"Alles beginnt mit der Sehnsucht"

schreibt einmal die jüdische Dichterin Nelly Sachs. Auf vielfache Weise finden wir so einen Satz bestätigt: in der Natur und im Leben des Menschen.

Im Frühjahr arbeitet sich die Blume durch die dunkle Erde empor zum Licht, streckt sich den wärmenden Strahlen der Sonne entgegen, wendet ihre Blüte dem Licht zu. Wenn das Sonnenlicht blasser wird, wenn dichte Wolken ihre dunklen Schatten ausbreiten, sinkt sie in sich zusammen.

Im Herbst werfen die Bäume ihre Blätter ab, weil die Sonnenstrahlen nicht mehr stark genug sind, sie am Leben zu erhalten. Aber die Sehnsucht nach dem Licht überlebt auch in der Dunkelheit. Im nächsten Frühjahr wird sie Blätter und Blüten wieder ans Licht treiben.

Ähnlich ist es bei uns Menschen. Das Kind sehnt sich nach Geborgenheit, Wärme und Zuwendung. Der heranwachsende Jugendliche sehnt sich danach, von den Erwachsenen und seiner Umwelt ernst genommen zu werden. Er sucht nach einem Beruf, der ihn erfüllen könnte.

Der erwachsene Mensch sehnt sich nach einem Du, das seine Einsamkeit aufhebt, ihm Heim und Heimat schenkt, seine Freuden und Leiden mit ihm teilt. Alle Menschen sehnen sich nach Anerkennung, Zärtlichkeit und Liebe.

Manchmal blitzt etwas auf in unserem Leben, was die Erfüllung dieser Sehnsucht ahnen läßt: eine tiefe Erfahrung von Glück und Freude, etwa bei der Begegnung mit einem anderen Menschen, von dem ich mich angenommen fühle, bei einem Erlebnis in der Natur, einem Musikstück, einem guten Gedanken: das sind Momente, Sternstunden, Festzeiten, die uns fühlen lasen, daß das Leben durch und durch gut ist, so gut, daß wir zum Augenblick sagen möchten: "Verweile doch, du bist so schön!"

Doch nicht selten legt sich auf unsere Hochstimmung schnell ein Hauch von Melancholie. Denn wir müssen auch immer wieder schmerzlich erfahren, daß unsere Sehnsucht nie endgültig gestillt wird. Daß unser Glück nie von Dauer ist. Immer bleibt eine unausgeschöpfte und unausschöpfbare Leere zurück. Unsere Sehnsucht ist stets größer als ihre Erfüllung.

Menschliche Sehnsucht verlangt nach mehr, nach immer mehr, nach unendlich mehr. Sie ist unstillbar, nie ganz zu löschen, nie endgültig zu befriedigen. Unsere Sehnsucht weist hinaus und hinüber ins Unendliche, ins Unausschöpfliche, ins Absolute.

Dabei ist Sehnsucht nicht etwas, das der Mensch aus sich heraus schafft: Die Sehnsucht ist in ihn hineingelegt. Sie ist die unzerstörbare Hoffnung, daß seine Endlichkeit nicht das Letzte sei. Sie ist der unauslöschliche Traum vom verlorenen und kommenden Paradies. Sie ist die unzerstörbare Erinnerung an eine unendlich lange zurückliegende Begegnung mit dem Vollkommenen, an eine uranfängliche Geborgenheit im Wahren, Schönen und Guten. Sie ist der Traum der Menschenkinder von Gott, dem Vater aller Menschen, ihrem Schöpfer und Vollender.

Es mag sein, daß wir uns dieser Sehnsucht, die in uns lebt und uns umtreibt, nicht immer bewußt sind. Häufig schütten wir sie zu mit unseren Alltagsgeschäften, mit hektischer Betriebsamkeit, mit anscheinend unaufschiebbaren Terminen, mit unaufgebbaren Verpflichtungen. Doch hin und wieder finden wir auch zu uns selbst, horchen in uns hinein, und die Schlacke unseres Alltags wird aufgebrochen: vielleicht in einer Erfahrung von Glück oder Freude oder in Zeiten der Not und des Leids, da uns unser Leben bedroht und gefährdet erscheint, Mächten und Gewalten ausgesetzt, die wir nicht im Griff haben.

