12. Sonntag im Jahreskreis 1996
Da beten wir in unserem Glaubensbekenntnis: ....an die eine heilige, katholische Kirche...
Nicht nur "Katholisch" nennen wir unsere Kirche, was schon problematisch genug ist, nein, wir nennen sie auch "heilig" - und das nicht etwa in einer fernen Zukunft, sondern jetzt schon! "Nein" sagen da viele, "mit mir nicht! Ich erlebe doch genau das Gegenteil: eine ärgerniserregende Kirche, eine Kirche, in der es drunter und drüber geht, eine Kirche, in der es Sünde zuhauf gibt und allzu viel Menschliches, in der menschliche Interessen und Maßstäbe, Intrigen und Machtspiele oft mit den Händen zu greifen sind. Und die unbeweglich und starr auf ihren längst überholten Positionen sitzen bleibt. Können wir Menschen - und aus wem sonst besteht die Kirche? - dann dieses Wort "heilig" überhaupt auf uns selber anwenden? Gehört es nicht in jenen Bereich wo wir auf das Äußerste und Tiefste, auf das Unbegreifliche stoßen, an die äußerste Grenze unserer Existenz, wo wir von uns aus nicht mehr weiterkommen, an ein letztes Geheimnis rühren und besser daran täten, anbetend in die Knie zu sinken? "Heilig", das gibt es für uns bestenfalls noch als Traum, von früher, als die Welt noch "heil" war, von einem verlorenen Paradies, oder von einer fernen Zukunft, in der alles wieder "heil" werden wird: aber jetzt erleben wir uns "heil-los" und "un-heilig" erst recht!
Ja, so ist sie denn, diese "heilige Kirche". Wenn wir uns hier unter uns umschauen, ist da was von Heiligkeit zu entdecken? "Schein-heilig" ja, allenthalben. Aber was sollen wir tun?. Das "heilig" streichen, oder es weiter bekennen? Das hätte Konsequenzen! Dann schauen wir in einen Spiegel und fragen: wie müßtest du denn sein? Und die Frage geht nicht an eine anonyme Adresse, nicht an einen "Heiligen" Vater in Rom, sie geht an uns.
Viele Menschen heute fragen nach dem Sinn des Lebens. Doch viele sehen nur ein schwarzes Loch, ein dunkles Vakuum. Doch wenn der Sinn stumpf und dunkel wird, wird die Sinn-losigkeit mächtig. "Es ist alles so schrecklich sinnlos, ich gebe auf", sagen viele. Und tun es dann auch! Und da ergreift nun ein anderer die Initiative, mischt sich ein, legt Hand an uns und sagt. "Du bist heilig", weil ich heilig bin. Ich kenne dich. Hab keine Angst. Ich bin ja bei dir. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mir von Anbeginn bekannt. Du stammst ja von mir. Und deshalb darfst du nicht untergehen!"
Um diesen Punkt dreht sich alles!. Es ist der Punkt, wo wir von der Liebe getroffen werden, nicht von einer Liebe, die zu kaufen oder schnell zu gewinnen wäre, sondern von einer äußersten und letzten Liebe, die uns oft, wie im Vorbeihuschen, nur flüchtig streift, in Kostproben zu ahnen, die aber das Beste in mir, mein gutes Wesen zur Entfaltung bringen kann, wie eine Knospe, die ganz in sich verschlossen, von der Sonne berührt, sich entfaltet. Da bin ich ganz ich selber, beginne zu werden, was ich sein möchte und viel zu wenig bin. Darum geht es, wenn wir von "heilig" sprechen. Die Umwandlung meines Herzens, die Entfaltung meiner Person, die Öffnung des Innersten. Und das nicht nur für mich, sondern auch um vieler anderer willen! "Wenn ich dich so treffen kann", sagt Gott, "dann kann ich auch meine Kirche ins Herz treffen, sie im Innersten verwandeln!"
