Auf dem Höhepunkt des Sommers feiert die Kirche das Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel. So wie die Ernte eingebracht wird, denken wir bei diesem Fest auch an die Ernte unseres Lebens. Wir pflegen den Brauch, an diesem Tag einen Strauß von Blumen und Heilkräutern in die Kirche mitzubringen, um sie hier weihen zu lassen. Und so manches Marienlied besingt Maria als eine schöne und heilende Blume und Frucht. Es ist ein Fest voller Freude und Optimismus, weil es ganz vom Glauben an die heilende Kraft unserer Erde geprägt ist. Die Erde bringt Pflanzen und Fürchte hervor, die unsere Wunden heilen können. Die schönste Frucht der Erde aber ist der Mensch mit Leib und Seele. Das Fest "Maria Himmelfahrt", wie es volkstümlich genannt wird, erzählt uns davon, daß ein Mensch für einen anderen zu einer schönen Blume, zur Lilie, zur Rose oder zum Heilpflanzenkraut werden kann und daß in dieser Welt die Schönheit des Himmels und das Heil in Jesus Christus eingebettet ist.
Was wir an diesem Fest von Maria bekennen, das glauben wir auch von uns. Maria ist das Vorbild des erlösten Menschen. An ihr können wir sehen, was Gott durch Jesus Christus auch an uns wirken wird, was er auch aus uns formen und schaffen kann und will.
Auch von uns gilt, was wir von Maria glauben und bekennen, daß wir mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen werden. Wir feiern an diesem Fest, was wir in unserem Glaubensbekenntnis beten: "Ich glaube an die Auferstehung der Toten". Im lateinischen Credo heißt dies: Carnis resurrectionem: Auferstehung des "Fleisches". Wir glauben nicht nur an eine Unsterblichkeit der Seele. Als ganzer Mensch, mit Leib und Seele, werden wir zu Gott kommen. Auch unser Leib hat eine göttliche Würde.
Schon ein hl. Augustinus hat gemahnt, wir sollten gut mit unserem Leib umgehen und nicht gegen ihn wüten, denn er sei zur Auferstehung bestimmt. Der Leib ist für uns Christen nicht mehr, wie für die alten Griechen Gefängnis der Seele. Der große lateinische Kirchenlehrer Tertullian hat dies in einem lateinischen Wortspiel einmal so ausgedrückt: "caro cardo salutis" - der Leib ist der Angelpunkt des Heils.
Der Leib ist der Gedächtnisspeicher all unserer Erfahrungen und Erlebnisse. Mit dem Leib drücken wir unsere Gefühle und Emotionen aus. Liebe ist - wer wüßte das nicht - immer auch leibhaft.. Angst und Traurigkeit kann man an unserem Gesicht ablesen, unsere Freude im ganzem Körper spüren. Die Wut und der Ärger suchen nach einem leibhaften Ausdruck, sonst verursachen sie Kopfweh oder Magenbeschwerden. Verdrängte Gefühle setzen sich im Körper fest und äußern sich in Krankheit. In jeder menschlichen Beziehung ist unser Körper mit einbezogen und beteiligt. Mit Leib und Seele nehmen wir einen anderen wahr und gewinnen ihn lieb.
Das Fest Maria Himmelfahrt verheißt, daß wir mit allem, was wir je an Leib und Seele erfahren und erlebt haben, zu Gott kommen. Diese Glaubensaussage spiegelt - wie kaum eine andere - das von Grund auf optimistische Welt- und Menschbild des Christentums wieder. Auch unser Leib, den heute so viele vergötzen, an dem aber auch so viele leiden, weil er nicht dem Ideal heutiger Schönheit entspricht; gegen den viele wüten, weil er ihnen Schmerzen bereitet, den sie bekämpfen, weil er sich nicht einfach widerspruchslos für jede Arbeit einspannen und ausnutzen läßt, auch dieser Leib ist zur Auferstehung berufen. All unsere Erfahrungen, die wir je mit unserem Leib gemacht haben und machen werden, werden bis in die Ewigkeit Gottes hinein aufgehoben. All unsere Begegnungen mit anderen Menschen werden mit unserem Leib und Seele zu Gott kommen. Wir werden im Tod nicht beziehungslos, sondern in eine neue ungeahnte Nähe zu den Menschen finden, zu den Brüdern und Schwestern, die schon in der Vollendung bei Gott sind, aber sicherlich auch zu denen, die auch auf dieser Erde den Weg der irdischen Pilgerschaft gehen.
Da gibt es die Legende, daß Therese von Lisieux nach ihrem Tod Rosen regnen ließ. Von Maria Magdalena wird erzählt, daß nach ihrem Tod die Kirche eine Woche lang mit Rosenduft erfüllt war. Heute bringen wir Heilkräuter und Blumen in die Kirche. In der Lauretanischen Litanei wird Maria als "geheimnisvolle Rose" besungen. Im Tod kommen wir offensichtlich in eine neue Beziehung zu den Menschen. Wenn alles abfällt, was unser wahres Wesen bisher verhüllte, wenn wir das ursprüngliche Bild umgewandelt werden, das Gott von uns hat, dann kann auch eine heilende Wirkung von uns ausgehen, können wir für andere zu einer Rose werden, deren Duft ihr Leben erfreut, zu einem Heilkraut, das ihre Wunden und Schmerzen lindert.
Das Fest Maria Himmelfahrt ist ein optimistisches Fest. Es ist Ausdruck unseres Glaubens, daß die ganze Schöpfung von Gott durchdrungen ist. Es ist Poesie und heiliges Spiel, das uns hineinführt in das Geheimnis unserer Erlösung. Es will uns einladen, die göttliche Würde unseres Leibes mit neuen Augen zu sehen. Es hebt die Grenze auf zwischen Tod und Leben, zwischen Himmel und Erde. Es verheißt uns, daß auch wir im Tod zur Ernte werden, von der andere sich nähren, zur Frucht, die für andere heilsam wird, zur Blume, an deren Duft und Schönheit sich viele erfreuen. So stimmen wir an ihrem Festtag in den Dankgesang Mariens ein: "Hochpreiset meine Seele den Herrn und mein Geist jubelt in Gott, meinem Retter."