15. Sonntag im Jahreskreis 1997
In seinen "Erzählungen der Chassidim" berichtet Martin Buber von einem gelehrten Mann, der sich auf den Weg macht, um mit einem berühmten gottesfürchtigen Rabbi zu diskutieren und ihm die Rückständigkeit seines Glaubens aufzuzeigen. Als er die Stube des Gottesmannes betritt, sieht er diesen mit einem Buch in der Hand nachdenklich auf und ab gehen. Den Ankömmling beachtet er lange Zeit nicht, schließlich bleibt er stehen, schaut ihn flüchtig an und sagt: "Vielleicht ist es aber wahr!" Der Gelehrte nimmt all seinen Mut zusammen, doch ihm schlottern die Knie, so furchtbar ist der Zaddik anzusehen, so furchtbar sein einfacher Satz anzuhören: "Vielleicht ist es aber wahr!" Schließlich wendet sich der Rabbi ihm zu und sagt: "Mein Sohn, die Großen des Glaubens, mit denen Du gestritten hast, haben ihre Worte an dich verschwendet, Du hast, als du gingst, darüber gelacht. Niemand kann dir Gott und sein Reich mundgerecht auf den Tisch legen - auch ich nicht.! Doch bedenke : "vielleicht ist es aber wahr!" Der Gelehrte bietet noch einmal all seine Kraft zu Entgegnung auf, doch er bringt kein Wort heraus. Das einfache "vielleicht ist es aber wahr" hat all seinen Widerstand gebrochen.
Die Erzählung erscheint mir hochaktuell, besser gesagt: zeitlos: Der Fromme, der mit seinem Gott ringt; der Aufgeklärte, dem eine einzige Frage seine ganze Selbstsicherheit raubt - wir können uns mitten in die Szene hineinstellen und finden uns darin wieder: mit unserem Glauben und unserem Unglauben! Manchmal finden wir zum Glauben, manchmal verlieren wir ihn wieder.
Wir versuchen uns mit großen Worten und stoßen hart an unsere Grenzen. Wir suchen jemand, dem wir unsere Zweifel entgegenschreien können und sehnen uns nach einem mit unerschütterlichem Glauben. Und manchmal können wir mit unserer eigenen Glaubenserfahrung einem anderen helfen, der ein- für allemal das Kapitel: Religion abschließen wollte.
Vielleicht ist auch mancher überrascht oder enttäuscht über die schlichte Pointe. "Vielleicht ist es aber wahr" als Ergebnis so vielen frommen Nachdenkens. Ist das nicht reichlich wertlos und banal? Zu einem solchen Ergebnis könnte man ja auch ohne so viel Aufhebens und Denkens gelangen. Doch bringt gerade der einfache Satz den Aufgeklärten in Furcht und Zittern und macht ihn zur Widerrede unfähig. Was kein noch so gelehrter Disput zustande gebracht hat, erreicht dieser schlichte Einwurf. Und nun könnte daran ein Gespräch anschließen, denn es ist eine gemeinsame Ebene gefunden: der Mensch! Der Mensch, der glaubt und hofft, der zweifelt uns fragt. Der Mensch, der nicht selbstsicher im Glauben feststeht, sondern mit seinem Gott ringt in einem nie endenden Glaubenskampf. Der Mensch, den nicht so sehr die Buchstaben der Glaubensbekenntnisse interessieren, sondern die Erfahrungen, die er mit sich selbst und den Mitmenschen und den großen und Geschichten der Religion gemacht hat.
Wenn wir einmal aufmerksam auf die Gespräche der Leute hören, dann häufen sich da Sprüche wie: "kein Problem", "Alles klar", "Mach dir keine Gedanken". Wir hören es auf der Straße, in den Geschäften, bei der Arbeit. Sie sollen uns Normalität einreden. Doch sie sind zutiefst unwahr. Ich kann zwar Verständnis aufbringen für all diejenigen, die sich eine Welt ohne Probleme wünschen, doch keine wichtige Frage unseres Lebens können wir ohne Probleme beantworten. Fast nichts in unserem Leben ist wirklich klar, und die Aufforderung, sich keine Gedanken zu machen, erscheint angesichts unserer Zeit und Welt geradezu verhängnisvoll. Und trotz allen Nachdenkens, scheinen wir von den großen Fragen der Religionen, nach Gott, nach Freiheit, nach Unsterblichkeit weiter entfernt zu sein denn je. Doch wäre es der Verlust unseres Menschseins, diese Fragen nicht mehr zu stellen. Gerade in ihrer Unbeantwortbarkeit gehören sie zu den ehrfürchtigen Geheimnissen unseres Lebens.
Wie gesagt, der Aufgeklärte und der Gottesmann könnten an dieser Stelle ein Stück gemeinsam ihren Weg weiter gehen. Was sie verbindet, ist die Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit, der unverstellte Blick auf die Größe und das Elend des Menschen: "Vielleicht ist es aber wahr!"- Kein sehr schöner Zuruf, aber er erschüttert den, der eigentlich spotten wollte und glaubte, die Religion hinter sich zu haben. Und mit leiser Hoffnung können wir bis heute immer wieder auf die verweisen, die mehr zu erzählen wissen, die zeitlebens gesucht haben und nicht verzweifelten. "Es gibt Menschen", schreibt Marie-Luise Kaschnitz, "die Gott noch am ehesten in den Augen ihrer Mitmenschen suchen. Auch in den Augen derer, die ihn leugnen? Gerade in diesen, Ja"!