4. Ostersonntag 1997
Das Bild vom Hirten und der Herde ist uns fremd geworden. Trotzdem ist es ein beliebtes Bild der Bibel, sowohl das Alte Testament wie das Neue Testament und - ob es nun paßt oder nicht - jeder 4. Ostersonntag stellt es uns wieder vor Augen. Wir kommen daran nicht vorbei. Gewiß, in unserer hochtechnisierten Welt mit all ihren wissenschaftlichen Erkenntnissen hat dieses Bild vom Hirten und von der Herde als einem Überbleibsel aus einer vergangenen Zeit noch einen nostalgischen Erinnerungswert, die Tiefenpsychologie kennt es als ein Urbild des menschlichen Unterbewußtseins - dennoch gibt es mit vielen anderen traditionellen Vorstellungen als überholt. Und in der Kirche ist dieses oft gemalte "Nazarener"-Bild immer wieder heftigen Bilderstürmen ausgesetzt - wobei vergessen wird, daß es in aller Schlichtheit während der großen Verfolgungszeit in den Katakomben in Lehm geritzt, ein großes Zeichen der Zuversicht und des Trostes war!
Doch die Herde ist selbstbewußt geworden. Sie will sich nicht mehr gängeln lassen wie in früheren Zeiten. Sie besinnt sich auf ihre eigenen Rechte, kraft Taufe und Firmung. "Wir sind die Kirche" - heißt es - mit Recht!
Doch da steht nun Jesus im Evangelium vor uns und sagt: "Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt gibt sein Leben für die Schafe !" Wie sollen wir damit umgehen - heute ? Ein Bild aus einem religiösen Buch für das 1. Schuljahr fällt mir ein: Da steht der Hirte vor den Schafen und wird von wilden Tieren angegriffen. Sie wollen ihn zerreißen! Da ist "Hirte" kein selbstsicherer, auf sein eigenes Wohl und Wehe bedachter Egoist. Er lehnt ab, was den Seinen schaden könnte. Er sorgt sich um sie steht ihnen bei und hilft. Ein solidarischer Mensch!
Im Neuen Testament ist der "gute" Hirt Jesus Christus selbst! Aber es gibt auch die vielen "Hirten", die er aussendet: "Weide meine Schafe", sagt er ausdrücklich zu Petrus (Joh. 21,17) - Dreimal hat er es aus guten Gründen dem gesagt, der ihn dreimal verleugnete. Denn nur er ist der einzig "gute" Hirt, alle anderen Hirten sind hinfällige und sündige Menschen.
Und schon der Prophet Jesaja kennt "Hirten, die kümmern sich nur um die Wolle, andere nur um das Fleisch und Fett der Tiere, aber um die Schafe kümmert sich keiner!" Das bleibt der Anspruch für alle, die sich "Hirten" nennen: daß sie für die ihnen Anvertrauten einstehen, ihnen den Weg weisen, so gut es geht, auch wenn sie selbst versagen'
Beim Bild vom Hirten und der Herde ist auf das "und" zu achten. Es geht nicht um Autorität und Macht, um Befehl und Gehorsam, es geht um ein Verhältnis, bei dem beide Seiten von Gott in die Verantwortung genommen werden: Hirt und Herde!
Dann kann nur der Dialog weiterführen, das stille, ruhige, offene Gespräch. Ein Gespräch, bei dem man hinhören will bereit, die Überlegungen des anderen wirklich nachzuvollziehen; bereit, etwas einzusehen und zuzugeben, was man vorher nicht so gesehen hat. Kein Rechthaben wollen um jeden Preis, kein stures sich verteidigen. Hier verlassen wir das Bild: Doch die Bergpredigt und die Briefe des Neuen Testaments sagen eine Menge über den Dialog zwischen Hirt und Herde.
"Seid demütig, friedfertig und geduldig, ertragt einander in Liebe und bemüht euch, die Einheit des Geistes zu wahren durch den Frieden, der euch zusammenhält."
Wir dürfen das nicht nur predigen. Wir dürfen es auch nicht nur von den anderen fordern. Wir müssen versuchen, es selber zu leben.
Wenn man versucht, das in Worte zu fassen, fällt mir das Wort "Liebe" ein. Dieses so verbrauchte Wort meint die "Liebenswürdigkeit" eines Menschen und die daraus entstehende und ankommende Zuwendung. Nur mit Liebe vermag ich gut zu hören und richtig zu antworten. So soll unser gegenseitigem Umgehen miteinander bestimmt sein. Und so können wir vielleicht auch ein wenig dabei mithelfen , daß einmal "ein Hirt und eine Herde" werde: in den innerkirchlichen Auseinandersetzungen unserer Tage und im weltweiten Dialog der christlichen Kirchen.
In dem Gedicht "Es ist, was es ist" von Erich Fried heißt es:
"Es ist Unsinn, sagt die Vernunft.
Es ist was es
ist, sagt die Liebe.
Es ist Unglück, sagt die Berechnung.
Es
ist nichts als Schmerz, sagt die Angst.
Es ist aussichtslos, sagt die
Einsicht.
Es ist, was es ist, sagt die Liebe.
Es ist lächerlich,
sagt der Stolz.
Es ist leichtsinnig, sagt die Erfahrung.
Es ist, was
es ist, sagt die Liebe."