Die Geladenen

28. Sonntag im Jahreskreis 1996

Das Christentum ist keine harmlose Angelegenheit. Gottes Gnade ist das größte Angebot, das dem Menschen gemacht werden kann. Doch ihre Ablehnung ist auch eine Ablehnung Gottes und hat schwerwiegendste Folgen. Gott nimmt den Menschen ernst, in seinem Ja und in seinem Nein.

Das Gleichnis vom Hochzeitsmahl zeigt das in voller Deutlichkeit. Es schildert uns vier Gruppen von Geladenen.

Die erste Gruppe sind die Geschäftigen und Geschäftemacher. Religion sagt ihnen nichts. Es sind Menschen, für die nur das Materielle eine Realität ist. Religion und Glaube ist für sie ein Luxus, den sie sich nicht leisten können, etwas für Nichtstuer, die nicht wissen, das Zeit Geld ist. - Das erste Lehnwort, das die russische Sprache aus dem Amerikanischen gebildet hat, war bisinesmen -businessman - Geschäftemacher.

Ein Geschäftsmann ist ganz für sein Geschäft da; er weiß, daß er alle Zeit nutzen muß, um sich wirtschaftliche Vorteile zu erkämpfen und seine Position zu sichern. Gott und Glaube interessieren ihn nicht. Das gehört nicht in seine Welt. Er hat mit Börsenspekulationen, Bankgeschäften, Immobilien, Kaufen und Verkaufen zu tun, mit beruflichem Fortkommen und gesellschaftlicher Stellung. Die Einladung Gottes bleibt unerledigt auf seinem Schreibtisch liegen oder wandert gleich in den Papierkorb.

Die zweite Gruppe sind die Ablehnenden, die Feindseligen: Im Gleichnis bringen sie die Überbringer der Einladung sogar kurzerhand um. Sie hassen, was mit Glaube, Christentum und Kirche zu tun hat. Die Religion ist ihnen keineswegs gleichgültig, sondern ein Hindernis für den Fortschritt der Gesellschaft, ein Hemmschuh der Entwicklung, ein lästiges Überbleibsel einer abergläubischen Vergangenheit, das nun endgültig ausgerottet werden muß. So führen sie den Kampf in Wort und Schrift, in den Zeitungen und im Fernsehen, schließen sich zusammen zu gezielten Aktionen, schaffen ein Klima der Feindseligkeit und des Spottes gegenüber allem, was mit Religion und Christentum zu tun hat.

Die dritte Gruppe sind die Oberflächlichen. Sie halten nichts von äußeren Formen und Konventionen, altmodisch ausgedrückt: Die Ehrfurchtslosen. Im Gleichnis vertritt sie eine Gestalt: der Mann, der von der Straße zur Hochzeit geladen wurde, aber das dazu in der Vorhalle üblicherweise angebotene Festgewand nicht angezogen hat. Offensichtlich ist er der Überzeugung, daß sein Anzug für das Fest gut genug ist und der König ihn nehmen soll, wie er ist: an sich ein sympathischer Zug. Er übersieht, daß diese Einladung, dieses Fest und vor allem der Einladende etwas ganz Besonderes ist. Aufs Religiöse übertragen, sind dies Menschen, die gar nicht wissen (wollen), um was es bei Gott geht. Religion ist für sie etwas neben vielem anderen, dem man von Zeit zu Zeit, manchmal mehr gezwungen als freiwillig, nachgeht. Man geht am Sonntagmorgen zur Kirche, so wie man mittags zum Essen, abends in ein Konzert und tagsüber ins Büro geht. Gott soll doch froh sein, wenn ich seiner Einladung Folge leiste. Und die Gemeinde darf sich glücklich schätzen, wenn ich zum Gottesdienst und zum Gemeindefest erscheine. Das ist nicht bös gemeint, aber viele Menschen haben noch gar nie richtig erlebt, wer Gott ist. Sie spüren nichts von dem Unterschied zwischen Geschöpf und Schöpfer, Zeit und Ewigkeit. So reden und denken sie über Religion, wie sie über Politik und Sport reden und denken. Es fehlt ihnen ganz einfach die geforderte innere Haltung der Ehrfurcht, das Gespür, daß Gott etwas ganz außerordentlich Wichtiges und Besonderes für sie ist. Und so kümmern sie sich auch nicht darum, ob sie in der Gnade und im Wohlwollen Gottes leben und vor den Augen des ewigen Königs bestehen werden (Äußerlich sind sie Eingeladene, innerlich aber, in ihrem Denken, im Geist und in der Gesinnung gehören sie noch nicht dazu).

Die Folgen für alle drei Gruppen sind drastisch: Hinauswurf aus dem erleuchteten Festsaal in die Finsternis, unerbittliches Gericht, Entzug der Erwählung und Einladung, Ausschluß aus dem Reich Gottes (und wohlgemerkt: auch die Zugehörigkeit zum auserwählten Volk bewahrt sie davor nicht!).

Wer aber sind nun die eigentlichen Hochzeitsgäste? Nach dem Bericht des Evangeliums ausdrücklich alle, die man (so untertags müßig und untätig) auf den Straßen und Plätzen antreffen kann, Gute wie Böse: keine Qualifikation, auch keine soziale: wen man auf der Straße so trifft: reich oder arm, gesund oder krank, dick oder dünn. Aber worin unterscheiden sie sich nun von den anderen? Sie haben die Einladung gerne angenommen und voll Freude sind sie auch gekommen. Sie haben gespürt: das ist die große Chance meines Lebens. Spontan und ohne einen Augenblick zu zögern, haben sie Folge geleistet. Voller Ehrfurcht und Staunen treten sie in den Palast des großen Königs. Sie spüren: hier beginnt eine neue Welt, ein neues Leben für sie. Sie sind bereit, den "alten Menschen" zurückzulassen, das geschenkte Festgewand anzunehmen und überzuziehen, innerlich wie äußerlich neue Menschen zu werden, bereit und würdig für das große Fest, das ein Vorgeschmack des Himmels ist.

Es sind die Menschen, die wissen, was Gnade ist und Erlösung, herausgerufen zu sein aus der Finsternis in die festliche Beleuchtung des Hochzeitsaales, befreit aus den Fesseln der Angst und Schuld in die Freiheit, welche die Nähe Gottes ausstrahlt.

Es sind die Menschen, die wissen, daß Glaube nicht alles ist, aber ohne Glauben alles nichts ist., die ihre Einladung und Berufung zum Christsein als großes, alles übertreffendes Geschenk der Gnade Gottes zu würdigen wissen, weil sie auch die schmerzliche Erfahrung ihrer eigenen Schwäche und Fehlerhaftigkeit noch in sich tragen.

Aber nun verliert sich alles im Glanz festlicher Freude, in Gottes Reich bei der großen Hochzeitsfeier, die bei seiner Menschwerdung seinen Anfang hat und bei seiner Wiederkunft ihre volle festliche Höhe erreichen wird: ein Licht, das nie mehr verlöscht, eine Freude, die nicht mehr zerbricht, ein Lied, das nie mehr verklingt.

Christentum ist keine harmlose Angelegenheit und schon gar keine langweilige, weil auch unser Gott nicht harmlos oder langweilig ist!

ER fordert unsere klare Entscheidung: für oder wider, ja oder nein! Es geht um alles oder nichts, um Sein oder Nichtsein - und das für eine ganze
Ewigkeit!


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