19. Sonntag im Jahreskreis 1996
Daß Wasser keine Balken hat, hätte Petrus eigentlich wissen müssen, schließlich war er Fischer und damit sozusagen Fachmann für Gewässerfragen. Um so unverständlicher, wenn gerade er zu dieser gespensterhaften Erscheinung, die da mitten in der Nacht zwischen den hochgehenden Wellen auftaucht, sagt:" Herr, wenn Du es bist, so befiehl, daß ich auf dem Wasser zu Dir komme!" Unter den gegebenen Umständen war das geradezu töricht. Schließlich befand er sich mit seinen Freunden in einem kleinen Boot mitten auf dem sturmgepeitschten See. Stundenlang hatten sie schon gegen die Macht der Elemente angekämpft und konnten froh sein, daß sie das Boot so einigermaßen über Wasser halten konnten. Und nun will Petrus das bißchen Sicherheit, das er im Boot hatte, auch noch aufgeben. Das konnte ja nicht gut gehen! Die ersten Schritte: nun ja! Aber dann kommt, was kommen mußte: er beginnt zu sinken, die Wellen schlagen über ihm zusammen. In Todesangst schreit er: "Herr rette mich!" Und sofort greift Jesus nach seiner Hand, zieht ihn empor, hält ihn fest - und sagt zu ihm. "Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?"
Du "Kleingläubiger", sagt Jesus. - Kleingläubiger - ein merkwürdiges Wort: wir würden eher an einen kleinen Handwerker denken, der beim Konkurs eines seiner Kunden bei diesem noch ein paar Rechnungen offen hat, die "peanuts" sozusagen einer großen Pleite! Wir hätten uns wahrscheinlich an den Kopf gefaßt und zu Petrus gesagt: Bist du verrückt geworden, wie kannst du bei diesem Wellengang und mitten in der Nacht einfach ins Wasser springen! Ein Mann in deinem Alter! Willst Du Gott auf die Probe stellen? Aber genau das tadelt Jesus nicht. Er tadelt nicht die Verrücktheit und die Verwegenheit des Petrus, die hatte er ja geradezu herausgefordert, er tadelt seinen "kleinen Glauben".
Da wird deutlich, daß dieser Bericht im Evangelium mehr sein will als eine biblische Gespenstergeschichte oder eine besonders dramatische Wunder-Erzählung. Sie erzählt uns von einem wichtigen Augenblick in der Lebens- und Glaubensgeschichte dieses Petrus: - oder ist es gar unsere eigene?
Wir gehören schließlich auch zu den Jüngern Jesu -mehr oder weniger, gewiß. Doch wir trotten in der Schafherde des Guten Hirten mit, mal mißmutig, mal froh. Wir lassen uns manchmal von den saftigen Gräsern und lockenden Blüten auf den Wiesen nebenan verführen - - und ärgern uns dann über den Schäferhund, der uns zur Herde zurücktreiben will. Wir haben unsere Vorbehalte und machen unsere Einschränkungen -man soll es mit dem Christsein ja auch nicht übertreiben - und der Heiligenschein, der auch nachts noch strahlt, ist lästig. Aber im Grunde wollen wir schon zur Herde Christi gehören und zu ihm, der uns vorausgeht. Und so folgen wir ihm, so gut - oder schlecht es sich mit unserem übrigen Leben vereinbaren läßt - man muß eben Kompromisse schließen. Denn schließlich gibt es auf dieser Welt noch andere Dinge als Glaube und Religion.
Meinen wir, daß es bei den ersten Jüngern Jesu anders gewesen ist? Sicherlich haben sie sich gesonnt in dem Beifall der Masse bei ihrem wundertätigen Anführer, haben sich gerne kostenlos speisen lassen und um die besten Plätze bei Tisch gerangelt - und sind schließlich wie die Hasen davon gerannt, als es in Gethsemani Ernst wurde: Wie wenig haben sie von dem verstanden, was ihrem Meister am Herzen lag!
So gesehen, erahnen wir vielleicht besser, was sich da auf dem stürmischen See abgespielt hat: Petrus steigt aus dem Boot, wider alle Vernunft und Lebenserfahrung, ohne Vorsicht oder gar kühle Berechnung, ohne Angst und Rückversicherung. Warum um alles in der Welt tut er das? Er hätte doch warten können, bis sich alle am sicheren Ufer träfen. Jesus wäre schon nachgekommen! Er hat sie doch ausdrücklich dorthin geschickt. Warum also diese Ungeduld? Dieser Petrus war ja kein Abenteurer oder Phantast. Er hat sich auch nicht blind in den See gestürzt, er wollte schon einen tragfähigen Grund für seine Entscheidung haben. Darum ruft er in die Nacht: "Herr, wenn Du es bist....". Und weil es der Herr ist, und er sagt: "Komm!", ist nur noch eins wichtig: möglichst schnell bei Ihm zu sein! Das kann nur einen Grund haben: eine solche Torheit begeht nur, wer liebt. Die Liebe treibt Petrus aus dem Boot. Und wer je geliebt hat, weiß wovon ich rede: Die Liebe überfällt und ereilt ihn mit ihrer urgewaltigen Kraft, läßt alle Angst, jede drohende Gefahr, jede rationale Entscheidung, jegliche Kosten-Nutzen Berechnung vergessen. Der Sinn eines menschlichen Lebens kann sich in solch einer Stunde enthüllen!
Natürlich hält solch eine Begeisterung nicht lange vor. Die Lebenserfahrung hat uns auch skeptisch gemacht. Die Schwerkraft der Realität zieht uns hinunter. Die Begeisterung kühlt schnell ab in den Stürmen des Lebens, der Anlauf bleibt stecken, die Angst vor der eigenen Courage stellt sich ein - warum sollte es dem Petrus anders ergehen! Sein ungestümes Herz hatte ihn dazu getrieben, alle auf eine Karte zu setzen. Er wagt es, sich allein tragen zu lassen von der Liebe zu seinem Herrn, an den er in dieser Stunde glaubt, wie sonst nie in seinem Leben. In diesem Augenblick wächst Petrus über sich hinaus, entfernt sich von jedem Mittelmaß, seinem und unserem: Nicht lange! Dann regt sich der Zweifel, ob solch kühnes Unterfangen wirklich gelingen kann, ob die Liebe ihn betört hat, Unmögliches zu verlangen und zu beginnen. Daß es viel sicherer gewesen wäre bei den anderen im Boot zu bleiben. Sein großer, von der Liebe entzündeter Glaube fällt in sich zusammen wie ein angestochener Luftballon: Da beginnt er zu sinken! Doch Jesus läßt ihn nicht untergehen und rettet ihn aus dem alles verschlingenden Abgrund der Angst und des Versagens.
Das ist tröstlich für uns, die wir auch oft auf halbem Wege stehen
bleiben. "Kleingläubiger", sagt Jesus zu Petrus. Da schwingt eine
Spur Traurigkeit mit. Aber keine Verurteilung! Eher eine Feststellung Und
eigentlich höre ich auch eine Verlockung heraus:
eine Verlockung meiner
Sehnsucht nach dem großen Glauben und der wahren Liebe, die es wagt aus
dem Boot zu steigen, wenn ER zu mir sagt:
KOMM !