Pfingsten 1996
Neulich sah ich in einer Zeitung eine Karikatur. Erst habe ich mich geärgert, dann ließ sie mich nicht mehr los, nun ist eine Pfingstpredigt daraus geworden: Zu sehen waren die zwölf Apostel nach dem Pfingstereignis. Über jedem Kopf eine kleine Feuerzunge. Sie sitzen an einem langen Tisch. Durch die Tür im Hintergrund ist einer eingetreten, in der Hand hält er eine Zigarette. Die Apostel drehen sich überrascht nach ihm um. Darunter steht: "Entschuldigung, wenn ich störe, hätte einer von Ihnen vielleicht Feuer für mich?"
Banal, ärgerlich, geschmacklos - in der Tat, dachte ich zunächst - und so ist es auch. Ich ärgerte mich. Soll ich einen wütenden Leserbrief schreiben? Hier wird doch etwas, was mir und vielen Christen heilig ist, lächerlich gemacht - und auf nicht einmal besonders geistreiche Weise: Heiliges und Banales vermischt. Doch dann komme ich ins Nachdenken. Was wird hier eigentlich karikiert?: Doch nicht der Heilige Geist, sondern das Verhalten der Menschen! Ein Mann, der mit einem ganz normalen Anliegen unter die Heiligen gerät - und die Heiligen, die mit ihm und seinem Anliegen nichts anfangen können. Da haben sie gerade den heiligen Geist empfangen. Aber das hat noch nichts bewegt. Sie bleiben auf ihrem Platz sitzen, so unter sich, daß der Mann sich entschuldigt, weil er gestört hat. Also, die Apostel von damals, können damit auch nicht gemeint sein. Die sind aufgesprungen, haben die Fenster und Türen geöffnet, traten hinaus vor die Menschen hin und gaben sofort weiter, was sie empfangen hatten.
ANNEHMEN UND WEITERGEBEN - das ist das Thema von Pfingsten! In seiner Abschiedsrede hatte Jesus gesagt: "Gottes Liebe ist in mir und ich gebe sie an Euch weiter. Und meine Weisung an Euch ist, daß auch Ihr die Liebe weitergebt, die Ihr von mir empfangen habt!" Wenn also in dieser Karikatur nicht die Apostel von damals gemeint sind, wer ist denn dann damit gemeint? Vielleicht wir? Ein Karikaturist will ja den Leser oder Betrachter von heute herausfordern.
Jesu Liebe annehmen und weitergeben: das ist die Botschaft des Pfingstfestes auch für uns heute: Aber tun wir es?
Ich erinnere mich an ein Gespräch im kleinen Kreis anläßlich jenes unsäglichen Kruzifix-Streites im vergangenen Jahr. Ein Anthroposoph berichtete von den Inhalten und Idealen seiner Bewegung: von Gott und seinem Geist. Einer von uns meinte: "Das ist ja alles ganz schön. Aber neu ist das nicht. Das steht alles schon in der Bibel. Das haben wir doch schon seit 2000 Jahren in der Tasche!" "Na gut", meinte der Anthroposoph, dann holt es doch mal raus aus der Tasche und zeigt es. Dafür habt ihr es doch nicht bekommen, daß ihr es in die Tasche steckt."
"Entschuldigung, wenn ich störe", sagt der Mann in der Karikatur, " hat einer von Ihnen vielleicht Feuer für mich?" Er will Feuer für seine Zigarette, das ärgert uns. Es geht doch um das Feuer der Begeisterung, des Glaubens, des Heiligen Geistes. Nicht um so etwas Banales, Weltliches, Alltägliches....
Doch seit der Menschwerdung Gottes gibt es grundsätzlich keine Grenze mehr zwischen profan und heilig, zwischen Welt und Gott. Und wenn die Apostel damals im Abendmahlsaal gewartet hätten, bis sich die Menschen mit religiösen Fragen an sie gewandt hätten, hätten sie vielleicht lange warten können. Sicherlich ist es ein langer Weg vom Feuer für eine Zigarette bis zum Feuer der Begeisterung für Gott, aber es ist da ein Weg. Darüber kann jeder Seelsorger viel erzählen.
Für Jesus war nichts zu banal, nichts zu profan oder unbedeutend. Er konnte alles zum Gleichnis machen: die Fische im See und die Netze der Fischer, die Traube am Weinstock, auch das Aussäen des Korns, das Senfkorn und die verlorene Drachme....die ganze Welt, so profan und banal sie ist, soll zu Gott heimgeholt, geheiligt werden.
"Ihr seid das Salz der Erde", sagt Jesus in der Bergpredigt. Salz ist ja nun auch nicht etwas besonders Heiliges, sondern sehr alltäglich. Und doch sorgt es für den richtigen Geschmack und dafür, daß nichts verdirbt. Eine versalzene Suppe schmeckt nicht - und ohne Salz schmeckt sie auch nicht. Eigentlich ein sehr originelles Gleichnis, das Jesus hier bildet: die Welt als eine Suppe, an der wir löffeln, der wir den richtigen Geschmack geben sollen. Vielen schmeckt diese Suppe nicht. Manche finden sie geradezu ungenießbar. Es stehen uns zwar immer raffiniertere und stärkere Genüsse zur Verfügung, doch das macht die Suppe nicht immer besser. Nur die Appetitlosigkeit nimmt zu: Und nun sagt Jesus zu uns nicht: kocht doch euer eigenes Süppchen, sondern: Ihr seid das Salz für die Suppe der Welt. Ihr sollt die Menschen auf den Geschmack bringen, auf den
Geschmack an Gott! Bleibt nicht neben der Wirklichkeit der Welt und des Lebens, wie groß auch die Versuchung ist, sich drauszuhalten.
Als die junge Christengemeinde in Jerusalem dann zum 1. Mal unter Druck gerät und verfolgt wird, flüchteten viele in die umliegenden Orte und Länder. Und wo immer sie sich niederließen, verkündeten sie die Frohe Botschaft. Sie konnten davon unmöglich schweigen. Darum geht es, weitergeben, was wir bekommen haben, um diesen Schwung!! - Nicht darum, neben all dem, was wir sowieso schon tun, noch mehr tun und leisten!
"Du bist das Salz in der Suppe", sagt Gott zu mir! "Mit Deiner Fähigkeit zur Freude und mit Deiner Traurigkeit, mit Deiner Sehnsucht und Deiner Enttäuschung, mit allem, was gelungen ist an Dir und mit deinen sämtlichen Fehlern, mit Deinem großen Charme und deinen Hemmungen!" "Herr, das kann anstrengend werden", sage ich. Vielleicht. Aber die Alternative: schales Salz, ist zu trostlos: "Das", sagt Gott, "wäre zu schade, für Dich, für mich und für die Welt!"
Heiliger Geist, Du bist Gottes
verborgene Gegenwart in
dieser
Welt. Laß uns die Mög-
lichkeiten unseres Lebens nicht
verschlafen.
Sei du die Unruhe
zum Guten in uns und in der
Welt!