Da keimt die Sehnsucht wieder auf und erinnert uns, daß es im Leben mehr gibt als all unsere alltäglichen Unwichtigkeiten, Leerläufe, Banalitäten, scheinbaren Bedeutsamkeiten. Und wir erleben Momente, die aus dem trägen Grau unseres Alltagslebens herausragen wie eine grüne, von weißen Gletschern gekrönte Insel aus den Fluten des Atlantik, spüren Augenblicke der Tiefe und unbezweifelbarer Bedeutsamkeit, sehen vor uns Landschaften und Bilder, die uns in der Tiefe unserer Seele heilen können, hören leise in uns die Melodie unseres Lebens, die uns von Liebe und Freundschaft erzählt: Geschehnisse und Erfahrungen, die uns mitten im Alltag das Unverfügbare und Geschenkhafte unseres Lebens erleben lassen.

Und manchmal hören wir leise, aber eindringlich ein Wort, das uns anspricht, in die Verantwortung nimmt und wir spüren eine innere Unruhe, die unser Herz erfaßt und es nicht mehr zur Ruhe kommen läßt.

Wer Gott finden will, muß ihn mit dem Herzen suchen. Voraussetzung jeder Gottesbegegnung ist das Suchen nach ihm. "Sucht ihr mich, so findet ihr mich. Wenn ihr von ganzem Herzen nach mir fragt, lasse ich mich von euch finden", läßt Gott den Propheten Jeremia sagen. Und wer sich auf die Suche nach Gott macht, muß den Aufbruch wagen, in ein unbekanntes Land - wie Abraham; muß sich auf ein riskantes Unternehmen einlassen - wie Moses; er muß mit Auseinandersetzungen mit seiner Umgebung rechnen - wie Elija; er muß einsame unverständliche Beschlüsse fassen - wie Jeremia; er muß mit seiner Vergangenheit brechen - wie Paulus; er muß der Unruhe seines Herzens folgen - wie Augutinus.

Gott suchen, heißt auch: Aufbrechen aus Alltagsgewohnheiten, seinen eigenen Weg suchen gehen, seine inneren Ansprüche und Sehnsüchte wahrnehmen.

Der Heilige Augustinus, dieser große Gottsucher, hat einmal den Satz geprägt: "Homo desiderium dei". Wer Latein kennt, weiß, daß man dies zweifach übersetzen

kann: "Der Mensch ist Sehnsucht nach Gott" und: "Der Mensch ist die Sehnsucht Gottes!" Eine eigenartige Vorstellung: Gott sehnt sich nach dem Menschen, dem Werk seiner Hände. Die Bibel läßt an vielen Stellen etwas von dieser Sehnsucht Gottes nach dem Menschen durchleuchten. Vor allem aber wird ER in Jesus Christus selber Mensch, unterwirft sich den Gesetzen seiner Schöpfung, nimmt aktiv am Weltgeschehen teil, solidarisiert sich mit seinen Geschöpfen bis zur letzten Konsequenz. Gott sehnt sich nach den Menschen: Und der Menschen Sehnsucht ist Gott!

Heinrich Boell hat einmal gesagt, für ihn sei die innere Unruhe des Menschen ein Gottesbeweis. Und er meint: "daß wir alle eigentlich wissen, daß wir hier auf Erden nicht zu Hause sind, daß wir also woanders hingehören und von woanders herkommen. ER nennt das einen Traum, eine Sehnsucht, "eine uralte Erinnerung an etwas, das außerhalb unserer selbst existiert!"

Religion als Erinnerung? Gottesglaube als Ausdruck unserer unstillbaren Sehnsucht nach einer letzten und tiefsten Geborgenheit? Gott als das eigentliche Zuhause der Menschen?

Augustinus hat es in seinen "Bekenntnissen" so gesagt: "Gott, es will dich preisen der Mensch, ein Stäubchen nur von deiner Schöpfung, der Mensch, mit sich schleppend seine Sterblichkeit. Denn du hast uns auf dich hingeschaffen, und ruhelos ist unser Herz, bis er ruhet in dir."


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