24. Sonntag im Jahreskreis (Kreuzerhöhung) 1997
Warum - so las ich kürzlich in einer Todesanzeige. Fünf große Buchstaben - dick und schwarz gedruckt, darunter Vor- und Zuname, Geburts- und (allzu frühes) Todesdatum, hart, kalt, eindeutig. Eine erbarmungslose Frage ohne Antwort, ein gedruckter Aufschrei, ein vergeblicher Protest: Warum? Alle Angst und Qual, alle Hilflosigkeit und Ratlosigkeit unseres Menschenlebens liegen in diesem Wort. Immer wieder dieses unbegreifliche, undurchschaubare "Warum?" - in jedem Menschenleben, zu aller Zeit und in vielfältiger Form. Warum dieser Tod? Warum diese Krankheit? Warum diese Katastrophen und entsetzlichen Kriege. Warum soviel Mißverständnisse und Zerstörungen, Nichtverstehen-wollen und Gewalt? Warum? Antworten werden versucht, Zweifel, Rätsel, Dunkel schweben weiter.
Und die Religionen, der Glaube? Versagen sie nicht auch angesichts der vielen unverschuldeten Leiden, der unerhörten und unbeantworteten Schreie, der zahllosen ungelösten Fragen? "Die Frage, warum leide ich, ist der Fels des Atheismus", sagt Georg Bischner. Recht hat er! Sagen viele. Das ist das stärkste Argument gegen Gott - so hart und unumstürtzlich wie ein Fels. "Warum leide ich?, da prallen alle schönen Glaubenssätze und alle Reden von Liebe und Sinn des Lebens ab! Was heißt das: Gott ist allmächtig und barmherzig? Muß er dann nicht Leid verhindern? Wenn er das nicht kann, ist er kein allmächtiger Gott; wenn er das nicht will, ist er weder barmherzig noch anbetungswürdig. So werden wir unsicher, verlegen und verstummen. Denn unser Gott schweigt!
Tatsächlich?
Seit jenem Freitag des Jahres 30, da dieser Eine, ausgestreckt am Kreuz, zwischen Himmel und Erde hängend, - und menschenverlassen, hinausschrie: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" hat sich etwas Entscheidendes, Unwiderrufliches ereignet: Gott selbst hat alle Gottes-Vorstellungen , Wünsche und Träume der Menschen "durch-kreuzt" - auf den Kopf gestellt.
Denn wir Menschen haben im Laufe der Zeit und in den Ereignissen unseres Lebens uns unseren Gott nach unserem eigenen Bild erschaffen. Das Kreuz zeigt nun sein wahres Gesicht: Mächtig in der Ohnmacht, verschwenderisch in seiner Hingabe, unantastbar (königlich) in seiner wehrlosen Liebe, heilend versöhnlich in der Preisgabe seiner selbst. Das soll einer begreifen! Das soll einer beweisen. Davor versagt menschliche Berechnung und Logik!
Gott steigt hinab in den Nullpunkt menschlicher Existenz, in ihre Vernichtung und Zerstörung, um allem bittenden und bohrenden "Warum" in unserem Leben die Spitze zu nehmen.
Warum Gott diesen Weg mit Jesus gewählt hat, bleibt für immer sein Geheimnis. Wir wissen nur eines: im Kreuz begegnet uns die grenzenlose Liebe Gottes! So liebt die Liebe : verschwenderisch bis zur Selbsthingabe, vergebend bis in die letzte Tiefe jeder Schuld, und Rettung verschaffend auch aus dem Abgrund des tödlichen Nichts. Und all unser Leid, unsere Angst und Schuld, gehen in sein Leiden hinein und in ihm auf. Unser Warum wird mit seinem Warum verbunden. Mit dem einen Unterschied: Vor seinem "Warum" steht das "mein Gott, mein Gott....". Jesus verflucht nicht sein Geschick, verzweifelt nicht an seinem Gott, schreit nicht ins Leere, sondern zum, zweifellos auch für ihn in dieser Stunde verhüllten - Du Gottes.
"Die Frage: Warum leide ich?" ist der Fels des Atheismus. Seit diesem Freitag ist das nicht mehr so klar und eindeutig. Der Fels bricht und schwankt. Freilich nur für den, der sich zu diesem Kreuz aufmacht und sich ihm stellt. "Man muß nicht an dieses Wort vom Kreuz herunter zu uns und in die Abgründe unseres Daseins hinein glauben, aber man kann es", schreibt der Theologe Karl Rahner. Verschuldete und unverschuldete Not, selbstgeschaffenes und unabschaffbares Leid können Trost, Kraft und Versöhnung finden in dem, der sühnend und versöhnend die Arme über Welt und Menschen ausgebreitet hat. Das wird freilich immer, wie schon Paulus seinen Korinthern mit aller Deutlichkeit und Schärfe klar gemacht hat, für die einen ein empörendes Ärgernis sein, weil dieser Gott mächtig und siegreich zu sein hat oder sonst gar nicht und für die anderen ein bodenloser Unsinn, weil ein Gott am Kreuz ein Schlag gegen alle Vernunft und dazu noch eine unzumutbare Geschmacklosigkeit ist.
Nur dem Glaubenden kann eine solche Botschaft "Gottes Kraft und Gottes Weisheit" sein, so daß auch ein leidender, gepeinigter Mensch mit eben diesem Paulus sprechen kann: "Christus will ich erkennen und die Macht seiner Auferstehung und die Gemeinschaft mit seinem Leiden. Mit seinem Tod soll mein Geschick verbunden sein, um dann einmal zur Auferstehung der Toten zu gelangen".
Zahllose Menschen haben das bis auf den heutigen Tag erfahren und zur prägenden Wirklichkeit ihres Lebens gemacht. Alfred Delp schreibt vor seinem Tod: "Der Tod des Christen ist eigentlich der letzte Mitvollzug des Kreuzes, aber des Kreuzes, über dem schon Ostern steht. Tod ist für uns nicht Absturz und Abgrund und Zerrinnen und Scheitern, sondern Tor ins Leben hinein: Durchgang". Und die Karmelitin Edith Stein bekennt: "Ich bin mit allem zufrieden. Ein Wissen vom Kreuz kann man nur gewinnen, wenn man das Kreuz gründlich zu spüren bekommt". Und viel häufiger kann sich solche Erfahrung in ganz einfachen Worten auszeichnen wie bei jener alten Frau im Pflegeheim, die ein schweres Leben hinter sich hatte und im Gespräch auf ihr Kruzifix über dem Bett weist: "Mit Gott kann ich nicht viel anfangen, aber der da - der hatte es ebenfalls schwer. Der versteht mich!"
Es ist keine Frage: Mit dem Leid und dem Tod muß sich jeder Mensch - ob gläubig oder ungläubig , voll Hoffnung oder voll Verzweiflung - im Lauf seines Lebens auseinandersetzen und fertig werden. Die Frage ist nur - wie er es tut - wo er Halt sucht und Hilfe findet. Das Kreuz zeigt uns einen Weg, wo wir suchen können, wo eine Lösung möglich ist, Erlösung aufscheint.