Vom toten und arbeitenden Kapital

33. Sonntag im Jahreskreis 1996

Man kann sich recht gut vorstellen, wie diesem dritten Knecht im Gleichnis vom anvertrauten Geld, zumute gewesen sein mag: Fürchterlich erschrocken ist er, als sein Herr - vor seiner Abreise - ihm ein ganzes Talent anvertraute. Das war für die damalige Zeit eine ganze Menge Geld. Sicherlich, den anderen beiden hatte der Herr noch viel mehr ausgehändigt, 5 mal, 10 mal soviel! Doch das waren Geschäftsleute, ganz andere Typen als er! Er beneidet sie nicht. Ganz im Gegenteil! Er ist nicht ehrgeizig, er weiß schon lange, daß er nicht übermäßig begabt ist und anderen nicht das Wasser reichen kann!

Aber das hat ihn nie gestört, er hat seine Arbeit getan, die man ihm zugewiesen hatte und war froh, wenn er sie einigermaßen in der vorgesehenen Zeit erledigen konnte.

Und nun, dieses viele Geld! Was soll er damit anfangen? Klare Anweisungen gab ihm sein Herr nicht. Phantasie war noch nie seine Stärke! Die anderen scheinen genau zu wissen, was sie wollen. Im Geschäftsleben kennt er sich nicht aus. Sie sind überhaupt gewitzter als er. Bis er ein Problem wahrgenommen hat, haben die anderen es schon gelöst. Was macht man mit soviel Geld, das einem nicht gehört? Schlaflose Nächte hat man damit! Da kommt ihm der rettende Gedanke: Er schafft sich die Ursache seiner Unruhe einfach aus den Augen und vergräbt das Geld an einem sicheren Ort: Das ist doch keine schlechte Lösung, besonders in so unsicheren Zeiten: Die Banken zahlen kaum noch Zinsen, und selbst angesehene Großfirmen gehen pleite. Da kann sein Herr doch zufrieden sein, wenn ihm sein Kapital erhalten bleibt. Und er selbst braucht nicht mehr ständig daran zudenken und kann in Frieden weiterleben wie bisher....

Doch, sein Herr ist keineswegs zufrieden, als er ihm das anvertraute Geld ohne jeden Verlust wiedergibt. Dabei scheint es ihm nicht in erster Linie um den erwirtschafteten Gewinn zu gehen, sondern mehr darum, daß einer überhaupt etwas getan hat. Was ihm ganz und gar nicht gefällt, ist die Bequemlichkeit, das einfach die Hände in den Schoß legen, die geistige Trägheit, der Mangel an Phantasie, die Ängstlichkeit, die sich nichts zutraut.

Das ist die Spitze des Gleichnisses. Jesus möchte seinen Zuhörern klarmachen, daß der Glaube an ihn kein "sanftes Ruhekissen" ist, sondern etwas sehr Dynamisches. Jünger Jesu werden bedeutet, eine entscheidende Wende des Lebens, Umkehr, Bewegung, neue Orientierung, Aktivität, Auftrag! Jesu Nachfolge ruft zum Aufbruch. Als Jünger Jesu können nur jene gebraucht werden, die bereit sind, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen in der Nachfolge des Meisters, seine Sendung und sein Schicksal zu teilen! Christ ist man nie für sich selbst, sondern um mit Christus den Menschen zu dienen. Das Gleichnis "vom anvertrauten Geld" will uns also davor warnen, unser eigenes Christ-Sein nur als totes Kapital zu sehen, das man einfach hat und nur zu bewahren braucht.

"Ich habe euch dazu bestimmt, daß ihr hingeht und Frucht bringt" (Joh. 15,16), sagt Jesus im Johannes-Evangelium und im dazugehörigen Gleichnis vom Weinstock: "Jeden Rebzweig an mir, der keine Frucht bringt, schneidet er ab, und jeden Rebzweig, der Frucht bringt, reinigt er, damit er mehr Frucht bringen kann" (Joh. 15,2). Aufgabe der Jünger Jesu ist es, Salz der Erde zu sein und wie Sauerteig, der zwar still und undramatisch wirkt, aber nicht ruht und rastet, bis alles durchsäuert, gesalzen und verwandelt ist (Mt. 13,33).

Dabei bedeutet der Auftrag Jesu nicht blinden Aktionismus und hektische Aktivität. Glauben und Frucht bringen ist zunächst etwas sehr Innerliches: Jeder Weinstock braucht zumindest ein Jahr, um neue Trauben zu bringen!

Es ist nicht in das Belieben des Christen gestellt, ob er mit dem Kapital des Evangeliums, das ihm anvertraut ist, etwas anfangen will oder nicht. "Wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!", schreibt Paulus an die Gemeinde in Korinth (1 Kor 1,16). Ich kann es nicht tun und ebenso gut auch lassen! Wer von der Botschaft Jesu getroffen ist, kann und darf sie nicht mehr für sich behalten! Ich muß vor der Welt unerschrocken und unermüdlich bezeugen, was Gott durch Jesus Christus an mir getan hat!

Darum geißelt das Gleichnis die Bequemlichkeit, das einfach die Hände in den Schoß legen, die geistige Trägheit, den Mangel an Phantasie und die Ängstlichkeit, die sich selber nichts zutraut. All das führt auch heute zu einer toten und trägen Christenheit und Kirche.

Andererseits verspricht Jesus, jedem seine Aufgabe "seinen Talenten gemäß" zuzuteilen. Er kennt seine Leute und weiß, wem er wieviel zuteilen kann, ohne ihn zu überfordern. Wer 5 Talente hat, braucht nicht wie einer mit 10 zu wirtschaften. Und wer nur 1 Talent erhalten hat, braucht sich darüber nicht zu grämen oder gering zu achten. Wenn er damit arbeitet und tut, was in seiner Kraft liegt, wird auch ihm das Lob und der Lohn seines Herrn zuteil.

Doch wach und sensibel zu sein und bleiben dafür, was Jesus in jedem Augenblick von uns erwartet, das hält uns lebendig und auch unser Christsein, und macht es zum Kapital, das arbeitet und Frucht bringt und dessen Frucht bleibt.


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