4. Sonntag im Jahreskreis 1997
In jedem Menschen steckt die Sehnsucht nach einem glücklichen Leben. Doch wo ist der Weg dorthin? Viele Menschen heute spüren auch ein tiefes Unbehagen, eine innere Unzufriedenheit mit ihrem Leben. Unsere Gesellschaft verspricht uns Glück durch Leistung und Konsum - aber die innere Leere bleibt.
Es überrascht mich immer wieder, wie wenig bekannt und schon gar nicht begriffen das Evangelium ist - selbst mitten in der Kirche. Und mehr noch scheint der "Gott", den uns das Evangelium offenbart, nach wie vor, "der Große Unbekannte" zu sein.
Viele sind geradezu in Angst vor ihm erzogen worden, fühlen sich von ihm bedrückt und unterdrückt, in ihrem Mensch-Sein , in ihrer Freiheit eingeengt und beschränkt. Noch mehr haben Schwierigkeiten mit der Kirche, schlechte Erfahrungen mit Pfarrern, ärgern sich über den Papst oder die Kirchensteuer. Die Probleme mit seinem "Bodenpersonal" versperren ihnen den Weg zum lebendigen Gott.
Dabei ist die "gute Nachricht" des Evangeliums sehr einfach. Sie lautet: Gott geht auf die Menschen zu in Lebe. Er sucht die Gemeinschaft mit uns. Er ist unser Ursprung, unser "Vater" und Schöpfer. Er will, daß wir Leben. Er ist ein Freund allen Lebens, er liebt alles, was lebt. An jedem Einzelnen von uns ist er ganz persönlich interessiert.
Ist es nicht das, was uns fehlt, was wir uns so dringend und sehnlichst wünschen, so ganz persönlich, bedingungslos geliebt zu werden? Daß jemand ganz "ja" zu mir sagt, und: "es ist gut, daß es dich gibt!"? Wir wissen, wie befreiend und beglückend das ist, wenn ein anderer Mensch uns das sagt. Nun sagt es Gott selber zu uns: ".Du, Mensch, ich liebe Dich. Du bist mir unendlich wichtig!"
Lassen Sie das heute einmal ganz tief in sich eindringen: Ich bin geliebt und angenommen vom Grund meines Daseins her, von dem, der alles ins Dasein gerufen hat. Weil Gott zu mir "ja" sagt, hat mein Leben auf jeden Fall einen Sinn, egal, wie es bisher verlaufen ist und was noch kommen mag.
Mancher wird sich jetzt fragen: Warum spüre ich nicht mehr von dieser Liebe Gottes? Warum kommt mir mein Leben trotzdem so einsam, leer, traurig oder einfach nur gleichgültig vor? Die Antwort ist einfach zu sagen und schwer zu verwirklichen. Um Gottes Liebe zu erfahren und daraus leben zu können, muß ich mich darauf einlassen, und ich muß dies ernsthaft tun. Ich muß mich auf einen Weg begeben, der mich in die Nähe Gottes führt.
Den ersten Schritt dieses Weges hat Gott schon selber getan. Er ist auf uns zugekommen. Die Brücke zu IHM ist schon gebaut. Sie trägt einen Namen, sie ist ein Mensch: Jesus von Nazareth. Er macht die Liebe Gottes zu uns spürbar, durch die Art, wie er mit Menschen umgeht: er stiftet Versöhnung, heilt Kranke, gibt Verzweifelten Hoffnung. In Jesus begegnet uns die Liebe Gottes. Er kennt das Menschenleben, auch seine dunklen Seiten, den Schmerz, die Verzweiflung, die Einsamkeit, den Tod. Er hat das alles selber durchgemacht. Darum kann er jedem Menschen ganz nah und vertraut sein - in jeder Lebenslage. Er ist der Weg zu Gott. Wir lassen uns von ihm führen. Wir hören seine Botschaft. Wir lernen, Gott wieder mehr zur Mitte unseres Lebens zu machen, wieder mit ihm zu sprechen, auf ihn zu hören. Wir vertrauen ihm unsere Sorgen und Nöte und die Verwundungen unseres Lebens an, um sie heilen zu lassen. Um uns heilen zu lassen von unserer Unversöhnlichkeit, unserer inneren Zerrissenheit und von unserem Eingesperrtsein in uns selbst. Wir lernen, auch unsere Mitmenschen mehr zu lieben. Dann wächst Gemeinschaft, finden wir Geborgenheit, lernen einander besser zu verstehen und zu begleiten. Ignatius von Loyola sagt: "Es ist ein Jammer, wie wenig die Menschen ahnen, was Gott aus ihrem Leben machen würde, wenn sie ihn nur wirken ließen!".
Und ein Theologe unserer Tage hat es so formuliert: "Du hast mehr Möglichkeiten, als du denkst - ganz zu schweigen von den Möglichkeiten Gottes mit Dir."