Der Hirte

4. Ostersonntag 1996

Man sollte es nicht glauben: so viele Schafe auf einmal: Nein, ich meine nicht Sie , sondern die riesige Herde, die ich gestern mit Ihrem Schäfer über die Wiesen ziehen sah; wohl geordnet, wie eine große Armee: mit den blühenden Obstbäumen ein schönes romantisches Bild, wie geschaffen für ein Foto im Album.

Ein Bild fürs Album? Im Matthäus-Evangelium wird "Hirt und Herde" ein Bild für die neue Kirche, die Jesus schaffen wollte. Ein zugegeben recht mißverständliches Bild für uns heute: "Ja," sagen wir, "genau so ist das mit der Kirche: da sind ein paar, die laufen mit dem Stock herum und scheuchen die Herde in den Pferch, und links und recht passen noch ein paar Hunde auf, daß keines der zappelnden Wesen über die Böschung springt". Ein Bild, daß unseren Widerwillen erregt. Das andere Extrem: der "Gute Hirte" nazarenischer Maler: Jesus in süßen Farben gemalt als friedlicher Schäfer mit dem Lämmlein über der Schulter: ein beliebtes Andachtsbild in den Gebetbüchern unserer Großeltern.

Sicher gebraucht Jesus dieses Bild vom "Hirten" in großer Zärtlichkeit; zugleich aber spricht er auch davon in hartem tödlichem Ernst: er allein ist der wahre Hirt der Schafe, ihr "Herr".

Unsere evangelischen Mitchristen sprechen das oft ganz betont und bedeutsam aus: "der Herr Jesus". Wie sagen wir es? In einer Zeit der Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung kommt das Wort "Herr", wie auch das Bild vom Hirten, wie gut gemeint auch immer, schlecht weg. Es gibt schon zu viele "Herren" in dieser Welt.

Wenn wir dieser Art von Jesus und damit von Gott zu reden, einmal nachgehen, geraten wir tief in die Urzeiten unseres Glaubens, in den Glauben des Volkes Israel. Israel glaubte zu einer Zeit, da die anderen Völker sich noch "Goldene Kälber" machten, an einen Gott, der größer und gewaltiger war als alles, was man sich vorstellen und begreifen kann. Dieser Gott übersteigt so sehr alles, daß er nicht einmal mit Namen ansprechbar ist. Auch dem Mose hat er keinen Namen genannt, sondern eine verschlüsselte Zusage gegeben: ICH BIN DER ICH DA BIN, hebräisch: JAHWE. Aber auch dieses Wort spricht kein frommer Jude aus; wenn es im Text auftaucht, sagt er: der Name, oder: die Himmel, der Allmächtige. In der griechischen Übersetzung wurde daraus: Kyrios, der Herr. Und die großen Propheten Israels nannten dann diesen Gott, den Hirten -kein namenloser, romantischer Schäfer, sondern der Herrscher, der König und Hirte seines Volkes Israel. Und da geschieht nun an Ostern etwas ganz Alarmierendes: Die Jünger fragen ganz neu nach diesem, ihrem gekreuzigten und nun auferstandenen Jesus: Wie sollen wir Dich nennen? Wer bist Du? Und der "ungläubige" Thomas sagt die neue umwälzende Glaubensformel: "Mein Herr und mein Gott"! zu dem , der gekreuzigt endete und nun auf einmal mächtig und unbesiegbar vor ihnen steht. In diesem Jesus ist für sie sichtbar und greifbar geworden der ferne und unbegreifliche Gott, den die Jahrtausende gesucht haben. In ihm offenbart sich der "ich bin da", der lebendige Gott. "Und sie verstanden", so wie er von Gott geredet hatte, so zärtlich und nahe, von seinem "abba", lieber Vater, so konnte nur einer reden, der ganz nahe bei ihm ist, ja aus ihm lebt, wie von der Luft, die er atmet. Und im Licht von Ostern sagt Jesus: ich und der Vater sind eins - und die erste Gemeinde bekennt: Du bist der Kyrios, der Herr. "Ich bin die Tür", sagt Jesus, der Zugang, der Durchbruch in der Mauer, die euch noch von Gott trennt. "Wer mich findet, findet Gott! Wer mich sieht, sieht den Vater"!

Und im Schlußbild des Mattäus-Evangeliums bekommt das Ganze dann eine noch größere, umfassende Dimension: Da spricht Matthäus vom Menschensohn, der daherkommt auf den Wolken des Himmels, dessen Kommen wie ein Blitz die ganze Welt von Osten bis Westen erhellt, der auf einem Thron sitzt und Mensch und Welt ins Gericht nimmt: und da ist es wieder unser Bild: Wie ein Hirte scheidet er die Schafe von den Böcken. Bestürzenderweise wird er dabei nicht nach der Lautstärke unserer Gebete oder der Zahl unserer Kniefälle fragen, sondern eine ganz unerwartete Frage stellen: "Habt ihr mich erkannt im Geringsten meiner Brüder und Schwestern?" Damit haben wir nicht gerechnet: Das ist erschütternd und zugleich göttlich konsequent. Er, dem alle Macht und Herrlichkeit gehört, macht sich gleich mit dem ausgestoßensten Menschen auf der Erde, gerade mit dem, den wir nicht sehen wollten oder übersahen!

Was ist das für ein Gott und Herr? Einer, der ganz klein wird und den letzten Platz einnimmt. Das Programm des Christentums ist das Programm vom letzten Platz. In der Nacht, in der das Wort wahr werden wird: "Ich werde den Hirten schlagen und die Herde zerstreuen", bückt er sich tief hinunter und wäscht den Jüngern die Füße. "Ein Beispiel habe ich Euch gegeben....". Er wird zum Nichts, ein König mit der Dornenkrone, im Spottgewand, dann aller seiner Kleider beraubt, am Kreuz verblutet: Aber indem er zum Nichts wurde, ist er für uns Alles. Weil Er im Tod in die Tiefe der Welt hinabstieg, ist Er nun überall. Sein Grab ist leer. Es gibt keinen qm der Welt, wo Er nicht zu finden wäre. Es gibt kein Menschenherz, das er nicht schon in Beschlag genommen hätte. "Mein Herr und mein Gott" - sagen auch wir heute zu ihm. Und Er antwortet: "Nicht wer zu mir "Herr" sagt, wird in das Himmelreich eingehen, sondern wer den Willen meines Vaters tut". Und: "Was ihr dem Geringsten......."


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