Bei unserer Pilgerreise ins Heilige Land suchten wir eines Nachmittags auch die Himmelfahrtskapelle auf dem Ölberg auf. Wir gingen zu Fuß durch die Altstadt, durch das Stephanstor hinaus über das Kidronstal hinüber, die breite Fahrstraße den Berg hinauf, begleitet von einem Schwarm arabischer Jungen, die bettelten, Andenken verkauften und als sie von unserem Ziel erfuhren, uns unbedingt den Weg zeigen wollten - nicht ohne danach noch einen beträchtlichen Führerlohn zu fordern. Dann saßen wir einige Zeit im Hof um die kleine achteckige Kapelle herum, die an der Stelle der Himmelfahrt Jesu errichtet sein soll, frei in der Sonne den blauen Himmel über uns - und dachten darüber nach, was von dieser schönen Geschichte der Himmelfahrt Christi denn nun übrig geblieben ist.
Der Felsendom fiel mir ein, wo man uns den Fußabdruck Mohammeds auf dem Felsen gezeigt hat, von wo er für einen Tag in den Himmel entrückt wurde, um die Hl. Schrift des Koran zu empfangen. Und ich erinnerte mich an Albrechts Dürers Bilderfolge "Kleine Passion", wo auch die Fußabdrücke der Aufgefahrenen in einen Felsen gezeichnet sind. Oder die frommen Bilder und Steinmetzarbeiten der gotischen Kathedralen, wo gerade noch die Füße des Emporschwebenden aus der Wolke herausragen und die Jünger ihm nach zum Himmel schauen, wie es die Apostelgeschichte eben anschaulich beschrieben hat.
Aber mir sind solche Bilder zu anschaulich und direkt. Irgendwo spüre ich, so kann es nicht gewesen sein. Vielleicht, so dachte ich mir, ist hier der Ort oder die Stelle - oder auch der Moment gewesen, wo die Jünger begriffen , daß die Erscheinungen des Auferstandenen nun ein Ende haben, und daß sie nun etwas tun müßten, so wie es ihnen die Engel, wenig einfühlsam, am Schluß des Berichtes ausdrücklich ans Herz legten.
Vielleicht meint "Himmelfahrt!" weniger ein recht unfaßbares, konkretes Ereignis, sondern eine menschliche Erfahrung der Jünger: du kannst den Auferstandenen nicht länger festhalten, das Glück der Begegnungen mit ihm bleibt nicht für immer bestehen, du bist noch nicht im Paradies. Die Welt wird wieder wie vorher, das Räderwerk der Geschichte läuft weiter, greift, zermalmt oder befördert nach oben, wie und wen es eben trifft. Ein Abschied also mit dem Einsehen der Realität und dem sich Beugen unter der Notwendigkeit des Irdischen, so wie man früher am Himmelfahrtstag nach dem Evangelium die Osterkerze auslöschte.
Wenn ich darüber nachdenke, finde ich diese Sicht der Himmelfahrt aber auch wieder zu nüchtern und ein wenig resignativ. Das reicht nicht dafür, daß der Satz "aufgefahren in den Himmel" ausdrücklich in unser Glaubensbekenntnis aufgenommen wurde. Und mir fällt ein anderes Himmelfahrtsbild ein, von dem ich eine Postkarte habe: -
Die holzgeschnitzte Tür von "St. Marien im Kapitol" in Köln. Das Relief zeigt Christus groß, stehend und in feierlichem Ornat, in der Rechten das Kreuz erhoben, in der Linken das Evangelium: das Gesicht klassisch ... wie in Meditation versunken, ganz entrückt. Und die ganze Figur ist durch eine sog. "Mandorla" umrahmt: einen mandelförmigen "Raum", der bis heute in der Ikonenmalerei das ganz Andere bedeutet, das "Jenseits" den Ort und Raum Gottes.
Da wird keine Schilderung der "Himmelfahrt" geboten, sondern ein Erlebnis gedeutet. Dem Betrachtenden soll der Auferstandene und Aufgefahrene aufgehen: er soll verstehen, wer Er ist und was diese Geschichte bedeutet: daß dieser brutal Umgekommene nicht ausgelöscht ist, sondern für mich da, so wie Gott für mich da ist. Er ruft mich, wie Gott mich ruft. Er kommt in mein Leben aus dem Raum Gottes, der oben ist und unten, in mir und um mich und überall.
Und ich begreife: "Christi Himmelfahrt" ist nicht ein Tag im Kalender, er gehört in meine eigene Geschichte: Ich kenne das Verschlossensein, aus dem heraus mir kein Kontakt gelingt. Das Gefangensein in einem Leid oder einer grenzenlosen Unzufriedenheit. Das Verwirrtsein, weil ich die Richtung verloren habe, die Angst, die sich in mir ausbreitet, und die ich nicht einmal benennen kann. Ich kenne das "Hinabgestiegen sein in die Hölle" oder "das Reich des Todes" in meinem Leben.
Und dort zeigt sich: ich bin nicht allein und verlassen in meiner seelischen oder körperlichen Qual. Ich muß nicht im Tode bleiben, auch nicht in den vielen Toten inmitten des Lebens. Ich kann mich aus dem Abgrund, vor dem mir graut, wieder erheben.
Kann ich es, oder war und ist es nicht eher so, daß irgendetwas, irgendwer mich hält und nach oben zieht, daß ich wieder die Höhe, die Freiheit, die Luft und das Licht erfahre, wie damals auf dem Ölberg. Dazu bin ich bestimmt und berufen, als Mensch und Christ; frei und selbständig soll ich werden, über meinen übernommenen Zwängen stehen lernen, über den Ängsten des Lebens, der Schwermut des Alleinseins und Altwerdens, über der Furcht vor dem Tod: dem eigenen genauso wie vor dem der mir Lieben. Ich erfahre: es gibt für mich diesen Standort: "Darüber" Nach dem ich die Tiefen durchschritten habe, ein Gezogenwerden in die Höhe, das sich gegen den häufigen Zug nach unten durchsetzt.
Meine Behinderungen, Ängste, Einschränkungen können aufgehoben werden. Ich erlebe meine eigene "Himmelfahrt".
Gott ist über mir! Jesus Christus ist in mir: Gottes Geist umhüllt mich wie die Mandorla den auffahrenden Christus und zieht mich nach oben. Und ich spüre, wie es der schwergeprüfte Hiob einmal ausgedrückt und Teleman in einer Kantate wunderbar vertont hat: "Ich weiß, daß mein Erlöser lebt!"