25. Sonntag im Jahreskreis 1997
Festgottesdienst : Pfarrer Häusle 10 Jahre Pfarrer an St. Josef.
Im Evangelium wandert Jesus mit seinen Jüngern nach Jerusalem, wohl wissend, daß sich dort sein letztes Schicksal erfüllen wird: Gemeinde unterwegs, "Unterwegs", das hat etwas Beiläufiges, Ungeplantes, etwas, das sich von selber ergibt - hat aber auch viel mit Unsicherheit, Wagnis, Überraschung zu tun.
Sicherer ist es ja, zu Hause zu bleiben - im Gewohnten und Vertrauten. Da glaube ich so ungefähr zu wissen, was mich erwartet, da kenne ich mich aus, da habe ich mich eingerichtet. Und doch drängt es mich immer wieder andere, neue Wege zu gehen - ich denke an Abraham, den Gott von zu Hause weggerufen hat. Er hat sich auf das Wagnis eingelassen. Er hat Sicherheit und Besitz hinter sich gelassen und ist gefolgt - allein auf Gottes Wort hin. Doch Gottes Wort war ihm nicht nur Auftrag und Verheißung, es brachte ihm auch die Erfüllung seiner Sehnsüchte: Land und Nachkommen.
Unser Leben ist eine Pilgerreise. Nie bleiben wir dort, wo wir gerade sind. Immer wieder heißt es packen, aufbrechen, weiterreisen. Aus der Jugend ins Erwachsenenalter, aus der Lebensmitte in die Reife der Jahre, aus der Aktivität in das Alter des Lebens. Menschen begegnen mir und gehen wieder fort. Orte wechseln und Lebensumstände verändern sich und ich bin in meiner Lebensreise nicht allein. Es sind Menschen mit mir, die den gleichen Weg gehen. Manche sind schon etwas weiter, sehen etwas mehr als ich. Entscheidend aber ist das Ziel, zu dem wir unterwegs sind, das wir vor Augen haben.
Auf seinem Weg nach Jerusalem spricht Jesus von seinem bevorstehenden Leiden und Tod und seine Auferstehung. Seine Jünger reagieren reichlich hilflos und wortlos. Hinterher hören wir: "Als er im Haus war, fragte er sie: worüber habt ihr unterwegs gesprochen?" Den Jüngern bleibt als Antwort nur verlegenes Schweigen. Doch Jesus, von dem Johannes sagt, daß er "es nicht nötig hatte, daß ihn jemand über den Menschen belehre, weil er wußte, was im Menschen war", kennt ihr Gesprächsthema: Wer ist der Größte? Wer spielt die bedeutende Rolle? Wer ist dem Meister der Wichtigste und der Liebste?
Solche Gedanken sind uns vertraut. Eifersucht und Ehrgeiz - auch in der Lesung aus dem Jakobusbrief ist von ihnen und ihren verheerenden Auswirkungen die Rede. Ruhmsucht, Rivalitäten und Rücksichtslosigkeit prägen allzu häufig unseren Alltag, unser Miteinanderleben ebenso wie die weltpolitischen Auseinandersetzungen und Kriege. Selbst im Sport, der einmal dem Spiel, Spaß und der Erholung gewidmet war, greifen Kampf, Korruption und Profitgier um sich: Vom Kampfgeist wird da gesprochen, im Tennis, wie im Fußball, vom gnadenlosen Kampf und tödlichen Bällen, von der Fußballschlacht und seinen Schlachtenbummlern - oft sehen sie auch danach aus und verhalten sich entsprechend - dem tödlichen Schuß und der einschlagenden Granate. Wo aber die Sprache verroht, da verroht auch der Mensch, und wie wir sprechen, verrät mehr von uns als wir denken. Schon unsere Geschichte lehrt uns das: "Wo Bücher brennen, brennen bald auch Häuser, Städte und Menschen"; so lange liegt das noch nicht zurück - ebensowenig wie der Transport "lebensunwerten" Lebens in Viehwaggons über unsere Schienen. So macht es mich hellhörig, immer vom gnadenlosen Konkurrenzkampf in freier Marktwirtschaft zu lesen, von Bombern in Fußballmannschaften, von Geldhaien im Bankgewerbe und dem Besiegen des Gegners auf unseren Sportplätzen. Erholungszwang und Leistungsdruck kennzeichnen unsere Lebensbereiche: auf dem Markt und im Stadion und in der Schule
Kampf ums Gewinnen, Punkte Beförderungen und Zensuren und "Leistungsträger" sind unsere Mitspieler. Immer gilt es, "einsame Spitze" zu sein und viel zu spät erst merken wir, wie einsam wir auf der Spitze tatsächlich sind, wenn wir alles und jeden um uns herum niedergerungen haben.
Wer ist der Größte unter uns? - So stritten die Jünger Jesu damals.
Jesus greift den Disput der Jünger auf. "Als sie im Hause waren ... da setzte er sich": Das Thema ist ihm zu wichtig, um es nebenbei zu erörtern. Er gibt sich betont als Lehrer, denn es geht um eine Grundordnung in seinem Gottesreich: "Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein!" Das geht allen Vorstellungen, Wünschen und Ambitionen dieser Welt "gegen den Strich". Wir sind gerne alle Herrenmenschen, geben den Ton an, spielen die erste Geige, lassen andere nach unserer Pfeife tanzen, bringen ihnen die Flötentöne bei, hauen ordentlich auf die Pauke - wie gesagt, unsere Sprache verrät uns! Der letzte von allen und der Diener aller, das will keiner sein, das paßt nicht in unser Konzept von Erfolg, führender Position, Leitungsposten, Chefsessel.
