11. Sonntag im Jahreskreis 1997
Alles Leben ist Gleichnis. Man braucht nur Augen, um sie zu sehen. Doch viele sehen, und sehen doch nicht, hören, und hören doch nicht. Und verstehen so gar nicht, was sich da vor ihren Augen abspielt.
Nehmen wir das Gleichnis vom Senfkorn, das uns Jesus im heutigen Evangelium erzählt. Was er schildert: daß oft kleine Ursachen ungeheuer große Auswirkungen haben können, ist so offensichtlich, daß es kaum zu glauben ist, daß es Menschen gibt, die ein solches Bildwort nicht verstehen können.
Ich habe ein solches Senfkorn schon einmal in der Hand gehabt. Es ist in der Tat so winzig, daß es sich in einer Handrille verstecken kann. Aber selbst hier im Garten in die Erde gesteckt, wird es eine ansehnliche Staude, und in Israel zum Baum, der Vögeln Schutz und Menschen Schatten spenden kann. Also etwas ganz Kleines, das man leicht übersehen kann, wird zu etwas so Großem, daß es die Aufmerksamkeit aller erregt.
Da gibt es seit neuestem eine Wissenschaft, die nennt sich "Chaostheorie". Sie versucht, komplexe Dinge und Systeme zu erklären, die mit Logik und Vernunft allein nicht mehr zu greifen sind: Etwa, warum die Dinosaurier ausgestorben sind, oder die Wetterprognosen nie stimmen, oder die Ampel immer auf rot steht - und wieso kommt es, daß den Münchnern fürchterliche Kopfschmerzen und ein besonders heftiger Föhn bevorstehen, wenn über den Azoren ein Schmetterling seine Flügel besonders schnell bewegt.
Also: mit dem Himmelreich könnte es auch so sein wie mit einem Schmetterling, der über den Azoren besonders heftig mit seinen Flügeln schlägt......
Warum verstehen wir Menschen nur solche Gleichnisse nicht... Jesus geht es in diesem Bildwort vom Senfkorn nicht um die Erklärung eines Naturgesetzes, er will uns etwas über unser menschliches Handeln zeigen. Wenn ich ein Senfkorn in die Erde setze, wird daraus ein großer Baum. Ich muß nicht große Dinge tun, damit Großes entsteht. Auch eine kleine Ursache kann große Wirkungen haben. Ich soll mich also nicht abhalten lassen, auch das Kleine, das mir möglich ist, zu tun. Auch nicht von der Angst, auch nicht von der Aussichtslosigkeit, auch nicht von der Größe der Aufgabe und nicht von der Bedeutungslosigkeit meines kleinen Ichs! Ich soll es ruhig wagen - und zuversichtlich: Ein kleiner Samen, der ausgesät wird, kann schier Unglaubliches bewirken. Ein zarter Flügel, der bewegt wird, kann einen großen Sturm hervorrufen, einen heißen Föhn, der das Eis zum Schmelzen bringt.
Es ist anzunehmen, daß Jesus mit dem kleinen Senfkorn sich selbst gemeint hat: Wer war er schon angesichts der Großen dieser Welt, dem Kaiser und den Machthabern damals, den Politikern und Wissenschaftlern heute. Was vermag schon einer angesichts von Milliarden von Menschen? Da und dort hat er einen Kranken geheilt, ein Kind in die Mitte geholt, einen Mann mit Namen gerufen, eine Frau berührt - lauter kleine Dinge, doch mit welcher großen Wirkung im Leben dieses Einzelnen!
Er war ein Mensch mit einem liebenden Herzen - darin hat sich uns Gott gezeigt! Er hat sich hingegeben und ist gestorben - damit hat Gott eine neue Geschichte des
Lebens begonnen in unserer Welt. Das Reich Gottes lebt in alltäglichen Gebärden, Bildern, Gleichnissen. Eines davon: Kleine Ursache - große Wirkung!
Wenn dem so ist, dann gilt es, durchlässig zu werden für die große Wirkungsmöglichkeit, die von Gott ausgeht. In dem wir - mit noch größerer Zuversicht - kleine alltägliche Dinge tun: einem anderen zulächeln, einander die Hände geben, einem Kind strahlende Augen zaubern, eine Brücke zu einem Fremden schlagen. So können viele kleine Ursachen entstehen, die Wirkungen werden übergroß: Gottes Reich bricht durch auf dieser Erde.
Kürzlich las ich in der Zeitung eine Geschichte, bei der ich schon beim Lesen das Gleichnis erkannte : das Reich Gottes gleicht einer Frau, die spätabends auf dem Weg nach Hause ist. Da sieht sie, wie drei junge Männer einen vierten verfolgen, versuchen, ihn auszurauben. Sie hat Angst um ihr Leben, mehr aber noch um das Leben des jungen Mannes. Und statt wegzulaufen, geht sie auf das ineinander verkrallte Menschenbündel zu, streckt diesem 10 Mark hin, jenem zwanzig, diesem ein 5-Mark Stück, jedem etwas, was sie gerade im Geldbeutel hat. Da löst sich das Bündel, jeder ist erstaunt, schaut mit überraschten Augen auf, einer sagt sogar "danke", ein zweiter auch. Und Auf einmal ziehen alle vier friedlich fort.....
Die Welt ist voller Geschichten. Viele weisen über sich hinaus in eine Welt, die wir ersehnen: Das Reich Gottes. Und auf die vielen kleinen Dinge, die wir tun können, daß es kommt!