Über die Geduld, wachsen zu lassen

15. Sonntag im Jahreskreis 1996

Eine Legende aus Kindertagen geht mir nicht mehr aus dem Sinn: die Legende vom gefallenen Engel Luzifer. Luzifer war der beste, reinste, klügste und mächtigste aller Engel Gottes; über viele hunderttausende von Jahren Gott als treuester Diener ergeben. Eines Tages, da hat Gott beschlossen, die Welt zu erschaffen. Und dagegen hat er sich aufgelehnt. Warum? Die Legende sagt, er habe vorausgesehen, wie unendlich viel Leid unausweichlich in dieser geplanten Schöpfung enthalten sein werde. Dagegen lehnte er sich auf, kündigte Gott den Gehorsam, beschloß, alles Böse in der Welt auszureißen. Seither richtet er nichts an als Unheil und Zerstörung.

Nun steht diese Geschichte so weder im Katechismus noch in der Bibel, doch je länger ich darüber nachdenke, desto weiser und vernünftiger kommt sie mir vor. Es mag viele kleine und große Übel in unseren menschlichen Herzen und unserer Gesellschaft geben und vieles, was aus Gedankenlosigkeit, Nachlässigkeit, Unwissenheit, Bequemlichkeit, ja - und manchmal auch aus bösem Willen herrührt. Doch kein Unheil wütet in der menschlichen Geschichte so dämonisch, so furchtbar und grausam wie der fanatische Wille zum absolut Guten, wie das bedingungslose Streben, die menschliche Geschichte und Natur von allem Negativen, von jedem Schatten, von allem Schmutz reinzufegen. Diesem Bemühen unzähliger "gefallener Engel" verdanken wir die Revolutionen, die "Heiligen Kriege", die Razzien, die Ausrottungen und die ethnischen Säuberungen unserer Geschichte und Tage. Im Namen der Reinheit werden bis heute Inquisitionen geführt, Säuberungsaktionen geleitet, Menschen vertrieben, gefoltert, ermordet und die schlimmsten Unbarmherzigkeiten begangen - und dies reinen Herzens und ruhigen Gewissens.

Und nicht nur im großen verhält es sich so: schlimmer und schrecklicher ist es noch, sehen zu müssen, wie man immer wieder Menschen nötigt, ebenso unbarmherzig mit sich selber umzugehen: wir müßten das Böse in uns ausrotten, sagte man uns von Kindheit an; wir müßten uns selber beherrschen lernen, wir dürften keinen Tag verstreichen lassen, an dem wir nicht gegen das wuchernde Unkraut in unseren Seelen ins Feld und zu Felde ziehen. Und es ist eine der wirklichen Tragödien unseres Menschenlebens, daß diese Propheten der uneingeschränkten Anwendung von "Unkraut-Ex" auch so rasch handfeste Erfolge vorzuweisen haben: in der Natur und in unseren Seelen: Du mußt einem Kind nur klar genug sagen, was verboten ist, was es zu tun und zu lassen hat, was es hassen und verabscheuen muß und es nur konsequent genug spüren lassen, wofür es was auf die Finger oder den Hintern gibt, und schon hat man in aller Regel das Gewünschte: ein gehorsames, ein gutes, ein anständiges, ein ordentliches Kind - und seine Ruhe!

Und immer erst zu spät erkennt man die verhängnisvolle Langzeitwirkung aller Unkrautvernichtungsmittel: Sie vergiften auch den Boden und die Seele und bald wächst überhaupt nichts mehr: Nichts Böses, aber auch nichts Gutes. Immer erst zu spät begreifen wir, daß es diese reine Welt, die wir erhoffen, nicht gibt, kein klares Schwarz - Weiß, sondern nur diese von Gott geschaffene Wirklichkeit zwischen Hell und Dunkel mit dem ganzen bunten Spektrum der Farben des Regenbogens mit all den schillernden Übergängen und all den Zweideutigkeiten des flimmernden Lichts. Und erst allmählich lernen wir, daß unsere Einteilung in Nutzkraut und Unkraut willkürlich ist und Gott in seiner Schöpfung nichts verleugnen muß.

Wie man die Geduld gewinnt, wachsen zu lassen, das ist die eigentliche Frage des Gleichnisses vom Sämann im Evangelium des heutigen Tages. Und die Antwort Jesu darauf ist: unbedingtes Vertrauen in das Gute im menschlichen Herzen, das unsere Angst heilen kann und unseren Zwang zur Perfektion, unsere so oft vergeblichen moralischen Anstrengungen mildert. Das, was wir Seelsorge und heute Psychotherapie nennen, besteht aus nichts anderem als eben diesem geduldigen Vertrauen, wachsen zu lassen, was in jeder Menschenseele als Kraft zum Guten und Heilenden angelegt ist.

Gewiß, gerade Psychotherapie und Seelsorge zeigen uns auch, wie oft der Schrecken über das Unkraut Macht über uns gewinnt, wie schnell uns der Druck der Angst nötigt, dem Durcheinander in uns selber und um uns herum ein Ende zu bereiten. Und darum, so meint Jesus in diesem Gleichnis, sollten wir um so mehr auf Gott schauen und ihm ganz zuversichtlich zutrauen, daß er die Welt und darinnen auch uns nicht ganz verkehrt geschaffen hat. Alles, was lebt auch in unseren Herzen und Seelen, verdient gelebt zu werden und die ganze Lebenskunst besteht darin, nichts auszurotten, nichts zu bekämpfen, sondern alles gemeinsam wachsen zu lassen bis zu Gottes Ernte!

Daraus läßt sich noch ganz schnell eine praktische Regel für unseren Umgang miteinander ableiten: Daß wir zuerst 100 mal, mindestens 100 mal, einander anerkennen, loben und bestätigen müssen und so zum Wachsen verhelfen allem, was im anderen gut, lebendig und schön ist - ehe wir auch nur ein einziges Mal sagen, dies und das sei falsch an ihm! Und selbst dieses eine Mal der Kritik wird sich hinterher als überflüssig herausstellen. Denn wann kennen wir einen anderen Menschen wirklich - und was gibt uns das Recht, etwas an ihm oder in ihm zu verteufeln?

Der Acker Gottes ist so unendlich weit. Er verträgt keine Zäune und Absperrungen. Nur Gott selber kann unterscheiden zwischen Gut und Böse, zwischen Unkraut und Weizen in unserem Leben: Und ER wird schon rechtzeitig alles Unkraut in unserem Leben verbrennen, unseren Weizen aber einfahren in die himmliche Scheune, in das gottähnliche Leben, da unser irdisches Leben die Brücke findet und den Zugang in Gottes große Unendlichkeit.


[ Übersicht | vorherige Ansprache | nächste Ansprache ]