Einzig der Papst nennt sich "Servus Servorum dei"- Knecht der Knechte Gottes - doch ist er es auch wirklich?
Es ist nicht ein Frage der Worte und auch nicht der gesellschaftlichen Stellung, ob einer der Diener aller ist. Ein Dag Hammersköljd war Generalsekretär der UNO, Albert Schweizer Chefarzt, Dom Helder Camara Bischof und Mutter Teresa Ordensoberin - und sind durchaus Diener aller gewesen - und manchmal energisch und mit Einsatz ihrer ganzen Autorität: Es geht um die innere Einstellung, ob einer nur sich selber sieht, seine eigene Ehre "einsame Spitze" sein will: im Beruf, im Amt, in der Familie, in der Beziehung.
Über die Tischordnung und Rangfolge unter uns Menschen konnte Jesus sich geradezu lustig machen. Mit seinem Satz von den Ersten und den Letzten stößt er uns vor den (von unseren ehrgeizigen, ruhmsüchtigen Gedanken erfüllten) Kopf. Doch wenn Konkurrenz und Rivalität die Selbstverwirklichung des Menschen bestimmen, werden sich zwangsläufig Neid und Eifersucht einschleichen: Da holt Jesus ein Kind in die Mitte, schließt es in seine Arme und erklärt seinen verblüfften Jüngern: Wer ein solches Kind aufnimmt, nimmt ihn selbst auf; wer aber ihn aufnimmt, der nimmt den Vater auf, der ihn gesandt hat.
Aufnehmen und annehmen bedeutet hier: sein Wesen akzeptieren, seine Art von Dasein bejahen und sich zu eigen machen und so ihm ähnlich werden: dem Kinde und Gott. Jesus selbst hat ja zum wiederholten Male das Kind als Vorbild gesetzt, an dem sich die Großen, die Mächtigen, die Reichen und Gelehrten orientieren sollen, um in das Himmelreich zu gelangen. Denn während der Ehrgeiz die Machtgier, die Rivalität den Menschen isolieren und einsam machen, ist das Kind von seinem Wesen her angewiesen und ausgerichtet auf Gemeinschaft." Alles Sein ist für ein Kind Mitsein". Allen Geschöpfen ist es Geschwister: der Schnecke, dem Mond, dem Hund, der Blume, dem Menschen." Während die Großen in der Welt "auf" und "über" und "gegen" sind, ist das Kind "mit" und "da" und "mittendrin".
Jesus will uns nicht zu Versagern erziehen. Er bejaht Leistung und Erfolg und eine gesunde Konkurrenz, die geradezu lebenswichtig ist, damit wir nicht infantil bleiben. Doch neben dem "Ich" steht das "Du": ich darf mich nicht entfalten auf dem Rücken der anderen, muß "Rück-Sicht" nehmen, mich selber immer wieder "zurücknehmen". Jesus ist kein Kind geblieben, er war ein erwachsener Mensch und Mann - und doch ganz für die Menschen, die anderen da. Und sein Vater nennt sich ausdrücklich "Jahve", den Gott, der für die Menschen "da" ist. Wer das Reich Gottes nicht wie ein Kind aufnimmt, wird gewiß nicht hineinkommen.
Und nur so erleben wir die wahren Dimensionen des Lebens: Leben, Wärme, Zärtlichkeit, auch Schmerz und Leid - eben alles, was uns Leben spüren läßt.
Denn das ganze Gesetz ist in einem Wort erfüllt:
Laßt uns beten um das Licht unserer Augen, um die Luft, die wir atmen, um die Stimme, mit der wir sprechen, um Sonne und Regen zu seiner Zeit. Laßt uns beten um all die selbstverständlichen Dinge, die uns immer wieder gegeben werden von Gott, unserem Schöpfer und Vater.
Erbitten wir auch, was wir am meisten brauchen: die Sympathie und Zuneigung unserer Mitmenschen. Wir bitten um Treue unserer Freunde, um die Großmut aller, die wir beleidigt haben, um die Liebe derer, die wir lieben.
Für alle, die Mangel leiden am Allernotwendigsten, wollen wir bitten. Um die Genesung unserer Kranken, für eine neue Chance des Lebens für die Gescheiterten, um Vertrauen und Energie für die Enttäuschten. Lasset uns beten: Die verloren umhergehen, mögen der Freundschaft begegnen, und den Mißhandelten und Unterdrückten soll Recht widerfahren.
Und laßt uns beten, daß wir selbst das Gute tun, daß wir die Wahrheit den Lügen vorziehen, daß wir einander nicht im Stich lassen, wenn wir damit etwas gewinnen; daß wir nicht übelnehmen, was gut gemeint ist, daß wir einander nicht verleumden und verspotten.
Zu Ihm, der unsere Bitten kennt, noch bevor wir sie ausgesprochen haben, beten wir: