"Sie hatten aus Furcht die Türen verschlossen"

Pfingsten 1997

Ich kann mir gut vorstellen, wie es in diesem verlorenen Haufen von Männern und Frauen ausgesehen hat, die da am Abend des Ostersonntag irgendwo in einen Haus in Jerusalem versammelt waren. Fenster und Türen fest verschlossen, voller Furcht vor der Welt da draußen, der Karfreitag steckte ihnen noch in allen Gliedern, ihre Hoffnungen auf diesen Jesus waren enttäuscht, sie wußten nicht mehr weiter.

Und ich lese ihn mit meinen heutigen Augen.....

Hinter den verschlossenen Türen spüre ich die Zukunftsangst vieler junger Menschen heute, die materiell alles haben, nur keinen Menschen, der Zeit für sie hat. Ich spüre die Enttäuschung von Jungen und Mädchen, die ihren Lieblingsberuf nicht lernen dürfen, das Gefühl der Arbeitslosen, nicht gebraucht zu werden, die Hoffnungslosigkeit der Alten und Kranken in einer Welt, in der nur Erfolg, Geld Gesundheit und Angeben zählen, die Trostlosigkeit der Pflegebedürftigen, die vom Leben nichts mehr zu erwarten haben...

Hinter verschlossenen Türen sitzen heute auch viele Menschen, die sensibel genug sind, die großen Leiden unserer Welt zu spüren: vergiftetes Wasser, verseuchtes Land, saurer Regen, sterbende Wälder, verschmutzte Luft, zerstörte Atmosphäre und Gift schon in der Muttermilch. Ich ärgere mich über Obsthalden, Butterberge, Milchseen, mit denen wir die Hungernden der Welt verspotten. Und unsere Sicherheit bauen wir auf Todesmaschinen, mit denen wir das Leben anderer Menschen bedrohen......

Hinter verschlossenen Kirchtüren sitzen auch viele Christen heute, irgendwo in vielen Gemeinden in unserem Land, voller Enttäuschung und Resignation, weil sie keinen Erfolg ihrer Arbeit mehr sehen, nicht wissen, wie es weitergehen soll, nicht mehr sehen, wo diese Kirche heute Menschen hilft zu leben, wo sie Glaube, Hoffnung, Liebe ausstrahlt, viel Beharren auf Vorschriften, Dogmen, Tradition sehen und wenig von Gottes heiligem, schöpferischem, befreiendem Geist.....

Mag sein: ich glaube aber, daß wir schon sehr ehrlich die Kälte von Angst, Hoffnungslosigkeit und Enttäuschung erleben müssen, um das Feuer der Leidenschaft zu spüren, mit der dieser Jesus den Paulus ergreift für all jene, die an dieser Welt und Kirche leiden.....

„Da trat Jesus in ihre Mitte", heißt es im Evangelium weiter, wo Berührungslosigkeit und Gewalt Menschen beherrschen, da regiert der Tod. Wo Angst Menschen lähmt, notwendiges Neues abgeblockt wird, wird Leben verhindert. Das Leben Jesu ist voll von Begegnungen, in denen er Kranke heilt, Tote auferweckt, Menschen wieder in die Gemeinschaft hineinholt. Das ist der Geist Jesu, der Heilige Geist, der Geist Gottes.

Wie ein Feuer brennt dieser Geist voller Liebe und Frieden im ganzen Leben Jesu, in seinen Worten und Taten, brennt und blüht im leeren Grab am Ostertag und pflanzt sich unauslöschlich fort an Pfingsten, wie in Feuerzungen, in die Herzen gläubig gewordener Männer und Frauen - Christen!

Und da tritt Jesus in unsere Mitte, in die Mitte unserer Furcht, wünscht uns Frieden und Heil, begeistert uns, schenkt uns seinen Geist, gibt neue Hoffnung und Kraft. Das ist die Gnade von Pfingsten, eine Geschichte der Ermutigungen, Sendungen, Aufbrüche, also eine Geschichte, wie wir sie auch heute in dieser Welt und Kirche so nötig brauchen.

„ Uns so sende ich Euch..."

Und er sendet uns, daß wir diesen Geist weitergeben. Er will, daß wir Christen aufbrechen und Hoffnungszeichen für die Welt sind.

So kann Leben neu werden: wenn keiner einsam sein muß, wenn wir einander mit unserer Hoffnung anstecken, wenn wir einander auffangen, wenn einer durchhängt, uns miteinander versöhnen, wenn einer dem anderen etwas vorzuwerfen hat.

So kann Leben neu werden: wenn Menschen, die krank sind, geheilt werden; wenn Menschen nicht satt und selbstzufrieden sind, sondern hungern nach Gerechtigkeit, wenn wir leben dürfen, wie wir sind, mit unseren Ecken und Kanten - nicht angepaßt, bequem und pflegeleicht!

Der Geist Jesu lebt weiter in Menschen, die nicht resignieren, sondern sich einsetzen für Frieden, für Gerechtigkeit, für die Bewahrung von Gottes guter Schöpfung.

Und er lebt im Gemeinsamen, in dem einer auf den anderen zugeht, die eine offene Hand haben für jene, um die sich sonst keiner mehr sorgt oder kümmert, die sich einmischen, wenn über andere Menschen der Stab gebrochen wird, die ihr Geld und ihre Zeit teilen, mit denen, die nichts mehr haben.

Und er lebt in den Gedanken und Gebeten der Menschen, die sonst nichts mehr tun können, aber keinen Menschen vergessen, die an alle denken und für sie beten, weil Gott keines seiner Menschenkinder vergißt.

Pfingsten ist Gottes Eingreifen gegen die Resignation der Menschen. Er bringt Bewegung, Be-Geist-erung, Veränderungen, Feuer in unser Leben und unsere Welt. Lassen wir uns davon anstecken!

Wie ein Feuer brennt dieser Geist voller Liebe und Friede im ganzen Leben Jesu, in seinen Worten und Taten, er brennt und blüht um das leere Grab am Ostertag und pflanzt sich fort und breitet sich aus - unauslöschlich - wie Feuerzungen - an Pfingsten in die Herzen gläubig gewordener Männer und Frauen.

Lassen wir uns davon anstecken !


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