10. Sonntag im Jahreskreis 1996
Es war in der Pause eines theologischen Kurses. Mehrere Teilnehmer standen zusammen. Einer der Jüngeren sagte plötzlich, fast wegwerfend, spöttisch, salopp: "Wer ist das eigentlich, dieser G-O-T-T?" Er sprach die einzelnen Buchstaben einzeln aus, aggressiv, fast zornig. Ich war verblüfft, sogar erschrocken. Unwillkürlich fühlte ich mich selbst in Frage gestellt, angegriffen: das Heiligste, einfach als Wort genommen, in seine Buchstaben zerlegt - irgendwie schien mir da eine stillschweigende Übereinkunft verletzt - und eine Leere blieb übrig, wie wenn eine Seifenblase zerplatzt wäre...
Ich weiß noch genau, wie ich darauf reagiert habe: betont lächelnd ging ich über die Frage und den Fragenden hinweg: ich ließ den jungen Theologen spüren, wie dumm, unpassend ich die Frage hielt. Wo wir doch alle wissen, was mit diesem Wort gemeint ist. Eine Provokation, Zeitverschwendung darauf einzugehen. Hinterher wurde mir klar: ich hatte die Herausforderung gespürt - und konnte nicht darauf antworten. Darum blockte ich ab. Spontan, blitzschnell: ich hatte das Gefühl, mich verteidigen zu müssen, mein Wissen zu betonen - und erkannte beschämt: So entstehen Glaubenskriege; so beginnt es, wenn Menschen sich wegen "Gott" verteufeln, exkommunizieren, einander die Köpfe einschlagen: sie kämpfen um das Durchsetzen der eigenen Meinung, um Ansehen und Geltung vor den anderen, keineswegs für den wirklichen Gott: Ob Eltern sich von den Fragen ihrer Kinder herausgefordert fühlen; Lehrer, von den Schülern provoziert, oder Pfarrer, die das alles ja schließlich studiert haben. Und ich erinnerte mich an eine ganz andere Gelegenheit, Gott zu buchstabieren. In einem Training am Mittelmeer hatten wir uns das Thema gestellt: "Mein Gottesbild". Es ging nicht um Gelerntes und Gewußtes, nicht um Katechismus und Dogmatik, nicht um die offizielle Lehre der Kirche, so wertvoll das alles ist. Es ging ganz subjektiv um das Gottes-"bild" das in jedem von uns seit Kindheit steckt. Es ging um das persönliche Erfahren und Erleben und den Mut, die eigene Entwicklung ernst zu nehmen: Wie habe ich mich als Kind erlebt: in welchen Beziehungen lebte ich, welche Ängste fand ich bedrohlich, welche Sehnsüchte und Wünsche hatte ich? Was war an Können da, an Selbstsicherheit, an Neugier? Das Arsenal meiner Erfahrungen und Gefühle, das mein ganzes weiteres Leben bestimmte, sollte noch einmal angeschaut werden. Denn auch mein Gott-sagen und Gott-denken hat eine Geschichte, keine objektive und allgemein verbindliche - aber meine!
Am Anfang steht viel unreflektiert Übernommenes, wie Hände-waschen und Essen-können und andere Fertigkeiten des Lebens: mit den ersten Kindergebeten gelernte Gottesvorstellungen. Dann kamen die ersten Spannungen: mit Vater, Mutter und Geschwistern. Angst vor Strafe taucht plötzlich auf im Gottesbild, das dumpfe Erleben von Druck, die erlösende Erfahrung von liebevoll angeschaut werden ebenso wie das bloßstellende Aufdecken von Fehlern und Schwächen, das Sich-öffnen-können und das Verstummen und Schweigen-müssen.
All diese Erfahrungen sind das Material meines Lebens, werden zu Bildern, in denen sich fängt und auszeichnet, was ein Mensch von dem unbegriffenen und (be)-greifbaren Gott hört und erfährt. Das Drama des Aufwachsens wird es entfalten, die Wendungen im Leben Um- und Irrwege bringen, allmähliche Wandlungen, plötzliche Neuentdeckungen, aber auch Stehenbleiben und Festhalten-wollen. Doch das Leben wird niemals stille stehen, der Strom der Ereignisse uns nach und nach verändern.
"Alles, was lebt, wandelt sich, und nur was sich wandelt, bleibt lebendig". Das war dann der nächste Schritt in diesem Kurs: sich zu erinnern, was und wie Neues dazu gekommen ist, wo sich tiefer einprägte, was mit Gott gemeint ist: Mir hat z.B. ein Satz von Paul Tillich viel gesagt: "Gott ist das, was mich unbedingt angeht!" Oder auch die Erfahrung in der Krankheit, daß es da in meinem Leben etwas Haltendes gegeben hat, einen verläßlichen Boden, der zwar hin und wieder geschwankt, aber letztlich getragen hat. Aber auch das allmähliche Freiwerden aus Bindungen, die nur noch beengen, aus Ängsten und Zwängen, die einem die Luft nehmen, innen wie außen. Und immer wieder die Erfahrung des Angesprochen-seins: Die Menschen, Dinge, Ereignisse meines Lebens... Das Telefon läutet: ich nehme ab: ein Anruf erreicht mich. Die Türglocke läutet; ich mache auf. Immer wieder dieses angesprochen werden, dieses aufmachen von innen her. Überhaupt: das Sehen- und Hören können, Wunder des Lebens, nie ganz zu verstehen.
Ein weiterer Schritt in dieser Entwicklung ist: daß alte, überholte einengende, ängstliche Gottesbilder allmählich, zerbröckeln: der strenge Vater, der den Menschen unmündig hält oder zum Aufbegehren zwingt, aber auch Über-macht der "Mutter" Kirche, die in vielen Predigten und kirchlichen Veranstaltungen ein Gottesbild prägt, das zur Harmonie zwingt und jeden Streit und jede Auseinandersetzung vereitelt. Doch selbst in Gold gegossene Gottesbilder sind schon seit der Bibel verboten.
Wir müssen also noch einmal ganz von vorne anfangen, weil das Reden von Gott nicht mehr selbstverständlich ist. Wir müssen fragen, erinnern, bewußt werden. Wir müssen Gepäck zurücklassen, um vorwärts zu kommen, denn wir suchen Wege auf ein sehr fernes Ziel hin. Etwa das Gepäck der festen Aussage-Sätze, die wir einmal über Gott gelernt haben: Gott ist gut, allmächtig, allwissend....Besser, als über Gott zu reden, ist Gott anzurufen: Gott, du führst mich! Höre mich! Goethes Mutter hat in ihren Briefen hinter das Wort Gott! Stets ein Ausrufezeichen gesetzt. Sie hat verstanden: Gott ist ein Ausruf, ein Anruf. Wir können nie genau definieren, was Gott ist.., und was nicht. So sollen wir von dem reden, was wir von ihm als zu uns gesagt, als an uns getan, in unserem Leben verspürt haben: Wir finden Gott immer weniger in den großen Begriffen und Glaubenssätzen - und immer mehr in den einfachen Tätigkeiten, Erfahrungen und Begegnungen unseres Lebens.
"An einen Gott glauben, heißt, die Frage nach dem Sinn des Lebens verstehen. An einen Gott glauben, heißt, sehen, daß es mit den Tatsachen der Welt noch nicht abgetan ist. An einen Gott glauben, heißt, sehen, welchen Sinn mein Leben hat"