auch nicht geglaubt haben? Er will mit eigenen Augen sehen! Keiner kann ihm daraus einen Vorwurf machen! Auch Jesus nicht. Er will ihn auch nicht beschämen! Er nimmt ihn nur beim Wort - acht Tage darauf. "Leg deinen Finger hierher und sieh meine Hände....! Und Thomas antwortet mit dem kürzesten und schönsten Glaubensbekenntnis der ganzen Bibel:

"MEIN HERR UND MEIN GOTT!"

Und die Geschichte schließt mit einem Wort Jesu, daß sich zuerst an Thomas wendet und dann an uns alle: "Weil Du gesehen hast, glaubst du!" So sind wir: Wir sagen, ich glaube nur, was ich gesehen habe - und stellen glauben und sehen in Gegensatz, was nicht zulässig ist. Was ich sehen kann brauche ich oft nicht mehr zu glauben, ich weiß es. Manches, was ich zwar sehe, muß ich dennoch glauben, daß es wirklich so ist: wie die Jünger den Auferstandenen. Ohne das Sehen, wäre keiner von ihnen zum Glauben gekommen. Aber das hat nun bald ein Ende. Und dann wird eine Generation nach der anderen zum Glauben kommen nicht durch den Herrn, der sich Ihnen zu sehen gibt, sondern durch die Botschaft der Glaubenden. So sind auch wir zum Glauben gekommen. Und uns meint Jesus, wenn er sagt: "Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!" Daß wir das heute mit Freude annehmen können, das haben wir nicht zuletzt diesem "ungläubigen" Thomas zu verdanken!


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