24. Sonntag im Jahreskreis 1996
Ich mag Sonnenblumen. Majestätisch sind sie, groß und einfach schön. In ihrem satten gelb und in ihrer klaren Form bilden sie auf Erden die Sonne ab, bringen uns etwas von ihrem Glanz, ihrer Wärme und Schönheit, selbst in die düstersten Herbsttage. Starke Pflanzen sind die Sonnenblumen, groß und eindrucksvoll, und gehalten von festen Wurzeln, die ihnen Kraft geben, Nahrung und Sicherheit.
Ich weiß nicht, ob zur Zeit Jesu in Palästina Sonnenblumen wuchsen. Wenn ja, dann hätte er diese Blumen sicherlich gemocht. Wahrscheinlich hätte er auch von ihnen erzählt. Denn viele seiner Geschichten erinnern mich an eine Sonnen-Blume, und an Menschen, die ihre Wurzeln in Gott gefunden haben und Sein Leuchten auf ihren Gesichtern tragen.
Menschen wie Sonnenblumen. Kinder Gottes in einer traumhaften Sicherheit: Ich bin getragen. So wie eine Mutter ihr Kind auf den Armen trägt., sorgsam, daß es nicht befürchten muß, herunter zu fallen. So wie ihr wachsamer Blick auch die ersten kleinen Ausflüge begleitet, das Kind dabei sozusagen getragen ist von ihrer Aufmerksamkeit. Und fällt es dann hin, steht es sofort wieder auf; denn es weiß wohin mit seinen Tränen, mit seinem Schmerz, mit seinen zerschundenen Knien. So ist ein solcher Mensch: ein von Gott getragener, damals wie heute, hier und immer.
Menschen wie Sonnenblumen, Kinder des Vaters im Himmel, die ihr Leben entgegennehmen als Geschenk aus Seinen Händen, die vertrauen und glauben können, daß ER ganz nahe bei ihnen ist, die leben können ohne unnötige oder übertriebene Schuldgefühle und ohne Angst. Und die zuversichtlich hoffen, über den Tod hinaus getragen zu werden von Seiner Hand und zurückkehren zu dürfen in den ewigen Lichtglanz Seiner Sonne.
Ein Wunschtraum, werden Sie sagen, und ich stimme Ihnen zu: die Wirklichkeit ist ganz anders. Viele Menschen, damals wie heute, sind Entwurzelte, Verunsicherte, Enttäuschte - von Gott und der Welt. Viele schämen sich vor sich selbst, wagen gar nicht, vor Gott hinzutreten, sind verzweifelt, ohne Wurzeln, ohne inneren Halt.
Ich erinnere mich an eine junge Frau, grau das Gesicht, voller hilflosem Trotz. Das erste, was sie zu mir sagte: "Ich bin der letzte Dreck. Glauben Sie ja nicht, daß es sich lohnt, mit mir zu reden".
Was hat für sie "Mutter" bedeutet?: Eine, die sie ansieht und seufzt und ihr erzählt, was sie alles tun könnte, wenn bloß das Kind nicht wäre! "Du bist mir ein Klotz am Bein!", ist die entsetzliche Botschaft, die sie ihr ins Leben mitgegeben hat. Und der Vater? Er besteht in ihrer Erinnerung nur aus Fäusten und Gewalt und dem einen Satz: "Daß dieses Dreckskind immer hier rumläuft!"
Sicherlich extrem. Und doch treffen wir sie immer wieder: in den Beratungsstellen, in den Krankenhäusern, in den Gemeinden: Menschen, unsicher und geduckt. Sie sind mit ihren Leiden immer allein gewesen, haben ihren Schmerz mit niemandem teilen können, fanden in der ganzen Welt keinen einzigen Ort, wo sie sich ausweinen könnten. Und so haben sie gelernt: Man muß auf die Zähne beißen und tapfer sein. Ihr Leben lang getreten, schwören sie sich, sich nie wieder treten zu lassen: lieber selber treten. Ihr Auftreten ist laut und herausfordernd. Nur keine Schwächen zeigen. Und wie sie ihre eigene Wehrlosigkeit und Hilflosigkeit hassen, so hassen sie auch alles Schwache überall auf der Welt: Ausländer, Bettler, Behinderte. Menschen ohne Wurzeln und ohne Sonne, die lieblos und barbarisch mit sich selbst und mit anderen umgehen.
Und mir fallen Kollegen ein, Mitarbeiter/innen in der Seelsorge, Schwestern und Pfleger in den Kliniken und Altersheimen, die für andere alles tun, sie pflegen und versorgen mit einer unglaublichen Geduld und Liebe. Doch wenn sie sich selbst etwas gönnen sollen, sind sie unfähig, sich selbst gegenüber lieb zu sein. Lob und Dank wehren sie ab. Sie müssen immer nützlich, immer gut, immer hilfsbereit sein, und gehen mit sich selbst um so unerbittlicher ins Gericht: Menschen ohne Eigenstand und Selbstvertrauen.
Und Manche stehen am Morgen vor ihrem Spiegel und sehen nur eine Karikatur ihrer selbst. Schämen sich für ihre Armseligkeit und ihre Mängel, für ihre Eigenheiten, ihre vermeintliche Dummheit und angebliche Häßlichkeit.
Hören wir jetzt den Satz Jesu im Evangelium mit neuen Ohren?: "Wenn du ein Essen gibst, dann lade Arme, Krüppel, Lahme und Blinde ein!". Das ist nicht nur so dahin gesagt. Das ist das, wofür Jesus ein Leben lang gelebt hat: mit Feingefühl und Takt den Verlorenen nachgehen, Ansehen und Aufmerksamkeit gerade denen schenken, die ihre Selbstachtung verloren haben, die geduckten und gedeckelten Menschenkinder so aufrichten, daß sie ihren freien Gang wiederentdecken.
"Wenn du ein Essen gibst, lade Arme, Krüppel, Lahme und Blinde ein". Uns ruft Er auf, den Tisch unseres Lebens zu teilen mit den Verlorenen und Verzweifelten, den Trauernden und Ratlosen. Den Armen und Hungernden. Ihnen Nahrung zu geben und Gemeinschaft. Und Raum und Ansehen! Und ebenso dem, was in unserem eigenen Leben verloren ist und verzweifelt, traurig und ratlos. Worte und Taten, die sich wie Balsam auf Wunden legen, Freiheit, neu leben zu lernen, Verwundungen zuzugeben, Abschied zu nehmen von alten Feind- und Selbstbildern, neue Wege zu gehen:
Mühsame Wege, aber Wege zur Heilung.
So können Menschen
heranwachsen, deren Gesichter wieder leuchten von Hoffnung und Liebe.
Menschen
wie Sonnenblumen
Menschen, die sich einzusetzen wagen für das Leben, für
Frieden und Gerechtigkeit, und gut umgehen können mit den Menschen und
unserer Erde.
Menschen wie Sonnenblumen
und Hoffnungsfunken in einer
gequälten und geschändeten Welt!