Osternacht 1998

Dem unvoreingenommenen Betrachter der Auferstehungsberichte fällt auf, daß hier ungewöhnlich viele Frauen eine wichtige Rolle spielen. Sicher geht es auch um das leere Grab und natürlich um die wichtigste aller Botschaften: "Was sucht Ihr den, der lebt, bei den Toten?"

Doch die ersten Aussagen über den Auferstandenen stammen von den Frauen. Niemand verkündet vor ihnen von einer Auferstehung Jesu: Mit unglaublicher Liebe und Treue!

Wir wissen sehr wenig von diesen Frauen: Sie kommen aus Galiläa, woher auch Jesus stammt und wo er zuerst gewirkt hat, gehören also wohl zu seinem ersten Jüngerkreis. Als er von Dorf zu Dorf zog, wandern sie mit, unterstützen Jesus und den Jüngerkreis mit ihrem Besitz - diese kurze Notiz war es zumindest dem Evangelisten Lukas wert.

Vielleicht hat Jesus ihnen aus einer großen Not geholfen. Sie haben durch ihn Heil und Heilung erfahren, er hat an ihrem Schicksal Anteil genommen.

So "gehen" sie also mit Jesus: äußerlich wie innerlich, es wird über sie nicht mehr berichtet, erst bei der Hinrichtung Jesus tauchen sie wieder auf, als die "Mannen" ihn fluchtartig verlassen hatten: Wieder ist es Lukas, der ausdrücklich festhält, daß es die Frauen aus Galiläa waren, die es unter dem Kreuz aushielten. Man kann sich vorstellen, wie sie alles genau registrierten, jede Bewegung, jedes Ereignis, jedes Wort: Was auch mit Jesus geschieht, sie bleiben an seiner Seite: im Leben, im Sterben, im Tod. Was für eine Liebe und Treue! Sie sind dabei, als der Leichnam vom Kreuz abgenommen wird, sie stehen am Grab...

Dieser Tod trifft sie unvorbereitet: Sie hatten alles einkalkuliert, nur dies nicht. Sie, die immer wußten, was gebraucht wird, stehen mit leeren Händen das. Sie hatten die Auferstehung des Lazarus miterlebt. Sie waren Zeuginnen der großen Machttaten Jesus, und jetzt dieses schmähliche Ende...

Nur sehr mühsam und schmerzlich müssen sie sich dem Unausweichlichen gebeugt haben: es war ein harter Sabbat für sie. Das Gesetz der Sabbatruhe verurteilt sie zum warten. Keinen Schritt durfte man tun, in keine Richtung. Ihre Gedanken werden sich nicht daran gehalten haben. Sie werden die lange Wegstrecke mit Jesus noch einmal in allen Einzelheiten nachgegangen sein. Und während alles und alle in Panik auseinanderlaufen, zeigen sie eine fast unglaubliche Treue. Sobald die Sabbatbestimmungen es ihnen erlauben, besorgen sie Salben und wohlriechende Öle - keine billige Angelegenheit - um dem Toten den letzten Liebesdienst zu erweisen.

Wie wichtig das ihnen ist, zeigen ihre eiligen Schritte in aller Frühe. Es konnte ihnen ja nicht früh Tag werden. Wer liebt, der hält Tag und Nacht nicht auseinander.

Der Gang zum Grab ist noch kein Osterweg. Recht besehen sind sie auf dem Weg zum Friedhof. An ihren Kleidern und in ihren Köpfen haftet noch der Geruch des Karfreitags. Gegen den Tod ist kein Kraut gewachsen, das wissen sie nur allzugut.

In der Eile des Aufbruchs haben sie freilich den Stein vergessen, der das Grab verschließt. Bei allem guten Willen, die Kraft der Frauen würde nicht ausreichen, ihn zur Seite zu schaffen. Der Stein wird zur Grenze zwischen Leben und Tod, für sie so wenig überwindbar wie der Tod selbst ...

Bis zu diesem frühen Ostermorgen konnte nichts anderes getan werden: als Blumen zu den Gräbern tragen, Gedenkstein zu setzen, Trauergottesdienste zu halten, Leichname einzubalsamieren, um den unausweichlichen Zerfall ein wenig aufzuhalten.

Doch dort, wo das Denken und Handeln des Menschen zu seinem Ende kommt, beginnt das Wirken Gottes. Und nun sind es die Frauen in der Morgendämmerung des Ostertages, die der Macht Gottes begegnen. Es ist alles so neu, so mächtig, so unerwartet, daß zwischen den Zeilen immer noch die große Ratlosigkeit, das Erschrecken, die Unbeholfenheit dieser ersten Zeuginnen herauszuhören ist. Bis zu dieser Stunde hatten die Frauen ihr "eigenes Vermögen" eingebracht, in diesem Augenblick der Verwunderung, daß der Stein weggewälzt war, beginnt das Handeln Gottes. Da sind die beiden Männer in den leuchtenden Gewändern. Das ist die Frage: "Was sucht ihr den, der lebt, bei den Toten?" Das neue Denken wird eingeleitet, die Erinnerung an die machtvollen Worte und Taten Jesus wieder wachgerufen, der lebende Jesus kommt wieder ins Spiel. Unser Gott ist kein Gott der Toten, sondern der Lebenden.

Die Frauen erfassen sofort die Tragweite dieser guten Nachricht. Es ist die beste und wichtigste Nachricht, die sie jemals in ihrem Leben gehört haben. Sie verlangen keine weiteren Beweise von den Boten. Von jeher haben Frauen das bessere Gespür für das Unbegreifliche, das größere Vertrauen. Kein Wunder, daß sie das Wunder so schnell begreifen ...

Die Männer werden zögern, sie werden weitere Beweise verlangen, sie werden in alle Himmelsrichtungen auseinanderlaufen, müssen einzeln von Jesus zurückgeholt werden. Sie müssen ihre Hände in die Wunden Jesus legen und die Male seiner Nägel sehen. Die Frauen dagegen haben es sofort verstanden.

Auferstehung, das ist die höchste Offenbarung der Macht Gottes. Wir müssen nicht auskommen mit einer Menschheit, die ständig dem Tod geweiht ist. Der Tod ist zwar unausweichlich, aber nicht endgültig. In dem Augenblick, als die Frauen aus dem Grab aufbrechen, dreht sich auch die Geschichte der Menschheit um.

Adam nannte seine Frau: Eva, Mutter der Lebenden. Sie ist aber die Mutter der Sterbenden geworden. Am Ostermorgen wird dies in Ordnung gebracht. Der auferstandene Herr ist der neue Adam , der erste Mensch einer neuen Schöpfung. Nach der Schrift haben die Frauen das Privileg, es am schnellsten verstanden zu haben.


[ Übersicht | vorherige Ansprache | nächste Ansprache ]