Fest der Heiligen Familie 1996
Der Winter ist - auch noch für den Menschen unserer Tage - eine zwiespältige Jahreszeit. Die Menschen früherer Tage haben ihn - im wahrsten Sinne des Wortes- als nackte, kalte, dunkle Bedrohung ihres Daseins empfunden. Wir, deren Existenz er nicht mehr direkt bedroht, vermögen ihm ja schon seine Reize abzugewinnen: im Wintersport, in der Schneewanderung, in den romantischen Bildern verschneiter Wälder und Täler. Und dennoch erleben auch wir viele trostlose Tage: Nebel, der nur noch zögernd vom Licht durchbrochen wird, kahle Baumreihen, vertrocknete und erfrorene Blätter, dem Spiel des Windes preisgegeben - und, ob wir´s zugeben oder nicht - der Anblick solcher Bilder beunruhigt uns zutiefst.
Und wir erfahren die so lang gewordene Spanne zwischen Abend und Morgen nicht nur in der Natur, nicht nur in der Notwendigkeit, fast den ganzen Tag das Licht einschalten zu müssen - warum lassen wir eigentlich in diesen Tagen so gerne eine Kerze brennen?-
nicht nur in der Quälerei", schon lange vor Tag" aufstehen zu müssen - wir erfahren diese langen Nächte auch im seelischen Bereich: zu keiner anderen Zeit des Jahres sind wir so anfällig für Druck, Streß, Zwang und Ängste. Es scheint fast, wie draußen der Tag, verringern sich in unserem eigenen Innern die Räume der Freiheit und die Augenblicke des Glücks. Die Tage vor und nach Weihnachten sind für alle Beratungsstellen und Sozialdienste Notfalltage.
Eine Hilfe wäre schon, sich mit anderen darüber austauschen zu können. Ob es ihnen auch so ergeht? Aber irgend etwas hindert uns daran. So wird die Frage nicht gestellt, bleibt das Gefühl, mit meinem Druck, mit meinen Ängsten allein zu sein.
Auf der anderen Seite erwartet die Umgebung von uns, an diesen Tagen top-fit zu sein: die Gemeinde erwartet die besten Gottesdienste und Predigten von ihrem Pfarrer, die Familie die exzellentesten Speisen und Gerichte von der Hausfrau, die Eheleute einen besonders aufmerksamen, feinfühligen, zärtlichen Partner, die Kinder fröhliche, zu allem Unsinn aufgeschlossene Eltern...und schon setzt sich auch an diesen Fest-Tagen" fort, was uns in Berufs- und Arbeitswelt, in unserer Gesellschaft überhaupt, das ganze Jahr hindurch belastet und bedrückt: daß von uns laufend Glanzleistungen erwartet werden, daß wir immer in Höchstform sein sollen, bestens funktionieren müssen, keine Fehler und keine Schwächen zeigen dürfen...
Und ein Bereich des Lebens verschließt sich uns immer mehr. Der Bereich, von dem wir gerade an Weihnachten so gerne reden. Der Bereich, der eigentlich die Mitte unseres Lebens ausmachen sollte, der alles verbinden könnte: Leistung und Versagen, Freude und Not, Einsamkeit und Freundschaft. Ich meine den Bereich des Herzens.
Was aus dem Bereich des Herzens herausfällt, fällt ins Unmenschliche..", hat ein bekannter Theologe einmal ausgedrückt.
Das Herz ist - in dieser Sprache - der Ort im Menschen, der einzige Ort, an dem Lieblosigkeit, Verkrampfung, Zwänge, Angst und Unmenschlichkeit aufgehoben werden können - aber nicht durch erneute geistige, seelische oder körperliche Anstrengungen, sondern in der Erfahrung des Angenommen-seins, des Sich-öffnen-könnens, des Verstanden-werdens.
Ich meine, die große Not unserer Tage ist, daß diese Orte des Herzens unter uns immer weniger werden, daß ihr natürliches Vorkommen" in Freundschaft und Ehe, in den Familien, in den Gruppen und Gemeinden von unserer Leistungsgesellschaft immer mehr aufgefressen werden - wie ja auch andere natürliche Lebensräume, um deren Überleben wir heute kämpfen müssen.
Die Menschwerdung des Sohnes Gottes kann sich, wie unser aller Menschwerdung, nur ereignen, wenn es uns gelingt, die Freiräume des Herzens dafür offen zu halten. Was uns Menschen heute nottut und was von uns Christen als ersten erkannt und getan werden müßte, gerade von der weihnachtlichen Botschaft der Menschwerdung her, wäre eine neue grüne" Bewegung der Herzen, grün und hoffnungsvoll wie unsere Christbäume, frei und ungezwungen, spontan und natürlich: daß es in unseren Familien, in unseren Beziehungen, in unseren Pfarrgemeinden wieder mehr möglich wird: Mensch zu werden und zu sein, die Sprache des Herzens zu sprechen und nicht die des Verstandes, einander anzunehmen und zu verstehen - und uns nicht gegenseitig auszuspielen, dem anderen Geborgenheit und Anerkennung zu schenken - und nicht unter Druck zu setzen, daß wir uns wieder öffnen und freiwerden für das Geheimnis des Herzens, von dem nicht zuletzt die Botschaft des Weihnachtsfestes, das Geheimnis der Menschwerdung des Sohnes Gottes, die vielen tiefempfundenen Bilder unserer Künstler vom Kind in der Krippe, den vielen liebevoll und zärtlich aufgebauten Krippen in unseren Häusern und Kirchen zu uns sprechen.