Über die Klugheit

32. Sonntag im Jahreskreis 1996

Ich will Ihnen ja nicht zu nahe treten - aber "Klugheit" ist eigentlich nicht eine der Eigenschaften, die einem spontan einfallen, wenn man einen guten Christen beschreiben soll. Das habe ich jetzt hoffentlich vorsichtig genug formuliert. Ein Paulus hat sich seinen Korinthern gegenüber deutlicher geäußert: "da sind nicht viele Weise, Mächtige , Vornehme im irdischen Sinn". Anders ausgedrückt: zur intellektuellen oder gesellschaftlichen Elite Korinths hat seine Gemeinde damals wohl nicht gezählt.

Andererseits fordert Jesus überraschend oft Klugheit von seinen Jüngern. Sie sollten klug sein wie jener Mann, der sein Haus nicht auf Sand, sondern auf Felsen baute, so daß er nicht Sturm noch Wasser zu fürchten brauchte. Oder wie jener, der einen Turm bauen wollte und sich klugerweise hinsetzte, um die Kosten durchzurechnen. "Seid klug wie die Schlangen" rät er ihnen, weil er weiß, daß sie wie Schafe unter den Wölfen leben müssen. Und er erzählt seinen Jüngern jene etwas bedenkliche Geschichte eines betrügerischen Verwalters, der seine Schäfchen ins Trockene zu bringen weiß. Und er lobte die Klugheit des unehrlichen Verwalters und sagte: "Die Kinder dieser Welt sind im Umgang mit Ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichts." Wohlgemerkt: Er lobt nicht den Betrug, sondern die Klugheit, mit der jener sein Ziel zu erreichen wußte!

Doch die eindrucksvollste und bekannteste Mahnung Jesu zur Klugheit ist jene Geschichte von den zehn Brautjungfrauen, die bis zum späten Abend auf den Bräutigam warten, um ihn feierlich in den Hochzeitssaal zu geleiten. Zahlreich sind die Darstellungen in der bildenden Kunst. Und in Liturgie und Frömmigkeit hat diese Geschichte ihren festen Platz erhalten mit dem so schönen Lied: "Wachet auf ruft uns die Stimme!" So hat man diese Geschichte oft in eine Reihe gestellt mit den Mahnungen Jesu zur Wachsamkeit. Etwa: "Haltet euch bereit. Der Menschensohn kommt zu einer Stunde, da ihr es nicht erwartet!" Aber darum geht es hier nicht: Alle Mädchen werden müde und schlafen ein. Das ist normal, das kann jedem passieren, darin sind sich alle Menschen gleich. Doch als dann "der Wächter sehr hoch auf der Zinne" mitten in der Nacht die Schlafenden weckt, wird schlagartig klar, um was es geht. "Fünf von ihnen waren töricht und fünf waren klug!" Und warum? Die einen haben genug Öl dabei, die anderen haben vergessen, sich einen ausreichenden Vorrat zu beschaffen. Eigentlich recht banal, eine dumme Panne, ein alltägliches Mißgeschick. Doch das Gleichnis steigert die Panne zum Drama: Bis die Törichten das Öl für ihre Lampen besorgt haben, ist der Bräutigam längst gekommen, die Tür fest zugeschlossen, und kein noch so flehendes Bitten vermag sie noch einmal zu öffnen.

Ehrlich gesagt, fallen meine Sympathien immer mehr diesen ausgeschlossenen törichten Jungfrauen zu. Sie können einem ja wirklich leid tun. Schließlich hatten sie ja auch ihr Festtagsgewand angelegt, hatten lange gewartet. Wer konnte denn schon wissen, daß es so lange dauern würde. Und schließlich, vielleicht hätte das Öl der Klugen ja doch für alle gereicht?

Doch das Evangelium will von solchen Entschuldigungen nichts wissen. Es geht um eine ernste, ja "tod-ernste" Sache: Das Himmelreich! Da genügt kein guter Wille - bekanntlich ist ja auch der Weg zur Hölle mit guten Vorsätzen gepflastert - keine leicht entflammbare aber dann doch nicht durchgehaltene Begeisterung. Sicherlich wollten auch die Törichten den Bräutigam mit aller Festlichkeit empfangen, doch irgendwie nahmen sie das Ganze nicht ernst genug, überschauten nicht, worauf sie sich da eingelassen hatten, überlegten nicht die möglichen Konsequenzen, bedachten nicht die Situation und unterließen dann die notwendigen Vorkehrungen. Das war nicht nur töricht oder leichtfertig, sie verpaßten damit die alles entscheidende Stunde, den einzig wichtigen Augenblick, da "ihr" Bräutigam kam und der Hochzeitssaal für sie offen war. Sie verpaßten die entscheidende Stunde, verspielten die Chance ihres Lebens und den Zugang zum Gottesreich! Das ist es, was Jesus uns damit eindringlich ans Herz legen wollte: Klug ist, wer mit ganzem Herzen und aller Umsicht auf IHN, den Kommenden hin lebt!

Damit ist klar, daß diese Klugheit nichts mit Intelligenz zu tun hat, mit Schulabschluß, Ausbildung, Talent oder Cleverness. Es geht um das Bereitsein für die Stunde in der Jesus zu mir kommt, und auf das Darauf-warten mit ganzem Herzen.

Mit ganzem Herzen: Der Kluge unternimmt nichts nur aus Lust und Laune, er verzettelt sich nicht an dieses oder jenes, vertut sein Leben nicht mit allerlei Zeitvertreib - sondern richtet sein ganzes Leben, sich selber, ganz auf den aus, den er erwartet. Er hat den Schnittpunkt der Koordinaten seines Lebens erkannt, von dem aus jedes Ding seinen Platz findet und sein Gewicht! Zu dieser Klugheit gehört eben auch die Umsicht. Denn das Leben ist konkret. Es braucht nicht nur die großen Lebensentwürfe und die faszinierenden Visionen, es braucht auch die kleinen Schritte auf das Ziel hin. Das werden nicht immer große Aktionen sein. Zuweilen genügt es ja schon, sich rechtzeitig einen genügenden Vorrat an Öl zu besorgen, sich darum zu kümmern, daß die Lampen nicht verlöschen. Denn die schönste Lampe nützt nichts, wenn ihr der Brennstoff fehlt. Und so sind es oft die unscheinbaren, banalen Stolpersteine des Alltags, die unsere großen Aufbrüche vorschnell scheitern lassen!

Klug ist, wer darauf achtet: sich immer wieder Rechenschaft zu geben über seine Ziele; hinhören auf die Erfahrungen der anderen, nüchtern bedenken, was alles zu meinen Plänen dazugehört und was ich für meine Vorhaben brauche. Und schließlich die Kraft und den langen Atem, zu warten, bis die Zeit reif ist. Wie spät in der Nacht auch immer der Bräutigam kommen wird!


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