18. Sonntag im Jahreskreis 1998
Das kenne ich auch, aus eigener Erfahrung oder in unserem Bekanntenkreis. Wenn es ans Erben geht, geht das selten ohne Streit und böse Worte. Und so frage ich auch manchmal gerne etwas provozierend, wenn man mir bei unserem Besuch die so harmonischen Beziehungen zwischen "uns Geschwistern" schildert: "Habt ihr schon das Erbe eurer Eltern geteilt?"
Insofern ist es nichts ungewöhnliches, was dieser Mensch "aus dem Volk" da im Evangelium tut: Er fühlt sich von seinem Bruder um sein Erbteil betrogen. Das plagt ihn - selbstverständlich. Doch was soll er machen? Er findet, Jesus wäre der rechte Mann, um seinen Bruder zu bewegen, das Erbe gerecht mit ihm zu teilen, so wie es das Gesetz vorschreibt. Also löst er sich aus der Menge, geht auf Jesus zu und bittet ihn.
Nichts ungewöhnliches. Es war damals Brauch, sich in schwierigen Anliegen an einen Rabbi zu wenden. Der kennt die Schrift und das Gesetz. Eigentlich müßte Jesus sich geschmeichelt fühlen. Schließlich zeigt ihm der Mann damit, daß er ihn für gerecht, unbestechlich und gescheit hält! Doch Jesus lehnt seine Bitte ab. Recht schroff, finde ich. Wieso? Heißt es nicht in der Schrift: "Der Herr ist gerecht und hat Gerechtigkeit lieb"? Vermutlich fühlt sich der Mann vor den Kopf gestoßen. Und wir mit ihm! Hätte Jesus ihm nicht helfen können!
Dann wäre Friede gewesen! Vielleicht! Vielleicht auch nicht. Denn, so beginnt jetzt Jesus allen Umstehenden und damit auch dem Bittsteller und uns, zu erklären: "Du, und dein Bruder, ihr seid im Grunde gleich. Es geht euch um Besitz. Ihr wollt "haben". Weil ihr im Besitz die Sicherheit für euer Leben seht. Weil ihr dann "angesehen" seid und etwas geltet unter den Leuten. Doch solange ihr so denkt, wird immer einer vom anderen etwas fordern und einer sich immer benachteiligt fühlen, Angst haben, ihm entginge etwas, und jeder wollen, was der andere auch hat. Und so kommen Groll, Streit und Neid auf. Und ihr geht auseinander, statt zueinander. Feindschaft entsteht, statt daß einer dem anderen Bruder und Schwester ist."
Und Jesus erklärt dem Mann, wozu Gott ihn gesandt hat: Er sagt: Der Vater im Himmel ist es, der dein Leben trägt und sichert. Er hat dir das Leben gegeben, er wird es einmal in sein ewiges Leben hinneinnehmen.. Ihm mußt du dich anvertrauen, auf ihn deine Hoffnung setzen, nicht auf Besitz und nicht auf Ansehen. Solange du mit deinem Bruder streitest, hat er auch Angst, er könne zu kurz kommen, es könne für ihn nicht mehr reichen. Zeig deinem Bruder, daß er sich nicht zu fürchten braucht. Zeig ihm, daß du ihm nichts wegnehmen willst. Sag ihm: Wenn du Hilfe brauchst, bin ich für dich da und werde mit dir teilen. Ich bin ja dein Bruder!
Und Jesus sagt: Dahin will ich dich führen. Dafür hat mich Gott gesandt, gerade jetzt - zu Dir.
Wahrscheinlich kann "einer aus dem Volk", er wie wir, damit in einem Erbschaftsstreit nicht viel anfangen! Das ist irreal, verrückt, unrealistisch: Da scheiden sich die Geister. Darum geht es Jesus. Ihn kümmert nicht die Ordnung unseres gesellschaftlichen Lebens, sondern wie der Geist des "Nicht-haben-wollens" diese Welt durchdringen und verwandeln kann. Darum will er nicht Richter in Sachen Erbteilung sein. Er ist gesandt, Gottes Liebe uns Menschen vorzuleben und alle einzuladen, wie ER darauf zuzuleben. Jesus ruft uns "aus dem Volk" heraus und macht uns das Angebot, seine Jünger zu werden.
Was aber muß geschehen, damit wir seinen Ruf annehmen können. Viele Erfahrungen mit dem Leben, mit den Menschen, mit mir selbst, mit den Dingen dieser Welt sind notwendig - und ich muß daraus lernen. Ich muß in die Schule Jesu gehen, und, hinter ihm hergehend, lernen, mich zu lösen von meinen Besitzansprüchen, von vielem, was mich bindet - innerlich wie äußerlich, muß lernen, um am Beispiel zu bleiben, meinem Bruder / meiner Schwester entgegenzugehen ohne Verdächtigungen, Empörung oder Zorn. So wird im Menschen Raum für Gott, ein neues, offenes Klima füreinander, eine neue Leichtigkeit, mit Eigentums-Rechten umzugehen, aus dem Vertrauen in den Vater im Himmel. Dann plagen uns nicht mehr die Sorgen des reichen Kornbauers, sondern wir dürfen leben in der Freiheit der Kinder Gottes, weil wir gelernt haben, wo unsere wahren Schätze sind.