Osternacht 1997

Ostern ist das Fest aller Feste, die Osternacht die Mutter aller Nachtwachen. Doch in den Osternacht-Feiern in unseren Gemeinden scheint mir da immer noch viel zuwenig durchzuscheinen. Bei uns ist immer noch das eigentliche Fest Weihnachten, die Christmette der Höhepunkt aller Gottesdienste.

Bei Jugendlichen ist das anders. Für sie ist Weihnachten verbunden mit zwiespältigen Gefühlen: als Idyll einer heilen Welt, die längst nicht mehr heil ist. Ostern ist das Fest der Jugend, ein Fest der Lebendigkeit, das alle Fesseln zerreißen, alles Erstarrte und Verkrustete aufbrechen will.

Jungen Christen heute geht es auch nicht um die Frage, wie sie sich die Auferstehung Jesu genau vorstellen sollen. Ihnen geht es um die eigene Auferstehung, ob sie im Grab ihrer Resignation und Traurigkeit bleiben oder die Auferstehung auch an sich selber erfahren können, ob sie selber es wagen, aufzustehen aus dem Grab ihrer Angst, aufzustehen gegen alles, was sie am Leben hindert!

Sie lesen die Auferstehungsgeschichte als ihre Geschichte, so wie sie ja auch die Liturgie der Kirche ursprünglich verstand als die Beschreibung unseres Wegs zu Gott. Wenn es dann an Ostern heißt: "am Morgen des ersten Wochentages kamen sie zum Grab des Herrn, als eben die Sonne aufging", dann ist das nicht nur ein historischer Bericht, sondern wir begrüßen auch die Sonne, die über unserem eigenen Grab aufgeht und feiern die Gewißheit, daß in Christi Auferstehung für immer die Sonne über die Dunkelheit unseres Herzens gesiegt hat, ja, daß sie jetzt an diesem Ostermorgen neu über uns aufgeht.

Auch auf die Frage der Frauen, wer ihnen den Stein vom Grab wegwälzen könnte, ist unsere Frage. Wir fühlen uns auch oft eingeschlossen wie in einem Felsengrab, spüren die Härte und Unnachgiebigkeit und Kälte des Steines, der gerade auf uns lastet, wo etwas in uns zum Leben kommen möchte. Oft sind es Menschen, die uns nicht leben lassen, einengende Situationen und Verhältnisse in der Familie, in der Kirche, am Arbeitsplatz. Oder eigene Ängste. Hemmungen, Feigheit und die Unfähigkeit, sich selbst anzunehmen. Solche Steine belasten uns, versperren uns den Weg nach draußen, hindern uns am Aufstehen. In der Feier der Auferstehung an unserem Osterfest, wälzt Gott selbst den Stein vom Eingang unseres Grabes, damit wir wie Christus auferstehen und alle Fesseln und Binden von uns abwerfen können, die uns einengen und gefangenhalten. Und Gott schickt an Ostern seinen Engel auch in unser Grab, damit wir den Mut finden, mit Ihm hinabzusteigen in das Dunkel unseres Schattenreiches, wo alles Verdrängte haust, das wir aus unserem Leben ausgeschlossen haben.

Deswegen ist die Dunkelheit der Osternacht wichtig. Wir müssen uns auch der Finsternis unseres Herzens stellen, sie aushalten, bevor wir das Licht der Osterkerze hineinhalten und jubelnd sagen: Lumen Christi: das Licht Christi, jetzt in uns! Mitten in der Dunkelheit unseres Grabes, mitten in der Finsternis unseres Herzens, mitten in unserer Traurigkeit und Resignation leuchtet das Licht Christi!

Die Frauen wollten Jesus einbalsamieren. Doch er ist auferstanden. Er läßt sich nicht einbalsamieren, einwickeln, konservieren. Er lebt - auch in uns! Er lebt in den Wunden meiner Vergangenheit, die ich oft so gerne einbalsamieren und konservieren möchte, um mich darin einzurichten und aufzuhalten. Doch er bricht die Kruste auf, heilt und verwandelt sie.

Er geht mir voraus nach Galiläa, trifft mich in meinem Alltag. Dort werde ich ihn sehen, wie er mir gesagt hat.

Er lädt mich zu seinem Mahl, das mein Leben verwandelt, damit ich aus meiner Schwachheit aufstehe, um das Leben neu zu wagen. Denn der auferstandene Christus geht mir voraus.

Die Oster-Ikonen der Ostkirche zeigen den Auferstandenen wie er hinabsteigt in das Totenreich Er nimmt die Toten an der Hand, um sie herauszuführen. An Ostern steigt Christus auch in das Totenreich meines Herzens, in dem alles Verdrängte und Ausgeschlossene haust, um es heilend anzusehen und ans Licht zu bringen. Durch seine Berührung wird alles Tote verwandelt, darf wieder leben, Neues wächst heran.

Ostern muß man feiern, um es zu erleben: den Sieg der Lichter über die Finsternis, die Auferstehung Christi, der die Fesseln des Todes zerreißt, das Erstarrte aufbricht, den Grabstein von uns wegwälzt.

Es kann allerdings sein, daß der eine oder andere an diesem Osterfest wenig Lebendigkeit und Freude spürt. Bei manchem ist es vielleicht ein recht stilles Ostern, belastet von der Schwere einer Traurigkeit, erdrückt von einer Last, die er nicht los wird.

Darum würde Ostern-feiern bedeuten, in diese Dunkelheit das so unscheinbare Licht der Osterkerze hineinzuhalten und hineinzusprechen: Christus ist wahrhaft auferstanden. Er lebt. Er lädt mich ein, aufzustehen aus meinem Grab, aufzustehen aus meiner Ohnmacht, aus meiner Gefühllosigkeit; es neu zu wagen, an das Leben zu glauben, das wie eine zarte Knospe in mir schon am Aufbrechen ist.

Ich kann es mir nicht aussuchen, in welcher Verfassung ich heute Ostern feiere. Aber ich kann die Botschaft der Auferstehung in alle Gräber dieser Welt hineinverkünden in der Hoffnung, daß auch in meinem Grab Christus heute aufersteht und in der Kraft seiner Auferstehung kann ich den Aufstand wagen gegen alles, was in mir und um mich herum Leben verhindert, darf aufstehen zum Leben und für das Leben, auferstehen aus meinem Grab!

"Wärme heilt, was winterlang
Frost und Eis verdarben
und das neue Leben quillt
auf in tausend Farben."

(Carmina burana)


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