Dreifaltigkeitssonntag 1996
Was ist der Mensch? - Viele Definitionen hat man darüber zu geben versucht. Daß der Mensch ein Tier sei, welches denken können, galt lange Zeit als der Weisheit letzter Schluß. Doch ist dies fraglich geworden angesichts der Unvernunft so vieler "denkender" Zeitgenossen - und andererseits erschreckend, wenn man sieht, bis zu welcher Unmenschlichkeit ein Mensch "denken" kann.
Ich will es heute einmal mit einer ungewöhnlichen Definition versuchen: Der Mensch ist das Lebewesen, das mit Bewußtsein beten kann! Denn nur im Gebet nähern wir Menschen uns unserer eigentlichen Bestimmung; wenn wir unserer inneren Stimme folgend, eine Ahnung dafür bekommen, was Gott ist! Wie aber ist das Unvorstellbare vorstellbar, daß wir in der kurzen Zeit unserer irdischen Existenz, gebunden und gefesselt an unsere Endlichkeit, einen Funken und Schimmer in unserem Herzen tragen vom Unendlichen, Ewigen, Göttlichen?
Es lebt in uns ein Wissen um eine Art von Geistigkeit, die uns unendlich überlegen ist. Wo immer wir forschend oder suchend die Natur betrachten, öffnet sich uns ein Pfad ins Verborgene und Unsichtbare. Die Astronomen dringen in unübersehbare Räume vor, unser Kosmos dehnt sich Lichtjahre-weit ins Grenzenlose. Aus dem Staub der Sterne formen sich neue Welten, explodieren und verglühen. Und die Mikrobiologen schieben unser Wissen bis in die verborgensten Prozesse im Zellkern vor und wir erkennen staunend und fasziniert, draußen wie drinnen, da wie dort, daß unsere Welt von einer überragenden Vernunft entworfen und gestaltet worden ist. Der winzigste Einzeller ist unserer kompliziertesten technischen Anlage unendlich überlegen: in ihm steckt eine unvorstellbare Programmieranlage, ein gewaltiges Kraftwerk, ja er kann sich selbst reproduzieren und lebt in einer höchst sensiblen Eingepaßtheit in die Organisation des Ganzen. Kann man sich vorstellen, daß in einer winzigen Haarspitze das gesamte Lebensprogramm unseres Körpers und Geistes wie in einem Buch enthalten ist mit all unseren Lebensjahren und Entwicklungsmöglichkeiten - und das noch nach Jahrtausenden? Fürwahr, wer heute nicht an einen Schöpfergott als Ursprung dieser Welt glauben will - dankbar, staunend, erschüttert- glauben will, der will es eben nicht.
Und dennoch ist dieser Gott der Schöpfung auch Grund vieler Klagerufe und Proteste, Quelle tiefer Enttäuschung, die wieder in die Gottlosigkeit führen. ER hat Natur und Welt wohl hervorgebracht, aber sinnlos scheint es, sich an diesen Gott im Gebet zu wenden. Im Notfall ist jedes Antibiotikum wirksamer als Er. Ein Gott ist er ja, wie er im Wettersturm dem Hiob erscheint, ein Gott der macht, der überlegenen Weisheit, der den Menschen nur noch mehr hinabdrückt in seine Ohnmacht und in den Staub, so daß wir nur noch die Hand auf den Mund legen können und schweigen, weil wir ihn nicht verstehen und nicht mit ihm rechten können.
Der Gang des Kosmos ist groß, die Bewegung der Spiralnebel staunenswert, aber auf die Fragen unseres menschlichen Herzens antworten nicht die Sterne, nicht die Auffaltung der mächtigen Gebirge, nicht die jahrmillionenalte Entwicklung des Lebens, im Gegenteil: sie vermehren eher die Angst in unserem Herzen und beunruhigen uns.
Ein anderer Weg ist also nötig, um diesen Gott wiederzuentdecken und uns als Menschen auf dieser Welt zurechtzufinden. Dieser Weg heißt für uns: Jesus Christus. Was Er sagen und vor allem leben wollte, war keine neue Lehre, keine neue Theologie, sondern eine neue Weise, miteinander umzugehen. Wir mögen schon viel darüber nachgedacht haben, was Menschen miteinander verbindet, was es mit der Liebe sei. Was Christus uns lehrt, ist das Wahrste und Schönste darüber: es einfach mit der Brüderlichkeit und der Schwesterlichkeit zu versuchen, mit absichtsloser Güte, Zärtlichkeit und Liebe zueinander ... Wir brauchen, um Gott "Vater" nennen zu können, einen anderen Menschen als Bruder, als Schwester an unserer Seite. Einander sollen wir annehmen, daß wir im anderen Gott sehen können, und uns so gegen die Angst versichern durch die menschliche Würde, die unzerstörbare Größe eines jeden Menschenlebens. Es ist so viel aufzuarbeiten an Angst, die Menschen einander einjagen können, so viel Hartherzigkeit, die es unter uns gibt, aufzufangen. Nur im Angenommwerden kann unser Herz sich beruhigen und reifen zu einem starken, mutigen Vertrauen in ein Leben, das bestimmt ist für die Unendlichkeit.
