Die Bibel berichtet uns wenig von Josef, aber das wenige genügt, um Wichtiges von ihm kennen zu lernen. Wir wissen kein einziges Wort von ihm, das er gesagt hätte. Was uns überliefert wurde, das sind seine Gedanken, seine Taten und vor allem seine Träume.
Josef stammt aus dem berühmten Geschlecht des Königs Davids. Aber dieser Glanz ist längst Vergangenheit. Gegenwart ist das harte Leben eines kleinen Zimmermanns, der Steuern zahlt, an Ämtern ansteht, flüchten muß und nach seiner Rückkehr aus Ägypten still und unauffällig in Nazareth lebt. Ein Theologe hat ihn einmal den "normalen" Heiligen genannt, den Heiligen des Alltags.
Die Heilige Schrift nennt ihn auf jüdisch (hebräisch): Zadik, das heißt übersetzt: ein Gerechter.
Zadik - ein Gerechter - das ist in der Sprache der Bibel nicht einer, der sich genau an alle Gesetze und Vorschriften hält. Gerecht - das ist ein Mensch, der in der Beziehung zu Gott steht. Der tut, was Gott will. Und das tut Josef. Das zeichnet sein Leben aus.
Und was will Gott von ihm?
Zuerst einmal, daß er Maria zu sich nimmt, daß er ihren Sohn als den Seinen annimmt. Daß Josef Maria zu sich nimmt, obgleich er nicht begreift, was an ihr geschehen ist; daß er sie so annimmt, wie sie ist, mit ihrem Leben und ihrem Schicksal und ihrer Aufgabe, weil Gott es so will - das ist gerecht! Daß Josef Jesus als seinen Sohn annimmt und für ihn sorgt als ein guter Vater, weil Gott es so will: das ist gerecht.
Nicht weniger als 4mal wird berichtet, Josef habe im Traum eine Botschaft von Gott erhalten. Ein Engel Gottes erscheint ihm und sagt: "Josef, Sohn Davids, scheue dich nicht, Maria zu dir zu nehmen". Und später: "Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach Ägypten!" Und jedesmal heißt es danach: "Das stand Josef auf..." Er tut, was Gott will. Das ist gerecht, wenn einer sich aufmacht und tut, was Gott will. Wenn er das Eigene hintenanstellt und den ungewissen Weg in die Zukunft geht, auf den Gott ihn schickt. Darum zählt die Bibel Josef zu den großen Gerechten des Gottesvolkes: zu Noah, Abraham, Moses und David!
Nach den Berichten der Bibel besitzt Josef ein besonderes Organ für das Hören auf Gott. Eine erstaunliche Eigenschaft, wenn man bedenkt, wie dürftig oft unsere eigene Fähigkeit zum Hören (auf Gott) ist.
Josef jedenfalls horcht und gehorcht. Er gehorcht Gott mehr als menschlichen Gesetzen und Normen. Und er gehorcht aus Liebe, aus Treue auch im Kleinen, nicht aus Angst vor Strafe.
Was mir beim Nachdenken über Josef ganz neu aufgegangen ist.: Daß Jesus später in so einzigartiger Weise von seinem himmlischen Vater gesprochen hat, so manche schöne Gleichnisse über Gott, seinen Vater erzählen konnte, muß auch an Josef gelegen haben, daran, wie Jesus als Kind Josef als einen Vater erlebt. hat; so jedenfalls ist es für uns Menschen, und Jesus ist ja wahrer Mensch geworden und Kind nicht nur der Mutter Maria sondern auch des Vaters Josef hier auf Erden.
Demnach muß Josef ein guter Vater gewesen sein. Ein solcher bleibt er auch in der Ewigkeit für uns. So ist uns der heilige Josef ein lieber und treuer Weggefährte, dieser Heilige der Alltäglichkeit, der Pflichterfüllung, der Gerechte. So können wir uns ganz unbesorgt und vertrauensvoll seinem Schutz und seiner väterlichen Fürsorge anvertrauen: unser Leben, unsere Arbeit und unsere Gemeinde.
Doch bei aller Treue und Fürsorge war Josef auch ein abenteuerlicher Mensch, bereit zu jeglichem Aufbruch, zu dem Gott ihn rief. Aber er blieb Realist, kein Aussteiger, kein Schwärmer, der falschen Träumen nachgelaufen wäre: Gläubiger Realist, das hatte ihn schon das karge Leben der einfachen Leute gelehrt.
Schlußendlich aber war er einfach ein Mensch, der still und nüchtern im Alltag tut, was Gott will, der Heilige des Alltags eben, der "normale" Heilige. Ohne Aufhebens dient er Gott, der in seinem Sohn ein Kind armer Leute geworden ist.
Alljährlich zog er, wie Lukas berichtet, dem Brauchtum gemäß hinauf nach Jerusalem zum Osterfest. Das war damals ein langer und mühsamer Weg. Und mindestens einmal begleitet er dabei den, dem er den Namen gegeben hatte: Jesus: Gott ist Heil!
Als dieser Jesus dann öffentlich auftrat, ist von Josef in den Schriften nicht mehr die Rede: einer der still seine Pflicht getan hatte. Was könnte man über ein Menschenleben Besseres sagen.
So soll uns auch dieser Josef ein lieber Weggefährte werden, dieser Heilige der Alltäglichkeit und der schweigsamen Pflichterfüllung, der letzte Gerechte des Alten Bundes und der erste Heilige der Christenheit. Er soll unser Türhüter sein für den Einbruch Gottes in unsere Welt, ein Mann, in dessen Leben dauernd Gott eingreift, ihn zu immer neuem Umdenken, stets bereiten Aufbruch treibt. Er hört und bleibt verfügbar. Solches Hören und Verfügbarbleiben ist das Kennzeichen aller großen Gottesfreunde seit Abraham bis heute.
Es muß in einem Volk und in einer Kirche immer große und berühmte Menschen geben: Größen des Geistes, der Kultur, der Politik, Wagemutige, bahnbrechende Führer oder Propheten einer neuen Zukunft und wir brauchen sie heute nötiger denn je.
Doch wir brauchen ebenso nötig Männer wie Frauen, die ohne viel Aufhebens in Stille das Nötige ohne Murren ganz selbstverständlich, tun, das was Gott gerade will, und gerade dann ist uns Josef ein Vorbild, der "normale Heilige" der Gerechte des Alltags.
Josef lebt. Er lebt weiter in der Gemeinschaft der Heiligen und in den Herzen aller, die auf Gott vertrauen wie er. So können wir uns ganz bewußt und vertrauensvoll seinem Schutz und seiner väterlichen Fürsorge anvertrauen: unser Leben, unsere Arbeit, unsere Gemeinde: Heiliger Josef, bitte für uns.