11.Sonntag im Jahreskreis 1996
Da hat Jesus also seine Elf komplett. Das Spiel kann beginnen. Doch wieso elf? werden Sie fragen, es sind doch zwölf Apostel! Eine Verwechslung mit der Fußball-Europameisterschaft? Nein, achten Sie mal darauf: von Anfang an bekommt Judas Iskariot die rote Karte gezeigt: "der ihn später verraten hat." Wir erfahren es gleich zu Anfang: dieser Mann wird ausscheiden. Eine eigenartige Sache. Wieso machst du, Jesus, der du doch Gott selber und allwissend bist, so etwas? Wieso nimmst du von Anfang an den Verrat in Kauf.? Eine unlösbare Frage! Doch noch mehr beschäftigt mich ein anderer Satz dieses Evangeliums: "Geht nicht zu den Heiden und betretet nie eine Stadt der Samariter, sondern geht (nur) zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel!" Das ist ja, wie wenn heute einer zu uns sagen würde: Geht nicht zu Negern oder Atheisten, predigt nicht vor Moslems oder Protestanten, sondern bleibt schön katholisch! Ist das so gemeint? Ich weiß es nicht! Doch wir haben ein Stichwort: Katholisch - ein Reizwort schlechthin. Manche bekommen beim Credo das große Räuspern, wenn sie beten sollen: ich glaube an die katholische Kirche. Manche Eltern und Paten äußern bei den Taufgesprächen so ihre Bedenken, ob denn das alles so stimme: mit der heiligen katholischen Kirche. Selbst in unserem ökumenischen Glaubensbekenntnis ist hier eine Fußnote angebracht: man kann auch "allgemeine christliche" Kirche sagen...
Das Wort: katholisch, ist belastet. Wie kommt es? Die meisten empfinden dieses Wort als eine Einschränkung: hier geht es um eine bestimmte Konfession, hier wird ein Zaun gezogen, hier sollen wir vereinnahmt werden, da geht es eng, borniert, unduldsam zu. Tausend Ängste, Erinnerungen, schlechte Erfahrungen werden wach.....
Das Wort ist gar nicht so leicht zu übersetzen: wörtlich heißt es: "auf das Ganze hin", etwas, "das uns ganz und gar" angeht! Deshalb halte ich die Alternative: "allgemein -christlich" in der Tat für zu "allgemein". Das erinnert mich so an Sätze wie "wir sind doch alle Christen" - und " wir glauben doch alle an den gleichen Herrgott". Das klingt so schön ökumenisch. Ist aber oft eine Ökumene der Ignoranten. Sie werden es nicht glauben, so mancher "gute Christ", der sich auf die Bergpredigt beruft, konnte keinen Satz daraus zitieren!.
"Katholisch", das ist eigentlich ein großes Wort - und ein
großartiges Programm! Lassen Sie es mich Ihnen ein wenig erklären:
Katholisch,
das ist für mich die neue Kirche Jesu Christi, die sich aus dem Gottesvolk
des alten Bundes nun weltumfassend und völkerverbindend öffnet für
die ganze, weite Welt: damals griechisch Oikumene genannt. Damals sollten die Jünger
zuerst zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gehen. Aus dem Rest Israels
schafft Gott sich sein kommendes weltweites Reich. Im pfingstlichen Jerusalem
beginnt die Verheißung der Propheten sich zu erfüllen, daß die
Völker der Erde nach Zion pilgern werden, die Sprachverwirrung ein Ende hat
und jeder in seiner Sprache die neue Frohe Botschaft versteht. Und nach und nach
tasteten sich die Jünger hinein in die große Menschheit, machten sich
auf und gingen tatsächlich bis an die Grenzen der Erde. Und seither
haben Menschen in dieser Kirche millionenfach ihr Leben und ihre Liebe
eingesetzt, Pioniere der Nächstenliebe und der sozialen Tat, Propheten der
Versöhnung und des Friedens, Märtyrer der Wahrheit und der Menschenwürde.
Warum nur sind wir so vergeßlich, wenn es um das Gute in unserer
Geschichte geht, und nicht auch ein wenig stolz auf diese Kirche, nicht auf die
römische, auf die katholische!
Katholisch, auf das Ganze hin bezogen, empfinde ich unsere Kirche auf ihrem Weg durch die Geschichte. Oft und oft schuldig geworden und immer wieder, da und dort und auch heute, am Rande des Scheiterns, das ist auch ein Zeichen für ihre Echtheit und Glaubwürdigkeit - und ihren Ursprung! Der Weg der Kirche: Aufbruch, Verfolgtwerden, Entzweiung, Ringen um die Wahrheit, Versuchung der Macht, Verblendung, Schuld, mühseliges Umkehren - Und immer wieder die Leidenschaft der Liebe. Innozenz III, der Papst der Macht, der einen Kaiser nach Canossa zwang, und Franziskus, der nackte und arme Bettler, beide liebten sie dieselbe Kirche. Die großen Kirchenspaltungen, erst im Osten, dann im Westen, die Tragödie der sich bekämpfenden Christen, der Aufstand der Aufklärung, der die "Götter der Vernunft" auf die Altäre setzte, die Götterdämmerung der Menschheit in unserem Jahrhundert der menschenverachtenden Ideologien, der Glaube an den Fortschritt, der uns an den Abgrund des universalen Selbstmords gebracht hat, der Zusammenbruch der kommunistischen Systeme, und in alledem die Kirche, älter geworden, ärmer, aber vielleicht auch ein wenig weiser, und immer wieder jung in den Völkern und Gemeinschaften, die sie gerade neu für sich entdecken: der Weg Jesu Christi durch die Zeit, der allein uns Leben, Weitergehen, Zusammenhalt und Vollendung garantiert...
Und schließlich ist "Katholisch" für mich nicht nur die weltweite Ausrichtung, der universale Gang durch die Geschichte, sondern auch der Querschnitt dessen, was uns Menschen an Einsichten und Glaubenserfahrung möglich ist und geschenkt wird, allumfassend und unerschöpflich in der Fülle des Lebens und der Tiefe der Wahrheit: was geht alles in unsere Köpfe und Herzen hinein, wenn wir es nur zulassen. Katholisch heißt für mich auch, daß in unseren Kirchen und Gemeinden die Fülle menschlicher Lebens- und Glaubenserfahrungen zusammenfließen darf und muß und ernstgenommen werden soll! Weil wir einander brauchen! Wenn wir doch alle unseren Glauben zusammentäten! Was könnte daraus werden! Und: Gott ist größer als unser Herz - warum sollen wir engherzig sein? Ein unvergessener Jugendseelsorger, Gründer des Jugendhauses Altenberg in den zwanziger Jahren, Prälat Carl Mosterts, hat einmal das - uns heute befremdlich klingende Wort vom "Katholischen Menschen" geprägt: Er meinte damit: der katholische Mensch kennt als Maßstab des Lebens das Ewige - was könnte uns das an Gelassenheit schenken! Es gibt für ihn keinen Bruch zwischen Schöpfung und Gnade, zwischen Gott und Welt -was könnte das für eine Bejahung des Lebens und Freude am Dasein geben!
Und: Der "Katholische Mensch" ist fähig, schuldig zu werden, aber auch zu seiner Schuld zu stehen und so Vergebung zu finden.- Was würde das für eine Befreiung sein, für eine Welt, die an nichts mehr schuld ist und sich so selbst entmündigt - und un-menschlich geworden ist!
Ich hoffe, es ist Ihnen bei allem aufgefallen, daß nicht einmal die Rede war von Konfession oder Abgrenzung. Vielmehr ging es um eine Grunderfahrung von Kirche, die wir alle bekennen können und die ich allen wünsche -quer durch alle Konfessionen: das wäre echte Ökumene:
Denn Katholisch, das ist der Maßstab, an dem alles gemessen werden muß: das römische und das protestantische, dann wären wir - wie es der Name der dritten großen christlichen Konfession sagt, wahrhaft "orthodox"-rechtgläubig: auf deutsch: wir lägen richtig! Wir könnten unser Credo sprechen, ohne räuspern zu müssen oder rot zu werden: "umfassend christlich" würde ich das nennen. So würde ich heute "Katholisch" übersetzen.