Nicht Tod, sondern Licht

7. Ostersonntag1996

Wenn ein Religionskundler nur diese Worte Jesu aus dem heutigen Evangelium kennen würde, müßte er fast zwingend daraus schließen, sie seien im alten Ägypten entstanden. Denn in der Oase am Nil glaubte man schon vor Jahrtausenden, daß alles, was in diesem irdischen Leben sich ereignete, so begrenzt es auch scheinen mag, nur der flüchtige Schatten und Widerschein einer anderen, ewigen Welt sei, hoch droben über den Sternen. Und es gebe da droben am Himmel unvergänglich alles, was uns hier auf Erden umgibt, nicht nur noch einmal, sondern dort oben sei die eigentliche Wirklichkeit zu suchen, von der hier auf Erden wir nur Traum und Schatten sind. Dort oben auf dem himmlischen Nil, würden in Wirklichkeit des morgens die Kähne unter ihren Segeln dahinfahren, um die Nahrung und das Getreide zwischen den Mächten zu transportieren und zu handeln, gingen des morgens die Tiere zur Weide, die Männer zur Arbeit und die Kinder zur Schule, und alles, was wir hier und jetzt tun, sei nur ein Vorausbild oder Abbild dieser wohlgeordneten, aller Vergänglichkeit enthobenen, von allem Leid befreiten ewigen Welt. Die Kirche des Ostens hat diese Sicht der Welt und des Glaubens noch ursprünglicher bewahrt als die lateinische. Wenn dort das Evangelienbuch aufgeschlagen wird, sieht und riecht man, wie das Wort Gottes, wie der Duft des Weihrauchs emporsteigt und zurück will zum Himmel, von wo es herabgestiegen ist als das ewige Wort Gottes in unsere Zeit. Während wir Eucharistie feiern und verstehen als Wegzehr auf dem langen Weg durch die Wüste unseres Lebens hinüber in das Land der Verheißung, feiert man dort die Liturgie als die Gegenwart des Göttlichen unter den Menschen, kommt für diese kurzen Stunden der Himmel selber auf die Erde. Und wir sind schon hier der ewigen Seligkeit in der Anschauung Gottes teilhaftig. In den Kirchen des Ostens stehen wir vor einer großen Bilderwand, die ebenso verhüllt wie durchscheinend ist und uns die Engel und Heiligen vor Augen stellt, die ja um uns sind, und die wir sehen müssen., um im Sichtbaren das Unsichtbare zu ahnen und im Unsichtbaren das Irdische verklärt zu finden.

So scheinen diese Worte Jesu in seinen Abschiedsreden nicht auf Erden gesprochen zu sein, sondern wie am Throne Gottes gesagt. Man hat sie mit einem schönen Wort das "Hohepriesterliche Gebet" Jesu genannt. Sie sind nicht gesprochen als die Worte eines einmal gesagten Fürbittgebetes für uns Menschen, als etwas, das sich erledigt hätte mit dem Weggang Jesu. Sie klingen vielmehr, wie wenn Zeit und Raum ihre Gültigkeit verloren hätten und es schon hier auf Erden die Gnade gäbe, Gott zu erkennen, ihn zu erfahren, in seiner Nähe leben zu können. "Denn das ist das ewige Leben" (sagt der Text wörtlich), "den einzigen und wahren Gott zu erkennen": es gibt keine Trennung mehr zwischen dieser Welt und einer anderen, zwischen dieser Zeit, die vorübereilt und einer ewigen, die jenseits des Tode anbricht; es gibt nur eine einzige Wirklichkeit, es gibt die Angst nicht mehr, die uns lähmt und das Herz verdunkelt; es gibt die Macht und den Fluch der Schuld nicht mehr, in der wir unser Leben verfehlen und einer des anderen Dasein beschwert. Es gibt den Abgrund der Verzweiflung nicht mehr, an dessen Rand wir uns festklammern, als ob es nur dieses eine kurze Leben gäbe. Das eben meint das Evangelium: Daß Jesus dieses Vertrauen bedeute, wir vermöchten zu leben, als ob kein Tod mehr sei und keine Macht der Finsternis und kein Schatten mehr, der über das Licht unserer Seele fällt.

Kein anderes Evangelium schildert uns diesen Jesus als den Sohn Gottes, aus einer anderen Welt des Lichts herabgestiegen und doch so bescheiden, wenn er uns versichert: er habe uns niemals etwas von sich hergegeben. Er war durchscheinend für die Welt Gottes, weil er wußte, daß man gar nichts Besseres tun kann, als darauf zu vertrauen, daß Gott auch für uns hell wird, wenn wir ihm nicht im Licht stehen, wenn wir nicht den eigenen Willen zwischen uns und den anderen Menschen schieben. Sondern möglichst absichtslos, möglichst weitherzig, möglichst vertrauensvoll und offen einander begegnen, damit Gott auch im anderen zu leben beginne. Auch wir müssen uns nicht fragen, was wir selber geben können, es genügt, einfach offen zu sein, daß Gottes Kraft uns durchströmen kann und wir sie weiterleiten, wie der große Strom Nil mit seinen Seitenarmen die Felder überflutet und befruchtet und zum Leben erweckt, die sonst in der Dürre brachlägen.

Was Johannes hier meint und Jesus sagen läßt ist dies: Es ist kein Unterschied zwischen Gott und dem, den er gesucht hat. Sie sind beide eins, und die Bedingung, es zu erfahren, liegt ganz und gar darin, daß wir selber eins werden mit Gott und mit uns selber. Das ist die Hoffnung, die Jesus uns anvertraut hat bis zum Ende der Tage, daß wir im anderen Gott wiederzuerkennen vermögen und uns von Ihm aufeinander verwiesen fühlen. Denn nichts verbindet uns Menschen stärker als unser Heimweh nach der Ewigkeit und das Gespür, daß das, was wir "Welt" nennen, uns niemals sättigt, erfüllt, unser Zuhause wird.

So ist auch jede Messe, die wir miteinander feiern, der Moment, in dem wir diese Wirklichkeit fühlen und spüren können und merken, daß es so ist: Mitte zwischen Zeit und Ewigkeit, Brücke zwischen zwei Welten oder besser: Zeichen dafür, daß nur eine Wirklichkeit ist, in der wir mit Gott und miteinander verbunden sind; der Ort, wo die Welt sich heiligt und unser Leben hinfindet zu seinem verborgenen Mittelpunkt, wo sich vereinigt, was sonst auseinanderfällt, und unser Leben sich ordnet. Jede Feier der Eucharistie -so schlicht sie auch sein mag- weist uns zurück in die Erinnerung an das verlorene Paradies und schickt uns hinaus in die Welt, die uns aufgetragen und verheißen ist. Aufgang und Ende sind eins in der Ewigkeit Gottes. Wir aber sind ein winziger Punkt, eine kleine Note, eine kurze Stelle der menschlichen Fuge im Gesang der Sphären, der Himmel, des Göttlichen: Gegenstand und Adressat eines nie endenden Gebetes im Mensch Jesus, im Herzen Gottes.


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