So haben wir auf einem zweiten Weg durch Christus wieder zurückgefunden zu Gott und der Kraft unserer eigenen Seele, entdecken neu einen dritten Weg: die feine, sanfte, kaum hörbare Sprache unseres eigenen Herzens. Der Geist Gottes, der in uns lebt, beginnt, uns vertraut zu werden. Im Vertrauen zum anderen, der uns liebt, gewinnen wir auch Zutrauen zu uns selbst. Es leben in uns so viele spontane, herzliche Regungen. Doch immer wieder sperren wir sie ab aus lauter Angst und innerem Tumult. Es lebt in uns gar nichts, das nicht geprägt wäre von Gottes Geist und Weisheit. Das wieder hören und spüren zu lernen und in Einklang mit uns selber zu gelangen, bedeutet, Gottes Geist in uns und rings um uns herum zu spüren und zu glauben. Unsichtbar und fein verbindet uns diese göttliche Macht mit aller Welt und selbst das kleinste Atom wartet nur noch darauf, geistig beseelt zu werden und so fähig zu werden zur Anbetung.
So schließt sich auf allen drei Wegen der Kreis zur Einheit: in dem Gott der Schöpfung, wohnend in unzugänglichem Licht, in der Liebe und Geschwisterlichkeit mit den Menschen an unserer Seite und im Gespür des eigenen Herzens. Unser Denken, unser Fühlen und unser Herz weiß um einen Gott, spürt die Wahrheit und die Richtigkeit, zu "sein". Diese drei Wege zu Gott sind drei Gestalten Gottes in einer Natur. Und wir selber sind in diesen drei Kräften unserer Seele eins, wie Gott einer ist in drei Personen.
Mein ehemaliger "Chef" in Waldshut, den ich sehr schätzte, erzählte mir einmal, wie ihn ein russisches Mädchen über Gott belehrt habe. Am Kuban-Brückenkopf war er einquartiert bei einer Familie, mit deren Tochter er sich mit den wenigen Russisch, das er sprach, Abend für Abend unterhalten. So habe er sie bei einem Spaziergang entlang des Kubanstromes gefragt: "Wie ist es mit dem, was die Sowjets sagen, es gibt keinen Gott? Ich sehe bei Euch eine Ikone an der Wand mit einem ewigen Licht davor." Und das Mädchen habe, wohl mit Rücksicht auf sein gebrochenes Russisch, nur den Kopf geschüttelt und gesagt: "Es gibt Gott". "Aber woher weißt du?" fragte er. Da zeigte das Mädchen mit den Händen zu den Sternen und auf den Fluß, dann legte es seine Hand auf die Brust und sagte: "Auch Mutter hat es gesagt!".
Es gibt, glaube ich, keine bessere Zusammenfassung all dessen, was ich in meinem ganzen Leben über Gott sagen könnte!
Da ist die Sprache der Schönheit der Natur; da ist das Vertrauen und das Wissen um Menschen, die uns lieben; und da ist die Sprache und das Gefühl unseres eigenen Herzens, und alle drei bezeugen einen Gott, der in drei Weisen tätig ist und uns als Menschen in Liebe einigen will.
"Du, inmitten deiner Angst, vereinsamt in der Leere des Raums, ohnmächtig in der Unendlichkeit der Zeit, verschwindend hingegeben an die Vergänglichkeit, in dir, in dem Porträt deines Antlitzes, in der Gestalt deiner Seele erkenne ich etwas unendlich Kostbares. Im Gespräch mit dir formen sich Worte, in denen Gott auf eine unvordenkliche, einmalige und unwiederholbare Weise sich zum Ausdruck bringt, und ich selber beginne zu ahnen, daß Gott in dir etwas sagen wollte, das nur in dir Leben gewonnen hat. Unendlich muß Gott dich lieben, um dich ins Dasein gerufen zu haben. Der Augenschein trügt. Nicht das Lotteriespiel aus Myriaden Samenzellen und ein zufälliges Ergebnis, sondern ein Wille, der nur dich allein wollte und gemeint hat, spricht sich in dir aus, jenseits des Zufalls: eine Liebe, die dich umgriffen hat von Ewigkeit her. Und ihr glaube ich, dieser ewigen Liebe, daß sie dich nie vergessen wird, daß sie dich setzen wollte als eine Wirklichkeit außerhalb von Gott und dennoch dazu bestimmt, nur in ihm selber wirklich zu existieren. So ist es jetzt, und so wird es für alle Zeiten bleiben. Es wird dich, gerufen in der Zeit, jenseits der Vergänglichkeit für immer geben müssen."
Eugen Drewermann