Das Kreuz

14. Sonntag im Jahreskreis 1998

"Ich aber will mich allein des Kreuzes Jesu Christi rühmen, durch das mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt". Es gibt keine andere Stelle in den Paulusbriefen, die so kurz und prägnant das Glaubensbekenntnis des Völkerapostel beschreibt wie dieser Satz im Galater-Brief, (den wir in der Lesung des heutigen Tages hörten).

Doch abgesehen davon - wie unser Deutschlehrer meinte, daß man keinen Satz mit Ich beginnen sollte, ist das Kreuz-Zeichen von Anfang an auf Widerspruch gestoßen. Schon den gläubigen Zeitgenossen Jesu war dessen Scheitern am Kreuz ein Ärgernis, das Judentum verband mit seiner Messias-Erwartung alles andere als Ohnmacht und Schwäche. "Wer am Holz hängt, ist von Gott verflucht", sagt das Buch Numeri. Für die Umwelt des Neuen Testaments war das Kreuz schlechthin Torheit, es stand im Gegensatz zu der Vorstellung der Zeit von einer höchsten Gottheit. So erntete auch Paulus auf dem Areopag, dem Marktplatz von Athen, mit seiner Botschaft nur Spott und Hohn und mußte unverrichteter Dinge von dannen ziehen. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Das Paradox des Kreuzes stößt auf den Widerstand unseres Wunsches nach klarem, widerspruchsfreiem Denken. Gegenüber früheren Zeiten sind heute freilich "die Feinde des Kreuzes Christi" nicht nur außerhalb der Kirche zu suchen. Auch unter Christen ist eine starke Abneigung gegen das

Kreuzzeichen zu spüren. Christliche Theologen sprechen dem Kreuz seine heilende und vergebende Kraft ab, sprechen von einer "Henker-Theologie". Eine evangelische Bischöfin erklärt, sie möchte nicht durch das am Kreuz vergossene Blut eines Mannes erlöst werden. Denn das Blut eines Mannes führe zum Tode, das Blut einer Frau dagegen schenke Leben. Der Vater eines Erstkommunikanten will dem Pfarrer verbieten, seinem Kind das Kreuzzeichen zu lehren. Jugendliche können heute dem Kreuz nur noch wenig Sinn abgewinnen. "Wie kann man sich dieses Marterwerkzeug übers Bett hängen?" Es taugt bestenfalls noch als Modeschmuck oder als Beiwerk auf einer Todesanzeige. Eltern klagen gegen das Kreuz im Schulzimmer, Abgeordnete gegen das Kreuz im Gerichtssaal und bekommen vor Gericht recht. All das ist in der Geschichte des Christentums ohne Beispiel und muß uns nachdenklich stimmen!

Wenn wir den Ursachen für die zunehmende Ablehnung des Kreuzes nachgehen, stoßen wir auf unterschiedliche Motive. Eine ungute christliche Theologie hat in der Tat in vielen Köpfen (und Herzen) das Bild eines Gottes hervorgebracht, der seinen Sohn auf solch grausame Weise leiden und sterben läßt, um Genugtuung für die Sünden der Menschheit zu erlangen. "O Lamm Gottes unschuldig, am Stamm des Kreuzes geschlachtet", einem solch blutrünstigem Gott kündigen sie die Gefolgschaft auf.

Ebenso wie einem Gott, der seinen Sohn gewissermaßen die Kastanien aus dem Feuer holen läßt, sich selbst aber von allem Leid der Menschheit und der Kreatur fernhält und unberührt bleibt.

Sie protestieren gegen einen Gott, der anscheinend ein ewiger Zuschauer ist, oder der Welt den Rücken zukehrt.

Ist es so? Interessiert sich Gott wirklich nicht für unser Leid und Elend, löst unsere Not bei ihm keinerlei Reaktion aus? Wir verstehen heute die Botschaft von der Menschwerdung Gottes anders: In Jesus Christus kehrt Gott der Welt sein Antlitz zu, nimmt er geradezu leidenschaftlich Anteil am menschlichen Leben und Leiden und Sterben des Menschen, geht in seinem Sohn selbst ans Kreuz. Er ist kein abwesender und abweisender Gott, sondern ein betroffener und mitleidender - in der Radikalitiät seiner göttlichen Liebe und Hingabe.

Die späte Gotik hat dies in einer eindrucksvollen Skulptur dargestellt, "Noth Gottes" genannt (Lübeck, Heilig-Geist-Spital): Gott-Vater hält mit schmerzverzerrtem Gesicht den Leichnam seines Sohnes in den Armen, beide sind stehend dargestellt. Ein Bild, dessen Eindruck man sich nicht entziehen kann. Da ist kein sadistischer Gott, dem das Leiden seines Sohnes Genugtuung verschafft, dies ist ein mitfühlender Gott, der mit uns den Weg des Leidens geht bis zur tiefsten Gottverlassenheit.

