Je älter man wird, desto mehr Szenen und Erfahrungen haften in unserer Erinnerung. Eine davon kommt mir derzeit immer wieder in den Sinn:
Es war bei einer Fahrt auf der Autobahn. Ich höre im Radio die Regierungserklärung Ludwig Erhards als Bundeskanzler: Er hielt eine, nach vielen Jahren des Wirtschaftswunders, gleichermaßen von Zuversicht wie von Sorge geprägte Rede. Ein Satz ist mir wörtlich im Ohr geblieben: "Wir müssen unsere Ansprüche zurückstecken oder mehr arbeiten!" Er erntete schallendes Gelächter im Bundestag!
Wer kennt das nicht!? Wer von Bescheidenheit spricht, muß damit rechnen, ausgelacht zu werden. Auch bei uns. Auch heute. Obwohl wir sie gerade heute wieder dringend notwendig bräuchten. Aber bei uns gilt eher das Wort, das viele Weise von Seneca bis Martin Luther, über den Menschen sagten: "Je mehr er hat, je mehr er will!"
Ausgenommen in der Erziehung: Da hätten wir gerne "bescheidene" Kinder. Doch geht es dabei wohl mehr um ein Bedürfnis von uns Erwachsenen. Das Kind soll sich unseren Wünschen und Forderungen unterordnen. So predigt man ihnen nach wie vor Grillparzers geflügeltes Wort: "Den Jüngling ziert Bescheidenheit", lebt aber selber nach dem weitaus bekannteren Slogan: "Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr!"
Über Bescheidenheit wird auch in der Bibel recht selten geredet. Im Neuen Testament nur an dieser einzigen Stelle, wo Jesus im Gleichnis von den geladenen Gästen erzählt, die sich beim Mahl die Ehrenplätze aussuchen. Jesus selber lebte - ganz im Gegensatz zu unseren Vorstellungen - ganz und gar nicht als Asket. Manchen Zeitgenossen gilt er gar als "Fresser und Säufer". In seinen Reden spielen Festmahl und Hochzeitsfest, bei denen es nicht gerade bescheiden zuging, eine große Rolle. Jesus sah in der Fröhlichkeit und im Überfluß die Spuren göttlicher Güte und Vollkommenheit.
Darüber hinaus war ihm das festliche Mahl ein Symbol für die Gemeinschaft der Menschen, für ihre Versöhnung miteinander. Sein letztes Abendmahl sollte zum unüberbietbaren Zeichen unserer Verbundenheit mit Ihm und Miteinander werden. Und wie die großen Propheten Israels hat er seinen Jüngern und uns das Bild des himmlischen Hochzeitsmahles als Zukunftsbild unserer Hoffnung auf eine ewige Glückseligkeit vor Augen gestellt.
So geht es Jesus in diesem Gleichnis gar nicht um das unbescheidene Verhalten der Festgäste. Er sieht vielmehr darin ein Abbild jener Formen, die sich Gott gegenüber auf ihre eigene Leistung berufen und ihre Ansprüche auf einen guten Platz im Himmel anmelden. Und vergessen, daß es allein Gottes Gnade und Einladung ist, wenn wir am "Hochzeitsmahl des Lammes" teilnehmen dürfen.
Seine sprichwörtlich gewordene Schlußfolgerung "wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden"! gilt dann weniger unserem vordergründigen, menschlichen Verhaltensritual, sondern unserem Verhalten Gott gegenüber. Ihm gegenüber gilt dem Menschen Bescheidenheit, weil wir vor ihm in der Tat nicht allzuviel Rühmliches in unserem Leben vorzuweisen haben.
Andererseits fallen Gott und seine Schöpfung nicht auseinander und das rechte Verhalten ihm gegenüber prägt auch unser Verhalten zu Welt und Mitmensch. Da sind Bescheidenheit und Genügsamkeit unserer Gesellschaft fremd geworden. Miteinander teilen, sich einschränken, verzichten - diese Worte werden zwar gern gebraucht - bei den Grünen wie in den Kirchen. Man fordert und predigt auch Konsumverzicht - doch meist für die andern!
Und was gilt für mich? Es geht nicht um Überfluß oder Entbehrung, sondern um ein gelungenes Leben mitten im Supermarkt von Genuß und Bequemlichkeit.
Bescheidenheit ist und bleibt eine unaufgebbare Voraussetzung für ein zufriedenes und glückliches Leben. Das verlangt das Maßhalten ebenso wie den Mut zum Verzicht. Doch bei mir muß es beginnen!
Eine gute christliche Tradition hat das schon immer gewußt. Man denke nur an Buß- und Fastenzeiten, am Karfreitag und Aschermittwoch! Nur, wer hält sich heute noch daran? Dabei hätten solche Tage mehr den je ihre Bedeutung, da heute die menschliche Freiheit und die Zukunft unserer Erde auf dem Spiel stehen. Bescheidenheit steht dabei keineswegs im Gegensatz zu einem dankbar verkosteten Lebens. Sie will nur die Abhängigkeit verhindern. Wir brauchen nicht auf das zu verzichten, was unser Leben schöner macht, was uns froh und dankbar genießen läßt. Genießen und miteinander teilen, sich etwas leisten und das Gleiche dem andern zukommen lassen, das wäre der Test für ein gelungenes Christenleben heute.