29. Sonntag im Jahreskreis
Beten fällt dem Menschen heute nicht leicht. Das ist auch nicht verwunderlich in einer Zeit, in der die Beziehungen zueinander zum Problem werden. Und Beten ist eine Beziehung, in der wir einem anderen gestatten, in das Innerste unserer Person einzutreten, ihn sehen lassen, was wir am liebsten vor uns selber verbergen möchten, ihn berühren lassen, was vielleicht besser unberührt bliebe.
Ich erinnere mich an einer Frau auf der Pflegeabteilung eines Altenheimes. Die Frau war sehr erregt, schlug wild um sich, war kaum zu beruhigen. Eine Hand hielt sie fest zusammengepreßt. Schließlich gelang es mir mit dem Pflege, mit viel Mühe und Not, gutem Zureden und sanftem Druck, die Finger zu öffnen. In der Hand hielt sie ein kleines Geldstück, das sie um nichts in der Welt hergeben wollte. Es war, als sollte ihr dieser letzte Besitz auch noch genommen werden, dann hätte sie gar nichts mehr und wäre gar nicht mehr. Das war wohl ihre große Angst...
Wer beten will, muß versuchen - äußerlich wie innerlich - seine fest zusammengeballten Fäuste zu öffnen und anfangen, herzugeben. Das ist oft schwierig und schmerzlich. Denn wir merken, daß wir gar nicht hergeben wollen. Wir halten lieber am Gewohnten fest, auch wenn wir darauf nicht besonders stolz sein können. Wir sagen: "So ist es eben mit mir. Ich wollte selbst, es wäre anders, aber daran läßt sich jetzt nichts mehr ändern. Das ist nun einmal so und dabei bleibt es."
Doch damit geben wir die Hoffnung auf, daß unser Leben auch ganz anders und neu werden könnte. Doch wenn wir es nicht mehr wagen, ein Fragezeichen hinter unsere eigenen Erfahrungen zu setzen, uns dem Zwang der angeblichen Tatsachen ergeben, uns lieber an eine traurige Vergangenheit klammern, als auf eine neue Zukunft zu hoffen, sammeln sich in unseren Händen lauter abgegriffene Münzen, die wir auf keinen Fall mehr hergeben wollen.
Da hat uns einer beleidigt, weil er für das, war wir ihm gaben, nicht dankbar genug war. Da sind wir neidisch auf die, welche mehr haben als wir. Da möchten wir es dem immer noch heimzahlen, der uns einmal nicht respektierte. Wir sind enttäuscht, weil uns jemand auf einen Brief nicht geantwortet hat, verärgert, weil die Nachbarin neulich nicht freundlich genug grüßte.
Wir leben damit, leben darüber hinweg - bis zu dem Augenblick, da wir zu beten beginnen wollen: Da ist alles plötzlich wieder da: die Verbitterung, der Horn, der Neid, die Enttäuschung und das Bedürfnis nach Anerkennung. Und diese Empfindungen sind nicht nur da: Wir halten sie auch noch fest, als wären es Kostbarkeiten, die wir keinesfalls hergeben wollen.
Loslassen, entsagen, sich öffnen, das wird oft so verstanden, als ob wir uns dabei von etwas wertvollem trennen müßten. Doch oft genug fällt es uns noch schwerer, von den dunklen Kräften in uns zu lassen, von Unmut und Haß, dem wir verhaftet bleiben und auf Vergeltung sinnen.
Wenn wir beten wollen, stellt sich immer zuerst die Frage: wie öffne ich meine geballten Fäuste? Das geht nicht mit Gewalt und auch nicht nur mit gutem Willen. Wenn der Engel Gottes zum Menschen sprechen will: Zu Zacharija, zu Maria, zu den Hirten oder den Frauen am leeren Grabe - sagt er immer zuerst: "Fürchte dich nicht!"
Fürchten wir uns nicht vor dem, der im Gebet in unser tiefstes Inneres treten möchte und uns einladen will, loszulassen, woran wir uns so ängstlich festklammern, unsere Hände zu öffnen und die abgegriffenen Münzen unseres Lebens vorzuzeigen, die doch so wenig Wert besitzen.
Jedesmal, wenn wir es wagen, von einer unserer Ängste und Abhängigkeiten loszukommen, öffnen sich unsere Hände ein kleines Stück weiter. Wir müssen freilich Geduld haben, bis sie vollständig geöffnet sind. Das ist oft ein langer Weg.
Beten ist Leben: Ein Leben, das uns mitten in der Welt zu einer Stille finden läßt, in der wir unsere Hände für Gottes Verheißungen öffnen und Hoffnung finden für uns selbst und unsere Mitmenschen. Im Beten begegnen wir Gott in der leisen Stimme und der sanften Brise ebenso wie im Getriebe der Welt, in der Not oder Freude eines Mitmenschen oder in der Einsamkeit unseres eigenen Herzens.
Das Gebet läßt uns neue Wege sehen und neue Melodien hören. Das Gebet ist der Atem unserer Seele und gibt uns die Freiheit, dorthin zu gehen und dort zu bleiben, wo wir wollen, und die Zeichen zu entdecken, die uns den Weg weisen in ein neues Land. Beten ist die Einsicht, daß Gott überall dort ist, wo wir sind, und uns einlädt, ihm näher zu kommen. Im Beten können wir unsere Hände öffnen, ohne uns unserer Schwachheit zu schämen, und uns bewußt werden, daß es besser ist, von Gott geführt zu werden als alles in den eigenen Händen halten zu wollen.
Daher gibt es so viele Arten zu beten, wie es Augenblicke im Leben gibt. Das eine Mal werden wir einen ruhigen Platz zum Beten wählen und allein sein wollen, ein anderesmal die Nähe eines Freunds suchen. Wir können zu einem Buch greifen oder Musik hören. Und bei Gelegenheit werden wir mit Hunderten anderer laut beten und singen wollen oder mit ein paar wenigen meditieren. Mal werden wir unser Gebet mit Worten sagen, mal in tiefem Schweigen. So wird unser Leben selber mehr und mehr zum Gebet und unsere Hände immer offener, um von Gott dorthin geführt zu werden, wohin wir eigentlich wollen:
Guter Gott, ich weiß nicht, wohin du mich führst. Ich weiß nicht einmal, wie mein nächster Tag, meine nächste Woche oder mein nächstes Lebensjahr aussehen wird. Während ich versuche, meine Hände offenzuhalten, vertraue ich darauf, daß du deine Hand in meine legen und mich nach Hause führen wirst...