Auf dem Wege

3. Ostersonntag 1996

Zwei sind auf dem Wege. Sie wissen auch, wohin. Es scheint sie in Emmaus nichts besonderes zu erwarten. Ihr Weg gleicht eher einer Flucht. Sie hatten große Erwartungen an diesen Jesus, von dem sie reden, geknüpft. Nun sind sie enttäuscht und scheinen in ihren Alltag zurückkehren zu wollen. Das Schicksal dieses Jesus belastet sie. Er war ein großer Prophet und wurde doch wie ein Verbrecher hingerichtet. Wo bleibt da die Gerechtigkeit? Wo bleibt Gott? Sie sind ratlos, mutlos. Auch mit dem, was ihnen die Frauen am Morgen von einem leeren Grab erzählten, können sie noch gar nichts anfangen....Wir sind es, die da auf dem Wege sind! Auch wir sind manchmal so enttäuscht von Gott und den Menschen. Wir haben so vieles erwartet von unserem Leben. Und so vieles hat sich nicht erfüllt. Also bescheiden wir uns. Das viele Leid in der Welt, all die Ungerechtigkeiten um uns herum, machen uns mut- und ratlos.

Da kann man eben nichts machen. Am besten zieht man sich auf sein Privatleben, in den eigenen kleinen Alltag zurück. Oder wir hadern mit Gott und der Welt, werfen den anderen ihr Unrecht oder ihre Lieblosigkeit vor, bejammern unser Schicksal und unser Unglück.

Doch es gilt auf dem Weg zu bleiben, nicht fertig zu sein mit unserem Urteil über Gott oder diesen oder jenen Mitmenschen. Auf dem Wege bleiben, wie diese beiden Jünger, zu hören und uns etwas sagen zu lassen, bereit sein, zu reden und zu fragen.

Manchmal fragen und hören wir ja nur scheinbar, weil wir glauben, die Antwort schon zu wissen und gar keine andere hören wollen. Selbst Gott kann uns dann nichts mehr sagen, weil wir nur noch uns selber hören.

Bleiben wir aber auf dem Weg, kann es uns geschehen wie den Emmausjüngern, daß unmerklich Christus uns zu begleiten beginnt, unerkannt zunächst in einem Wort der Schrift, einem Menschen, einem Buch, das uns anspricht. Und plötzlich springt ein Funke über, und unser Herz beginnt zu brennen und wir erkennen, was es mit unserem Leben auf sich hat. Wir beginnen zu begreifen, daß auch das Leid einen Sinn hat, ja notwendig ist, wenn man Gott besser verstehen will. Nicht das, was wir als Erfolg bezeichnen, ist das Maß aller Dinge, zu jedem Menschenleben gehören wesentlich auch die Niederlagen, das Scheitern, die Krankheit, die Angst und das Zweifeln.

"Wechselnde Pfade, Schatten und Licht, alles ist Gnade, fürchte Dich nicht". So stand es auf einer Postkarte, die ich ins Krankenhaus geschickt bekam.

Ostern bedeutet für unser Leben die entscheidende Wende: Wer Ostern gefunden hat, der sieht vieles, ja alles anders. Und dann bricht auch das Licht vollends durch! Beim Brotbrechen erkennen die Jünger den Aufer- standenen in ihrer Mitte. Er ist nun ganz bei ihnen angekommen und sie bei Ihm! Nun sieht alles anders aus.

Wenn wir mit unseren Sorgen und Anliegen, mit unserer Ratlosigkeit und unserer Enttäuschung Eucharistie feiern, das Wort Gottes hören, das Brot brechen und teilen, kann auch unser Leben anders werden! Es kann uns ein Licht aufgehen und wir erkennen, daß Jesus lebt, und daß auch wir leben dürfen!

"Noch in der selben Stunde brachen sie auf und kehrten nach Jerusalem zurück...und erzählten, was sie unterwegs erlebt hatten und wie sie Ihn erkannten, als er das Brot brach".

Der Weg der Jünger war noch nicht zu Ende. Sie können und wollen ihr Erlebnis nicht für sich behalten. Unbedingt und in der gleichen Stunde wollen sie es den anderen mitteilen, weitergeben.

Nur wenn wir unsere Ostererfahrung, unsere Begegnung mit Jesus auch anderen mitteilen, wird sie wirklich, wird der Auferstandene greifbar, erfahrbar auch in unserer Mitte, wird an Ostern etwas verändert, und wir sehen die Welt und unser Leben mit neuen Augen!


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