Freilich steht auch diese Deutung des Kreuzesgeschehens als ohnmächtige Selbstentäußerung Gottes in scharfem Gegensatz zu unserer Gesellschaft, die nach wie vor Macht und Gewalt predigt und verherrlicht. Weiterhin zählt nur das Starke, Gewalttätige und Erfolgreiche, nur dem Sieger wird der Lorbeerkranz verliehen, für das Schwache und Ohnmächtige ist in unseren Geschichtsbüchern und Zeitungsberichten kein Platz, ihm bleibt bestenfalls die Dornenkrone, um die sich keiner reißt. Wer möchte von uns schon freiwillig den letzten Platz einnehmen, von keinem beachtet! Wer möchte schon zu den Unterlegenen zählen, zu den Verlierern, die gesenkten Hauptes vom Platz schleichen?

"Er hatte keine schöne und edle Gestalt, so daß wir ihn anschauen möchten. Er sah nicht so aus, daß wir Gefallen fanden an ihm. Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut. Wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt, war er verachtet, wir schätzten ihn nicht", so beschreibt schon der Prophet Jesaja unseren schmählich am Kreuz leidenden Erlöser. Das fügt sich nicht in unser weltliches Wertsystem ein. "Das Schwache in der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zuschanden zu machen und das Niedrige der Welt, das Verachtete, hat Gott erwählt: Das, was nichts ist, um das, was alles ist, zu vernichten, damit kein Mensch sich rühmen kann vor Gott", so verkündet ein Paulus in direktem Kontrast zum damaligen wie gegenwärtigen Lebensgefühl.

Wir wollen uns einen eigenen Namen machen, vertrauen können auf unsere eigenen Kräfte! Und doch kann keiner von uns sich mit dem eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen, kann keiner sich selber das befreiende Wort zusprechen. Und gerade wenn wir mit unseren eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten zu Ende sind, vermag uns der Aufblick zum Kreuz Kraft schenken, wo der hängt, der gesagt hat: "Hab Mut! Ich habe die Welt besiegt!"

Doch dieses Geschenk der göttlichen Gnade empfinden wir als eine Beeinträchtigung unserer eigenen, so sorgsam gehüteten Freiheit. Statt die Erlösung durch den menschgewordenen Gottessohn anzunehmen, möchte der Mensch sich selbst erlösen. Er will seines eigenen Glückes Schmied sein.

Er fühlt sich stark genug, den Kurs seines Lebens selbst zu bestimmen: Doch bei vielen zeigt sich auch eine neue Einsicht: "Ein Mensch sagt und ist stolz darauf, er geht in seinen Pflichten auf! Doch bald darauf, nicht mehr so munter, geht er in seinen Pflichten unter!" So beschreibt es Erich Kästner noch humorvoll.

Dem nachdenklichen Zeitgenossen wird es immer klarer, daß wir allzuoft vor dem Scherbenhaufen unserer Freiheiten enden.

Nach der Wende fand in Dublin ein Kongreß der Theologen Mittel- und Osteuropas statt. Viele von ihnen trugen noch an ihrem Körper und an ihrer Seele Spuren

des Martyriums. Beeindruckend ihre Glaubenszuversicht. Der alte Erzbischof von Prag bekannte, auf diesem Leidensweg habe er in aller Demut begriffen, "daß das "Leben für" der Stil des Lebens Jesu war.. "für den Vater, für dessen Willen, für den Menschen. Es ist ein Lebensstil, der seinen Höhepunkt auf dem Kreuz erreicht."

Diese Erfahrung habe ihn, gerade auf dem Hintergrund des totalitären Systems, mit Freude erfüllt und verhindert, "daß sich meiner das Gefühl der Überflüssigkeit (Frustration) bemächtigte".

Auch andere Theologen des Ostens verweisen immer wieder auf die Kraftquelle des Kreuzesglaubens, der ihnen den Mut zum Überleben verliehen hätte, und die Gläubigen vor Resignation und Abfall bewahrt habe.

Die Botschaft vom Kreuz darf auch heute nicht entleert werden. Mag sein, daß sich mancher das Kreuz nicht mehr über das Bett hängen will. Aber vielleicht auch deswegen, weil Pascal einmal gesagt hat: "Er wundere sich, daß jemand noch schlafen könne, wenn ihm einfiele, daß Christus für ihn am Kreuz gestorben sei!"


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