31. Sonntag im Jahreskreis 1996
Es ist in unserem Sprachgebrauch zum Schimpfwort geworden: der Name Pharisäer. Wir verbinden damit den Vorwurf der Heuchelei und Engstirnigkeit, von Rechthaberei und Unbarmherzigkeit, nicht zuletzt entstanden durch die entsprechenden Berichte der Evangelien. Wir wissen heute, daß diese Pharisäer in den Evangelien überspitzt und einseitig dargestellt werden. Sie waren unter den Juden eine durchaus anzuerkennende und ernstzunehmende Gruppe, die versuchten, untadelig das zu leben, was das Gesetz vorschreibt. Dennoch ist der Gegensatz zwischen ihnen und Jesus in den Evangelien offensichtlich unüberbrückbar. Mit allen möglichen Leuten kam Jesus zurecht, insbesondere mit den Außenseitern und Randgruppen. Die Diebe, Räuber und Huren scheint er fast in sein Herz geschlossen zu haben, nur mit diesen frommen Pharisäern, der religiösen Elite seines Volkes, hatte er seine Probleme.
Wenn wir ehrlich sind: haben wir nicht auch manchmal den Eindruck, die Sympathien Jesu hätten ein wenig zu einseitig den Sündern gegolten? Hat er es den Ordentlichen und Korrekten -wie uns- nicht direkt ins Gesicht gesagt, daß sie Schwierigkeiten hätten, zum Reich Gottes Zugang zu finden? Und wenn wir bei den Arbeitern im Weinberg gewesen wären, wir wären auch mißmutig und verdrossen gewesen, wenn die Letzten den gleichen Lohn erhalten hätten wie wir, die wir die Last und die Hitze eines langen Arbeitstages getragen hätten. Nur, Jesus verurteilt nicht die Pharisäer und schon gar nicht ihre guten Taten: Beten, Fasten, Almosen geben, das sind ja durchaus erwünschte und lobenswerte Werke - bis heute. Er hat nur an ihnen etwas entdeckt, was er beispielhaft uns allen abschreckend vor Augen halten wollte: wie schnell Frömmigkeit und gute Werke verderben, ja ins Gegenteil verkehrt werden, wenn sie zur bloßen Fassade werden, zum Haschen nach Lob und Anerkennung, wenn das äußere Tun nicht mehr übereinstimmt mit den inneren Gedanken des Herzens. Wir sagen dann: Heuchelei.
Das griechische Wort im Neuen Testament kommt aus der Theatersprache. Es bedeutet: eine Rolle spielen, so tun als ob! Im Theater ist das eine hohe Kunst - im Alltag wird es zu einer Frage nach der Wahrhaftigkeit unseres Lebens.
Das Problem betrifft alle Menschen: Heuchler gibt es überall und zu allen Zeiten. Was macht sie nur so besonders widerlich, wenn sie gerade in die Masche des Frommen schlüpfen?
Wahrscheinlich empfinden selbst Menschen, die mit Gott "nicht viel am Hut" haben, daß im Bereich des Heiligen, Lüge und Heuchelei besonders fehl am Platze sind. Es macht keinen Sinn, vor Gott, "der die Herzen der Menschen durchforscht", Theater zu spielen. Für Paulus - übrigens auch ein Pharisäer - ist jede Art von Heuchelei mit dem Glauben an Christus unvereinbar. So legt er seinem Schreiben an Timotheus als Ziel aller christlicher Unterweisung ans Herz: "Liebe aus reinem Herzen, gutem Gewissen und ungeheucheltem Glauben". Und den Petrus stellt er scharf vor den Augen aller zur Rede, als dieser in Antiochia sich zunächst ganz ungeniert mit den "Heiden" zu Tisch gesetzt und gespeist hat, als aber Judenchristen aus Jerusalem auftauchten, aus Angst vor einem Skandal, sich nicht mehr traute und die Tischgemeinschaft mit den Neubekehrten plötzlich mied. Da wird auch schon eine der Wurzeln sichtbar, aus denen Heuchelei wächst: Es ist die Angst: die Angst vor denen, denen man sich unterlegen fühlt, deren Spott oder Aggressivität man fürchtet; die Angst, nicht auffallen zu wollen, denen nach dem Munde zu reden, die uns zu Nutzen sind oder von denen die eigene Karriere abhängt. Unterwürfigkeit, Angepaßtheit, Mitläufertum waren schon immer ein guter Nährboden für Heuchelei. Heuchelei entsteht aber auch leicht bei jenen, deren Hauptbeschäftigung darin zu bestehen scheint, ständig um sich selber zu kreisen. Ihre ganze Sorge richtet sich darauf, vor den anderen gut da- zustehen, beachtet und bemerkt zu werden. Sie sind die Schauspieler auf der Bühne des Lebens, auf der sie ihre Selbstinszenierungen aufführen können, immer auf den Beifall der Zuschauer aus, ohne den ihr Leben schnell langweilig und fad, ja sinnlos würde. Es ist nicht zu leugnen, daß die Religion hierzu besonders geeignete Bühnen bereitstellt.
Die schwerste Folge der Heuchelei ist freilich die, die den Menschen aufspaltet in Außen und Innen. Da geht es nicht mehr um Ängste oder Eitelkeit, sondern um die eigene Identität. Die Fähigkeit, ich selbst zu sein, mich ganz an eine Aufgabe hinzugeben oder an ein Du zu verschenken, verfällt schleichender Auszehrung. Alles gerät ins Zwielicht und in Zwiespältigkeit. Ich kann nicht mehr sicher sein, daß ein Wort tatsächlich meint, was es sagt, daß die Geste beinhaltet, was sie andeutet. Das macht das Zusammenleben schwierig, es wächst aber auch für jeden die Gefahr, sich selbst zu verfehlen und das eigene Leben zu verlieren. Nein: Heuchelei ist kein harmloses Gesellschaftsspiel, um die Ecken und Kanten der menschlich rauhen Wirklichkeit ein wenig abzupolstern. Andererseits ist es oft recht schwierig, zur Wahrhaftigkeit unseres Lebens vorzustoßen. Wer je versucht hat, sich ehrliche Rechenschaft über die Motive des eigenen Denkens und Handelns zu geben, weiß, wie schnell man da in ein kaum zu durchdringendes Dickicht gerät. Wer kennt sich schon wirklich bei sich selber aus? Wer weiß um die Schliche und Tricks des eigenen Herzens?
Dennoch ist Wahrhaftigkeit nicht eine von vielen Tugenden, ein Charakterzug, wie jeder andere, den man je nach Begabung oder Veranlagung pflegen kann oder nicht. Wahrhaftigkeit bildet das Fundament meines Ichs und des Zusammenlebens. Ohne Wahrhaftigkeit gibt es keine Identität und keine seelische Gesundheit. Dauernd in Zwiespältigkeit und Heuchelei zu leben, ist noch schwieriger und macht den Menschen krank. Es zerstört die Unbefangenheit des Miteinanderlebens und der Fröhlichkeit des Herzens.
So dürfen wir die "Wehe" - Rufe Jesu über die Pharisäer als lebenslange Aufgabe verstehen: unser Außen und Innen, unsere Worte und Taten in Einklang zu bringen und zu halten. Es sagt der Evangelist Johannes: "Nur wer die Wahrheit kennt und auch tut, kommt ans Licht!"
Wahre Frömmigkeit ist: nicht nur unsere Hände
zu
Gott zu erheben, sondern auch mit
Herz, Augen, Händen und Füßen
einander
zu dienen.