Das Ziel allen Reisens

23. Sonntag im Jahreskreis 1996

Viele waren in diesem Jahr wieder unterwegs: für kurz oder lang. In der Nähe oder weit weg. Dieses unterwegs sein, ob im Auto oder mit der Bahn, im Flugzeug, mit dem Schiff oder zu Fuß, fasziniert uns jedes Jahr neu: es ist das Gleichnis unseres Lebens.

Man vergleicht diesen jährlichen Aufbruch in den Urlaub gern mit einer Völkerwanderung: zu Recht, was die Zahl angeht: ganze Völker sind unterwegs. Zu Unrecht, was den Grund betrifft: niemand ist unterwegs aus reiner Not, auf der Suche nach einer neuen Existenz und Bleibe.: Völkerwanderung mit Rückfahrkarte: wir kommen alle wieder -hoffentlich! Ende August ist alles wieder so, wie es Anfang Juli war!

Oder doch nicht? Das Reisen hat uns viel Geld gekostet! Nicht selten sind wir über Verlauf und Erleben enttäuscht. Mancher kommt krank zurück - und der eine oder andere gar nicht! Aber das alles hält uns nicht davon ab, es jedes Jahr wieder zu versuchen! Weil es alle tun? Oder spüren wir eine geheime Unruhe tief in uns selber? Was empfinden wir, wenn wir verreisen? Das erste: Wir sind nicht mehr zu Hause. Das zweite: ich bin ein Gast! Ein Gast ist eine "vorübergehende" Erscheinung: Wenn mich das Zimmermädchen im Hotel fragt, ob ich morgen noch da bin, meint sie nicht mich, sondern will nur wissen, ob sie das Bett frisch beziehen muß. Ich spüre, wie begrenzt mit mir gerechnet wird. "Ich bin nur Gast auf Erden".. Dem Gast werden zwar Wünsche erfüllt - aber nicht umsonst! Zu Hause ist auch nichts umsonst, aber da merke ich es nicht so.

Zu Hause lebe ich im Gewohnten. Das hat auch sein Gutes. Aber Gewohnheiten machen auch unempfindlich. Wenn ich verreise, verlasse ich meine Gewohnheiten, ihren Trott und ihren Schutz. Ich werde empfindsamer für Dinge, für Menschen, für Erlebnisse, für alles, was mir widerfährt. Reisen heißt Abschied und Ankunft, Kommen und Gehen. Ankommen erfüllt mit Hoffnung, mit der Freude, sich der bevorstehenden Dinge und Ereignisse bemächtigen zu können, Neues zu sehen und zu erleben, vieles vor sich zu haben. Abschiednehmen heißt: Menschen und Dingen, Orten und Landschaften den Rücken zu kehren, etwas zurückzulassen, nicht mehr zu haben. Das sind "Wasserzeichen", die unser Leben prägen. Nie sind sie deutlicher als beim Aufbruch, bei der Ankunft und bei der Heimkehr!

Und: Wer reist, hat ein Ziel! Das hat er sich selber ausgesucht. Damit hat er sich beschäftigt: eine Stadt, eine Landschaft, ein Kunstwerk! Wir spüren, es ist schön, ein Ziel zu haben. Das ist eine Anstrengung wert. Und schön ist es, das ersehnte Ziel zu erreichen!

Oft reisen wir mit anderen zusammen. Auf die Reisegefährten muß ich mich verlassen. Das ist ein Risiko, birgt aber auch Chancen. Natürlich muß ich mich auch zu Hause auf andere Menschen einlassen. Wie sehr das Leben ein Austausch ist, wie sehr der eine vom anderen lebt, wir einander brauchen, wird auf der Reise besonders deutlich.

Auf der Reise bin ich "unterwegs". Nicht mehr die Pantoffeln und der häusliche Fernsehsessel sind meine Erkennungszeichen, sondern Koffer, Fahrkarte, Wanderstock, Reisetasche. Das Reisen macht mir das Unterwegssein als Gleichnis meines Lebens bewußter: Ich bin immer einer, der unterwegs ist. "Homo viator", sagt der Lateiner: der Mensch auf dem Wege.

In Verona kam ich in eine kleine Kirche. Hinter dem Chor war eine Marmorplatte in den Boden eingelassen. Ein Name stand darauf, ein Todesjahr, etwa 200 Jahre her. Und in Latein der Satz: "Wanderer, der du hier stehst, bete für mich, daß ich das Ziel meines Lebens erreiche". Der Mensch ein Wanderer? - - So ist es!

Wenn eine Frau schwanger ist, sagen wir, bei ihr sei etwas "unterwegs". So waren wir alle unterwegs, und sind es geblieben. Auf den Armen von Vater und Mutter haben wir angefangen, dann an ihrer Hand, dann ohne Hand.

Als Gott den Abraham in Chaldäa zum Stammvater seines Volkes machen wollte, war das erste, was er ihm sagte:" Geh in ein Land, das ich dir zeigen werde!" - Und Abraham ging. Er ließ sich auf das Ungewisse und das Wagnis ein! Und immer, wenn die Bibel zeigen will, daß ein Mensch sich auf Gott einläßt, zeigt sie diesen Menschen, wie er unterwegs ist. Jesus war während seines Wirkens ständig unterwegs. Das war geradezu sein "Markenzeichen", mit dem er sich vorstellte: "Die Vögel haben ihre Nester, die Füchse ihre Höhlen; der Menschensohn hat nichts, wohin er sein Haupt legen kann". Seine Heimat ist der Vater. Als seine Leidensgeschichte begann, sagt er: "Ich gehe heim!"

Eine Reise kann noch so schön sein, immer hat sie ein Ende. Doch der Reisende ist noch nicht am Ende, wenn seine Reise aufhört. Jede Reise ist ein Gleichnis für unser Leben, für die große Reise, auf der wir uns befinden. Doch auch dann sind wir nicht am Ende, wenn unsere Lebensreise zu Ende geht. Wir kehren heim zum Vater: Ganz und endgültig heim!

DAS IST DAS ZIEL ALL UNSERES REISENS!


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