"Asche"

1. Fastensonntag 1997

Der Ausblick weitet sich. Schmal und gewunden fährt die "Hohwald-Straße" immer höher durch die unregelmäßigen Baumbestände der Vogesen, an granitroten Felshängen entlang, in die weitläufigen Bergrücken, Kuppen und Höhen, die sich sachte aus den ineinander gekuschelten Elsässer Dörfern, aus den Weinbergen, Wiesen und Hopfenfeldern emporarbeiten. Der Wegweiser: "Lager von Struthof" erscheint harmlos. Wir biegen ab, parken: ein einfaches Gebäude, ein ehemaliges Waschhaus wohl, doch mit einem seltsam an Drähten befestigten Kamin stand vor uns am Hang.

Und doch, etwas stimmte nicht. Die Tür des kleinen Baues war mit Eisen doppelt verbarrikadiert, alle Fenster doppelt vergittert. Mein Blick fiel auf eine kleine weiße Tafel: "Chambre à gaz" stand darauf Ich war das erste Mal 12 Jahre alt, als ich das sah. Für immer haben sich diese drei Worte - "Chambre à gaz" - in mein Gedächtnis eingebrannt.: Ich stand vor einem anscheinend ganz gewöhnlichen Haus, doch es war eine Gaskammer! Der verrottete Haken, mit dem der Kamin geschlossen werden konnte, hing noch von der Mauer. Drinnen im Haus, wo es keinen Schlüssel für draußen mehr gab, wurden Menschen mit Gas ermordet, Sinti und Roma für medizinische Versuche der dt. Straßburger Reichs-Universität; Franzosen, um in der Bevölkerung Terror zu verbreiten; jüdische Kinder, Frauen und Männer; Menschen aus den Niederlanden, Norwegen, Luxemburg; Deutsche aus Belgien, Italien, Spanien, aus der Tschechei und dem Elsaß.

Die Gaskammer und das naheliegende Krematorium seien 1942 "in Betrieb" genommen worden, stand da noch zu lesen. 1942 - das war das Jahr, als mich der erste Blick meiner Mutter traf. Ich mußte begreifen lernen, daß damals, als ich geboren wurde, Menschen in diesem Haus andere Menschen "ins Gas" schickten!

Seither habe ich dort das Gefühl, die Gesichter der Ermordeten aus den blinden Fenstern schauen zu sehen, die Asche der Verbrannten zu riechen und zu spüren. Ich sehe den Balken, die in Stein gehauenen Stufen, auf denen die Baracken standen; ich versuche, mir die Hände Füße und Körper der Gefangenen vorzustellen, die dort den roten Granit abbauten für Albert Speers grandiose Monumente des Deutschen Reiches und Goebbels schamloses Programm der "Vernichtung durch Arbeit". Von hier aus wurden Häftlinge auch in wunderschöne Städtchen unseres Landes geschickt: wie Calw, Ellwangen, Leonberg, Haslach, Schwetzingen, und für die Rüstungsindustrie zu Tode verarbeitet. All diese Menschen sind unter uns als Asche, Staub und rauchende Erinnerung.

Ich mußte lernen, daß Geburt und Tod, Liebe und Haß zusammen gehören und mit beiden zu leben. Seit eintausend Jahren wird den Christen am 1. Tag der Fastenzeit gesegnete Asche auf den Kopf gestreut und gesagt: "Bedenke Mensch, du bist Staub. Und zu Staub wirst du zurückkehren!" An diesem Tag sprechen die Gläubigen kein Schuldbekenntnis, sondern beugen sich unter die Asche. Es ist die Asche der verbrannten Palmzweige, mit denen am Palmsonntag die Ankunft des Menschensohnes in Jerusalem gefeiert wurde, der kam, um den Armen die Heilsbotschaft zu bringen, zu heilen, die gebrochenen Herzens sind, auszurufen für die Gefangenen Entlassung und für die Gefesselten Befreiung, zu trösten alle Trauemden... . Ihnen zu geben Schmuck statt Schmutz, Freudenöl statt Trauerkleid, Jubellied statt Verzweiflung, Diadem statt Asche! Der Bericht von diesem Triumphzug, der am Galgen endete, hält durch alle Verbrechen die Hoffnung auf eine endgültige Verwandlung wach!

Doch die Asche, die uns jedes Jahr von neuem am Aschermittwoch aufs Haupt gestreut wird, ist nicht nur die Asche der verbrannten Palmzweige, es ist auch die tödliche Asche aller verbrannten Hoffnungen und Erinnerungen, die Asche alles vergeblichen Lebens und Liebens, die Asche unzähliger Ermordeter und unsagbarer Verbrechen der Menschengeschichte.

Es wird eine Zeit geben, in der uns alle Zeit aus den Händen geschlagen wird. "Mit der Asche wird der Staub des Todes angezeigt", hat Isidor, ein mittelalterlicher Kirchenvater, zu diesen Riten geschrieben. Deshalb werden die Lebenden "mit Asche bestreut, damit sie sich erinnern, daß sie selber einmal Asche sein werden!"

So verstehe ich auch, daß der Verfasser des "Narrenschiffes" (Sebastian Brant) beklagt, daß nur wenige sich Asche aufs Haupt streuen lassen, weil: "Sie fürchten, die Asche würde ihnen die Haut verbrennen." Die von anderen Verbrannten brauchen jedoch ihre Asche, um zu uns zu sprechen. Und laut in Staub und Asche zu schreien, scheuen sich auch die Betenden der Psalmen nicht. Aus solcher Klage muß das Ohr des Ewigen doch "der Gefangenen Stöhnen hören, auf daß Befreiung allen Todgeweihten zuteil wird "(Ps. 102,21).

Und wie wird der Schrei aus der Asche erhört?

Die Propheten Israels und der Menschensohn aus Nazareth haben großer Theatralik mißtraut. Jesus befahl den Fastenden kurzerhand, sich das Gesicht zu waschen und das Haar zu salben, damit niemand von ihrem Fasten erfährt und sie auch sich selber nichts vormachen, wenn sie in ihrem Innersten mit der Asche in Berührung kommen.

Denn Jesus wußte von Jesaja, was ein Fasten in Sack und Asche bedeutet, wie Gott es hebt: "die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Stricke des Jochs zu entfernen, die Versklavten freizulassen, an die Hungrigen dein Brot zu verteilen, die obdachlosen Armen im Haus aufzunehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden und dich deiner Verwandten nicht zu entziehen (Jes. 58,6).


[ Übersicht | vorherige Ansprache | nächste Ansprache ]