Dreifaltigkeitssonntag 1997
Wenn man nach etwas sucht, was die wahre Größe und die tiefste innere Bestimmung eines Menschenlebens ausmacht, dann ist es dies: der Mensch ist das einzige Lebewesen, das beten kann - und das einzige, welches das unendliche Geheimnis Gottes , das uns umgibt und trägt, spüren, davon wissen und es lieben kann.
Dennoch - oder gerade deswegen - hat sich für den Menschen die Frage erhoben, ob Gott überhaupt nicht nur eine Vorstellung unseres Menschengeistes sei, ein Traum unserer Sehnsucht, ein Hoffnungsfunke inmitten dem Jammer und Elend unseres Leides und unserer Enttäuschungen, ein gedankliches Rechtfertigungsmodell für unsere Schuld und unser Versagen. Und wenn es auch stimmt, daß das Bild, das wir uns von Gott entwerfen, ' er auch viel mit unserem Menschenleben zu tun hat, mit dem Ort, an dem wir leben, der Zeit und den Gegebenheiten unserer Gesellschaft, so ist das eigentlich wunderbare daran, das in uns Wesen aus Staub, vergänglich und nichtig wie wir sind, überhaupt die Idee von jemand Unendlichem Wurzel schlagen konnte, von dem doch nichts in unserer Welt zu sehen ist.
Der Glaube an Gott ist dabei auch kein Durchgangsstadium der menschlichen Geschichte, wie uns manche Religionskritiker glauben machen wollen, eine Phase der Entwicklung, die jeder Mensch und die Menschheit insgesamt einmal zu durchlaufen hat. Der Glaube an Gott bildet den inneren Kein dessen, was uns als Menschen ausmacht. Nur diese unendliche Person im Hintergrund dieser Welt gibt jedem einzelnen Menschen seine Größe, seine Schönheit und Würde, erfüllt unser Leben mit Sinn und gibt uns Hoffnung. Insofern gibt es in der Tat nichts Größeres und nichts Menschlicheres als das Nachdenken über das Geheimnis Gottes und das Sprechen darüber.
Der Sonntag, den die Kirche der heiligen Dreifaltigkeit widmet, ist solch ein Versuch, über das Geheimnis Gottes nachzudenken - einmal nicht aus Not und das Herz voller Bitten, sondern frei und ungezwungen und rein aus Freude. Da sind es drei Bilder die uns gegenübertreten. Das eine, ist das Bild des Schöpfers:
Es ist gerade erst 70 Jahre her, daß die Menschheit sich sicher ist (Astronomemkongreß 1.1.1924), daß es neben unserer Milchstraße noch hunderte anderer Galaxien gibt, Milliarden Sonnen, um die ihre Planeten kreisen im unendlichen Raum des Weltalls. Und es sind gerade erst 20 Jahre her, daß die Astronomen zu wissen begannen, daß dieser unendlich Kosmos einen zeitlichen Anfang gehabt hat vor etwa 16 - 20 Milliarden Jahren, den wir mit unseren Computern rekonstruieren, dessen Ursprung wir aber nicht wissen, weil die Gesetze dieser Schöpfung, die wir kennen, erst mit ihr auch zu existieren begonnen haben.
Wenn wir uns so eine 'Vorstellung von der Größe der Welt machen, werden wir zugleich unserer Winzigkeit bewußt und verstehen erst recht nicht, welcher Gott sie erschaffen hat und warum. Es sagen unsere Ideologen, Gott habe die Welt erschaffen als Offenbarung seiner Allmacht, seiner Größe und Liebe. Doch da stocke ich: wir sehen zwar die Größe und Weisheit der Natur an jeder noch so winzigen Stelle, doch von Liebe vermögen wir nichts zu erkennen. Da bewegen sich die Schollen der Kontinente, es entstehen Erdbeben, Vulkane, Lavaausbrüche. Tausende von Menschen mögen daran sterben: der Natur ist das gleichgültig. Es kämpfen die Lebewesen miteinander um Nahrung, Raum und Entfaltung - und der Stärkere oder Gewitztere überlebt.
Iwan Karamasow fragt einmal seinen Bruder Aljoscha: "Aljoscha, wenn Du die Harmonie der Welt auch nur auf die Tränen eines einzigen Kindes gründen müßtest; ich frage dich Alioscha, würdest du das tun?" Der Gott, der die Welt erschaffen hat,' hat anscheinend keinen Augenblick gezögert, ein unendliches Maß an Leid, ein Meer von Blut und Tränen in Kauf zu nehmen für das Wunder seiner Schöpfung.
Wir brauchen also noch ein weiteres, ebenso wahres Bild von Gott, um in dieser Welt als Menschen leben zu können: dieses Bild ist Jesus Christus: Er sagt uns, daß die Menschen einander brauchen, nicht nur, um uns selbst zu finden, sondern um Gott als Liebe zu erkennen. Nur, wenn wir einen anderen Menschen wirklich verstehen, auf dieser Erde auch nur einen einzigen Menschen wirklich liebhaben, begreifen wir Gott, der die Welt erschuf, um diese(n) eine(n), der mich liebt und den ich liebe, hervorzubringen und dann unzählig viele, für alle Menschen dieser Erde - Die Frage der Philosophen: "Warum ist etwas und nicht vielmehr nichts?" ist aufgelöst in die Poesie der Liebe. Das ist es, was Christus uns von Gott mitgeteilt hat und was er uns als Grundvertrauen für unseren Lebensweg mitgeben wollte. Das Geheimnis Gottes beginnt für uns zu leben in jedem Menschen, der uns lieb und nahe ist.
Und es gibt noch ein drittes Bild von Gott, das ist der Heilige Geist. Gäbe es nur den Schöpfer, wären wir Spielzeuge der Natur. Gäbe es nur den Sohn, blieben wir abhängig voneinander. Doch ist seit Pfingsten in unsere Herzen eingeschrieben auch der "Geist Gottes" und setzt uns instande, auf die Liebe der anderen und die Größe Gottes zu antworten. In unserer eigenen Seele liegt die Fähigkeit, auf die Anrede Gottes in der gebrochenen Sprache unseres menschlichen Mundes zu antworten. Mit unserem eigenen Herzen können wir die Weite des Alls und die Liebe zueinander fühlen und uns selber in unserer Würde und Schönheit darin wiederentdecken: als lebendig durch die Natur, als beschenkt durch die Liebe der anderen, als in Ewigkeit zu Leben und Liebe Berufene durch den Geist Gottes. Denn nicht Abhängigkeit, sondern Freiheit ist die Natur Gottes.
Drei Weisen, in denen sich Gott zeigt: als unendliche Macht im Hintergrund dieser Welt; als menschliche Liebe, die und hinzieht zum anderen, und als die Fähigkeit der Sehnsucht und des Gebets in unseren eigenen Herzen. Er, der Unendliche, ist all diese drei als eins. Daß wir an ihn glauben können" macht uns als Menschen aus. Daß wir auf ihn hoffen dürfen, macht uns selber menschlich.!
Daß wir leben dürfen
in der Liebe zu IHM
und
zueinander,
ist unsere schönste
und menschlichste
Bestimmung!