Gott mischt sich ein

1. Weihnachtstag 1996

Neulich habe ich bei einer Kunstausstellung ein Bild gekauft. Dann ging es darum, den passenden Rahmen zu finden. Ich mag schöne Rahmen. Daß ein Rahmen zum Bild paßt, ist wichtig. Das lasse ich mich etwas kosten - Zeit und Geld - wenn ich kann. Doch wichtiger als der Rahmen bleibt das Bild.

Auch das Weihnachtsfest hat einen Rahmen. Auch den möchten wir nicht missen. Den lassen wir uns auch etwas kosten: in Kleidung und Essen, in Geschenken und Aufmerksamkeiten, in Wohlwollen und Anteil- nahme. Und viele Gesichter sind für ein paar Stunden weicher, gelöster, entspannter. Das und noch manches andere macht den Rahmen bei unserem Weihnachtsbild aus. Doch das ist nicht alles! Wir suchen mehr, wir suchen das Bild!

Das erste, was ins Bild gehört, ist Gott! Wir feiern an Weihnachten, daß vor nun fast 2000 Jahren sich Gott in das Leben auf dieser Erde eingemischt hat, dieser Erde, die seit Milliarden Jahren um die Sonne rast und mit der Sonne durch das Universum - und das noch - vielleicht - weitere Milliarden Jahre lang.

Wir wissen nicht, ob es in diesem Universum auf anderen Sternen Lebewesen gibt gleich uns. Das ist auch für unsere Weihnachtsfeier unbedeutend. Wir wissen über das Leben auf dieser Erde einigermaßen Bescheid, über das Leben der Menschen, das gezeichnet ist von Geburt und Tod, von Gesundheit und Krankheit, von Befreiung und Unterdrückung, von Liebe und Haß, von Anteilnahme und Gleichgültigkeit, von Glück und Verzweiflung, von Gewalt und Ohnmacht, von Sinn und Unbegreiflichkeit, von Lachen und Weinen, von Hunger und Überfluß.

In dieses Leben mischt Gott sich ein. Aber nicht, wie wir es erwartet hatten, wie mit einem Paukenschlag, der das ganze Durcheinander in Ordnung bringt, als einer, der die verworrenen Fäden dieser Welt in die Hand nimmt - und es ist endgültig zu Ende mit Krankheit und Not, Gleichgültigkeit, Haß, Verzweiflung, Ohnmacht, Hunger und Tränen.

Neulich las ich in der Zeitung: Gesetzt den Fall Sie wären das gewesen, Mensch zu werden, um die Menschen zu erlösen, wo hätten Sie geboren werden wollen? Einige interessante Antworten: Im Weißen Haus, in der Deutschen Bank, im Uno-Gebäude, im Bundeskanzleramt, im Vatikan.... Keiner kam auf die Idee, zu schreiben: in einem Asylantenheim, in einer Notunterkunft für Flüchtlinge, in einem Übernachtungsheim für Nichtseßhafte: und doch ist Gott gerade dort geboren: von uns hatte keiner die Notunterkunft gewählt. Keiner außer Gott!

Ohne Macht ist er gekommen, nicht als eine der bekannten Figuren der Weltgeschichte. Er kam, wie wir alle kamen: als Neugeborener mit einem lauten Schrei. Er hat sich in unser Leben eingemischt ohne alle Nötigung und Zwang! Er nimmt uns nichts - und gibt uns alles! Er will geliebt werden - aber so, wie ein Kind geliebt wird: absichtslos und um seiner selbst willen.

Dieses Kind wird 30 Jahre später sagen, daß der Reichtum nicht im Haben liegt, sondern im Sein; daß nicht das Äußere zählt, sondern das Herz; daß einer, der unaufhörlich nur sich selber sucht, sich garantiert verliert; daß Vergebung immer möglich ist und neuer Anfang; daß Liebe keine Einbildung ist, sondern der Sinn unseres Lebens; daß Vertrauen berechtigt ist und dieses Leben nicht alles; daß Gott jeden von uns kennt und ihm keiner egal ist - so unbegreiflich das auch manchmal aussieht, weil die Rätsel der Welt und des Lebens hier nicht aufgehen: für uns nicht und für ihn auch nicht. Vor so einer Einmischung Gottes brauchen wir keine Angst zu haben. Der können wir uns öffnen.

Der zweite, der in das Weihnachtsbild gehört, bin ich! Dieses Fest hat mit mir zu tun, sonst ist es kein Fest. Mit jedem von uns, so wie wir sind. Wir sollen uns an Weihnachten nicht hinter unseren Kindern verstecken oder hinter denen, die wir beschenken: Wir sind gemeint!

Zu keinem Gottesdienst des Jahres trifft das so zu wie heute: „Der Herr sei mit Euch!" Mit Jedem! Gott ist nicht über uns oder neben uns oder gar gegen uns. Er ist mit uns: An der Krippe ist Platz für alle und alles! Auch für Tränen, Kummer, Enttäuschung, Eigensinn! Nur sich nicht verschließen darin. Wir gehören ins Bild.

Und das dritte, das ins Bild gehört, sind die Anderen! Alle anderen! Gemeinsam gehören wir in das Bild.

Seit Gott Mensch geworden ist, führen alle Wege zu Gott über die Menschen. Am Menschen vorbei führt kein Weg zu Gott. Wir können den Vater nicht lieben ohne die Geschwister. Mit unseren Angehörigen und Freunden, mit den unzähligen unbekannten Menschen gehören wir ins Bild. So wie wir sind - so wie jeder ist.

Dieses Fest hat mit Gott zu tun. Es hat mit uns zu tun. Es hat mit allen Menschen zu tun. Das ist ein Bild, das einen schönen Rahmen wert ist. An der Krippe ist Platz für alle. In diesem Kind steckt Gott selber in unserer Haut. Da kann man den Kopf schütteln und weggehen - oder man kann davor niederknien und anbeten.

Das ist Weihnachten!


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