Also, warum sollen wir es nicht wieder neu miteinander versuchen. Der Anfang ist ja schon gemacht. Bevor wir zappeln und strampeln konnten, hat einer seine Hand auf uns gelegt: wir gehören Ihm schon! Schade, daß das so oft vergessen und verschüttet ist. So viele suchen nach Geborgenheit und Halt in ihrem Leben: Hier ist Er! Irgendwo in den Schubladen unseres Lebens haben wir etwas, das ist Gold wert, das ist eine Ewigkeit wert. Warum holen wir es nicht heraus? Warum strahlen wir nichts aus von dem Licht und der Begeisterung, die irgendwo in unserem Leben schlummert? Die in uns verschüttete und kaputtgegangene Liebe macht die "Heillosigkeit" unseres Lebens und unserer Welt aus! Doch warum sollte das Wunder nicht neu geschehen, das Abenteuer Gottes uns liebend, leidenschaftlich, verlockend herausfordern, die neue Welt in unserem Herzen aufleuchten, der Traum von einer heiligen, gotterfüllten Kirche Wirklichkeit werden?! Wenn wir sie bekennen, schauen wir nicht auf ein fernes, nie einzuholendes Ziel. Wir bekennen uns zu etwas, das heute schon so sein könnte. Schon heute könnten wir Christen sein, bei denen es gefunkt hat. Aber auch, wenn es mit uns nur langsam und müde weitergeht, es geht nie um ein bloß Zukünftiges, ein Später-mal, es geht um uns: Jetzt oder nie!
Da wird es dann sehr konkret. Da gibt es Namen. Da tauchen Menschen auf, die schon in diesem Licht stehen: die Heiligen: von Gott ergriffene, von IHM ganz und gar in Besitz genommene und geprägte Menschen. Vom Feuersturm Gottes erfaßt, von einer Liebe gepackt, die alles verwandeln kann, wurden sie zu Leuchttürmen in einer finsteren und stürmisch bewegten Zeit.
Da ist der Mann in der Wüste, Johannes, der Täufer am Jordan. Er steht auf und bietet den Mächtigen die Stirn. Und weil er den Anspruch Gottes auch vor dem König nicht zurücknimmt, verliert er den Kopf - buchstäblich. 1500 Jahre später in England. Thomas Morus, "ein Mann für jedes Wetter", wie ein Biograph sagt. Auch er widerstand seinem König, weil er das Gebot Gottes gebrochen - und auch sein Kopf mußte rollen! Da ist ein Bernhard Lichtenberg in Berlin oder ein Karl Leisner, die dem Nationalsozialismus die Stirn boten. Ob England oder Palästina, ob Berlin oder Münster, Sie alle wußten: ich stehe auf dem Boden Gottes - nichts kann mich trennen von seiner Liebe! Der Heilige weiß: ich bin in Gottes Hand! Und: ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns?
Überall, wo diese Glaubenszuversicht in einem Menschenleben aufleuchtet, wird in einer gottlosen Welt Hoffnung sichtbar. Nachdem wir bauten und nichts fertig brachten als unseren babylonischen Turm mit seiner großen Sprachverwirrung, baut nun Gott seine Kirche neu, aus lebendigen Steinen, und bringt in ihr ein neues Verstehen in Gang.
Und wenn wir jetzt das Gedächtnis Christi feiern und Gottes Geist auf uns herabrufen, dann ist alles darin und gegenwärtig. Dann berührt uns Gottes Atem und Hauch. Und was da geschieht, soll uns alle erfassen. Jeder soll mit hineingenommen sein. Unser Friedensgruß ist dafür nur eine flüchtige Ahnung.
Dann brauchen wir auch voreinander nicht mehr stumm bleiben, können lernen, miteinander unsere Hoffnung auszutauschen. Jeder trägt die Sehnsucht danach mit sich herum. Warum nur kommt so schwer ein Gespräch darüber in Gang? Warum hält jeder verschämt seine Hand darüber? Wir würden die "Heilige Kirche" entdecken, zumindest die Spur dahin, den Weg, auf dem so viele unterwegs sind - und es wäre ein Segen:
FÜR UNS UND FÜR DIE WELT !