Herbst

29. Sonntag im Jahreskreis 1996

Mit einem Rausch von Farben, großartiger und reicher als ein Künstler es je hinzaubern könnte, verabschiedet sich in diesen Tagen der Herbst von uns! Haben Sie einmal einen Blick dafür gehabt? Haben Sie ein wenig gestaunt, dankbar gestaunt?

Da kann uns eine Ahnung kommen, daß uns einer beschenken will, der nicht nur reichhaltig in seinen Farbtopf gegriffen hat, sondern überhaupt in das unerschöpfliche Reservoir seiner Ideen und Möglichkeiten. Wie flüchtig fällt ein Blatt vom Baum, und wie wunderbar ist es!

Heute morgen sah ich vor der Türe ein Blatt am Boden liegen, das war so schön, so vollendet, daß ich es aufgehoben habe. Natürlich ist es nach ein paar Tagen verdorrt. Aber wer greift denn da so hinein in den Überschwang der Möglichkeiten ? Wer streut da so verschwenderisch aus von seiner Herrlichkeit, daß sie auch verdorrt, verfault, zertreten und weggeworfen werden kann?

Wir Menschen gehen mit unseren Wegwerfmöglichkeiten anders um, wir produzieren Müll, furchtbar viel Müll. Und wir produzieren zuviel Häßliches, wir zertrampeln die Welt, häufen unseren Abfall auf und ersticken in unserem hausgemachten Smog. Der Andere, der machte diese Welt herrlich. Selbst im Herabfallen der Blätter zeigt sich SEINE bunte Pracht und schöpferische Vielfalt! Sichtbar wird: auch das Vergängliche ist auf Herrlichkeit hin angelegt.

Am Anfang, sagt die Bibel, war der Atem Gottes über dem Chaos und dem Wasser. Und aus SEINEM Atem ging die Welt hervor. Vorher war das Nichts, und da war ER, und ER SPRACH, heißt es. Er ist ein Gott der spricht - und damit etwas bewirkt!

Das sagen wir in eine Zeit hinein, die das nicht mehr so recht glauben kann. Wozu brauchen wir einen Gott? Dem Unberechenbaren in Natur und Universum werden wir schon noch hinter die letzten Schliche kommen. Wir sind die Macher und werden es machen!

Unser lateinisches Credo nennt Gott nicht Creator - den Schöpfer - sondern Factor - den Macher: "factorem coeli et terrae": Wir glauben an Gott, der Himmel und Erde gemacht hat. Das klingt nüchtern und sachlich - und nach einer ganzen Portion Demut: Göttlicher Demut.

Wenn ich so Tag für Tag in meinem kleinen Haushalt herumwirtschafte, dann ist das "meine kleine Welt". Sie funktioniert - meistens. Manchmal, macht sie auch Spaß. Nur wenn ich die Tür aufmache, ist die Welt draußen viel größer. Natürlich wissen wir das! Doch manchmal frage ich mich, ob wir nicht allzu oft hängen bleiben an und in unseren kleinen Problemen, daran hängen bleiben, wie die Fliege an einem Fliegenfänger - und daran auch manchmal zu enden - und die wunderbare, faszinierende Welt um uns vergessen. Aus was für einer Herrlichkeit ist unser Leben entstanden - und in welcher wird es enden?! Jeder Tag enthält tausend Chancen, daraus etwas Neues, Hoffnungsvolles zu "machen". Denn Gott "macht" unser Leben immer noch - Tag für Tag neu!

Da kommt einer in Sicht, der alles umgreift und zusammenhält. Warum sollte dieser Gott erst an der äußersten Grenze dieser Welt und unseres Lebens oder in den Grauzonen unserer Erkenntnis zu finden sein? Ist ER nicht vielmehr der zündende Funke, der all unser Fragen und Entdecken erst in Bewegung gebracht hat? Und alles beginnt mit dem großen Staunen vor dem, was ER kann!. Können wir noch Zwiesprache halten mit einem Blatt oder einer Blume, den bunten und leuchtenden Geschöpfen aus dem verschwenderischen Überfluß der Natur? Gott ist verschwenderisch! Wenn wir IHN entdecken und uns als einen Teil SEINER Schöpfung, fangen wir an, unser Menschsein in seiner Kostbarkeit wiederzuentdecken, finden wir staunend neu zu uns selbst. Dann kann es uns zwar auch passieren, daß wir nachdenklich werden vor einem schnell welkenden und weggeworfenen Herbstblatt. Die Worte des Psalmisten klingen uns im Ohr: "Des Menschen Tage sind wie das Gras. Er blüht wie die Blume des Feldes. Fährt der Wind darüber, ist sie hin. Der Ort, wo sie stand, weiß von ihr nichts mehr!" Unser Leben wie im Zeitraffer! In Wirklichkeit tragen wir das All in uns. In jedem Menschen bricht noch einmal der Schöpfungsmorgen an. Das Ja zum Anfang des Lebens wird noch einmal gesprochen. "Gut, daß ich da bin! Gut, daß es dich gibt: Eben dich will ich", sagt Gott, "mit deinen langen oder kurzen Jahren, mit deinen Stärken und deinen Schwächen, dich, den es sonst in meiner ganzen Schöpfung nicht gibt!"

"Lobe den Herrn, der künstlich und fein dich bereitet" haben wir eben gesungen. Wie ein Künstler hat uns der geschaffen, der die Baugesetze der Welt bis in die Atome hinein ausgedacht hat und das wunderbare Geflecht der Wirklichkeit im Dasein hält. "Selbst jedes Haar auf deinem Kopf ist gezählt", sagt Jesus einmal Da streicht sich mancher über seine Glatze und denk: Na ja. Aber im Ernst: Das soll heißen: Jede Faser, jede Zelle und jedes Gen in mir ist gehalten von dem , der Himmel und Erde gemacht hat. Und dem auch der Kummer, den einer oder eine mit dem Haarausfall hat, nicht entgeht.

Und selbst wenn ich alt und kauzig werde, in
Krankheit und Todesangst wird ER zugegen sein,
wird ER mich halten, auch wenn ich nichts
mehr "machen" kann. Gott, der FACTOR,
um den ich nicht herumkomme, auf
den ich aber auch zählen darf!
Der entscheidende Factor
meines Lebens!

ER: Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben............


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