"Kommt mit an einen einsamen Ort"

16. Sonntag im Jahreskreis 1997

Es ist wieder soweit: Viele von uns gehen (sind) in Urlaub oder machen Ferien. Jeder sucht Erholung und Entspannung und hat sie auch nötig. Der eine sucht sie durch Abschalten vom alltäglichen Betrieb, durch Tapetenwechsel, durch das Suchen nach neuen Eindrücken und Erlebnissen bei Reisen und Besichtigungen, durch Ausruhen, Entspannen und richtiges Faulenzen, durch Wandern, Schwimmen oder sogar sportliche und körperliche Hochleistungen beim Abenteuerurlaub, Drachenfliegen, Bergsteigen, Wildwasserfahrten. Viele geben eine Menge Geld aus für ihren Urlaub, kommen weit herum, hören, sehen und erleben Unglaubliches, wenn man ihren Berichten trauen kann.

Merkwürdig nur, daß viele sich so gar nicht erholt fühlen, wenn sie wieder daheim sind. Da ist immer noch die gleiche Öde, Leere und Langweile - und der gleiche Streß da, der sie vorher so urlaubshungrig und urlaubsreif gemacht hat. Und spätestens am dritten Nach-Urlaubstag sind sie genau so nervös, reizbar oder niedergeschlagen wie vorher. Die gewohnte Müdigkeit, Traurigkeit, Depression stellt sich wieder ein. Hat man sich im Urlaub nicht richtig ausgeruht, zu wenig geschlafen?

Ich glaube, der Grund liegt tiefer - wortwörtlich gemeint, in der Tiefe unseres Menschseins - auf dem Grund unserer Seele, dort, wo die Grundstimmung unseres Lebens gestimmt wird, wo Freude und Friede, aber auch Traurigkeit und Angst ihre Quelle haben, dort hat sich nichts verändert! Und warum: weil wir Menschen vielfach nicht mehr in der Lage sind, uns uns selbst zu stellen, uns mit uns selbst auseinanderzusetzen, sich selber einmal in Ruhe und Besinnung zu hinterfragen, unser Leben zu überdenken. Das Evangelium erzählt von den Aposteln, die von ihrer ersten Predigttätigkeit heimkamen. Jesus sieht, wie erschöpft sie sind. Und so sagt er zu ihnen: Kommt mit an einen einsamen Ort und ruht ein wenig aus. Auch Jesus weiß, daß der Mensch Ruhe und Erholung braucht. Er selber hat sie immer wieder in Stille und Einsamkeit gesucht: dorthin lädt er auch die Apostel ein. Der Mensch braucht Abstand vom alltäglichen Betrieb, um zur Besinnung zu kommen und zu sich selbst zu finden, den innerlichen "Jahrmarkt" zur Ruhe kommen zu lassen, Zeit zum Nachdenken und zum Hineinschauen in sich selbst.

Und dann werden wir entdecken, daß es Sinn und Aufgabe unseres Lebens ist, immer mehr Mensch zu werden, nicht nur zu arbeiten, Leistungen zu vollbringen, sondern zu leben, voll und ganz zu leben, unsere Anlagen und Fähigkeiten, unsere Wünsche und Träume zu entfalten.

Viele Menschen heute verspüren einen unersättlichen Hunger in sich (oft ganz wörtlich) von dem sie selbst nicht sagen können, woher er eigentlich kommt. Ein unerklärliches Verlangen ist in ihnen wie ein nicht abgestellter Motor, der sie immerzu antreibt, alles mögliche ausprobieren läßt und doch keinen Frieden findet. Vieles erweist sich als Sackgasse, als bittere Enttäuschung. Unermüdlich suchen sie, wissen manchmal nicht mehr wohin, sind einfach am Ende. Und heben doch wieder den Kopf und machen sich erneut auf den Weg, wenn irgendwo ein Funken Hoffnung aufleuchtet.

Jesus weiß um diesen Hunger der Menschen und das läßt ihn nicht kalt. Als er die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben.

Diese Verheißung gilt bis heute: "Und er lehrte sie lange." Überall wo Menschen sich ernsthaft und ausdauernd mit diesem Jesus und seiner Botschaft beschäftigen wo sie sich unvoreingenommen und mit ihrem ganzen Leben darauf einlassen, erfahren sie, welche Bereicherung und Lebensfülle einem Menschen aus der Begegnung mit Jesus erwachsen kann - auch heute!

Und so gilt es, ob im Urlaub oder im Alltag, in unserem Leben immer wieder einen Raum der Stille zu schaffen, sich zurückzuziehen, in der Heiligen Schrift zu lesen und so Jesus zu begegnen. Unglaublich bereichernd kann es dann für uns werden, wenn wir uns mit anderen Menschen auf ein wirkliches, tiefes Gespräch über Grundfragen unseres Lebens einlassen. Und wir können dabei die vielen Menschen, die mit uns auf der Suche sind, ermutigen, zu einem lebendigen Glauben, zu einem Anfang, zu einem vertieften Leben zu finden. Urlaub und Ferien sind dazu besonders geeignet. Und dann würde es ein guter, erholsamer, bereichernder Urlaub sein, wo und wie immer sie ihn verbracht haben.


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