"Eine große Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprache; niemand konnte sie zählen. Sie standen in weißen Gewändern vor dem Thron und vor dem Lamm und trugen Palmzweige in ihren Händen..."! Prächtiger und glanzvoller könnte es nicht ausschauen, seliger könnte es nicht zugehen, am Ende ohne Ende: gut und schön! Doch ist da nicht alles weit weg von uns, hoch über uns? Was hat das mit uns zu tun, mit uns, die wir in dieser zeit leben, mit den großen und kleinen Belastungen unseres Alltags, mit unseren Zwängen und Ängsten, dem Gefühl, überfordert und ausgelaugt zu sein, mit den vielen Wünschen und Erwartungen in unserem Herzen und mehr Fragen als Antworten auf den Lippen und nicht selten mit dem nagenden Zweifel, ob nicht letzten Endes doch alles vergeblich ist? Was bleibt da noch von "Allerheiligen"?
Albert Camus hat einmal gesagt: "Ich fühle mich mit den Besiegten enger verbunden als mit den Heiligen. Ich glaube, daß ich am Heldentum und an der Heiligkeit keinen Geschmack finde. Was mich interessiert, ist, ein Mensch zu sein?
"Mensch-sein" gegen "Heilig-sein"? Ein Vorwurf, ein Mißverständnis? Gar Spott? Wie antworten wir darauf? Eine kleine Geschichte erzählt davon "wer" heilig ist und "was" Heiligsein bedeutet.
Alexander Solschenizyn erzählt uns die Geschichte von "Matrjonas Hof". Bei dieser Frau in einem Dorf Rußlands war er als Lehrer untergebracht. Umgeben von Gummibäumen, einer lahmen Katze, einer Ziege, mit Mäusen und Schaben in der Wohnung, in einem alten Haus, die Frau krank, ohne Mann, ohne Kinder (alle sind sie tot), ohne Rente oder nachbarliche Hilfe fristet sie ihr Dasein - ohne Klage und Bitternis, ohne Mißmut und Neid. Im Gegenteil: immer freundlich, immer hilfsbereit, pflichtbewußt, verständnisvoll, nie verletzend, verurteilend. Auf Drängen der Verwandtschaft läßt sie eines Tages ihr Häuschen abtragen und für die Pflegetochter ins nächste Dorf transportieren. Auf dem Weg dorthin, im Schnee, an einem Bahnübergang, passiert das Unglück: eine Lokomotive ohne Licht rast heran, zerquetscht Matrjona zwischen Traktor und Schlitten. Und dann kommt es: Nach der Beerdigung beginnen Verwandte und Nachbarn über die Tote herzuziehen: schlampig sei sie gewesen, auch nicht umsichtig, an Anschaffungen sei ihr nicht gelegen. Nicht einmal ein Ferkel hätte sie sich gehalten, zudem so dumm, noch fremden Leuten umsonst zu helfen. Und "da erst", schreibt der Erzähler, erstand vor mir die Gestalt Matrjonas, obgleich ich Seite an Seite mit ihr gelebt habe!" Und er schreibt ihr einen ergreifenden Nachruf: "Unverstanden, von ihrem Mann im Stich gelassen, sechs Kinder begrabend, ohne ihre Hilfsbereitschaft zu verlieren, dumm genug, für andere umsonst zu arbeiten, hatte sie gegen Ende ihres Lebens keinen Besitz angehäuft: nur eine schmutzig-weiße Ziege, eine lahme Katze, Gummibäume... Alle haben wir nicht begriffen, daß sie eine Gerechte war, ohne die kein Dorf leben kann. Und keine Stadt. Und auch nicht unser Land."
Ich meine, hier steht eine "Heilige" vor uns, die zu uns gehört. Solschenizyn nennt sie, wie die Bibel, eine "Gerechte". Hier hätte auch Camus nicht seine Alternative von Heiliger oder Mensch aufgestellt. Denn hier ist ein "Mensch": ohne übermenschliche Leistungen oder außerordentliche Begnadungen, wie wir sie gerne Heiligen zuschreiben - treu und gewissenhaft, so in ihrem Leben und Alltag aufgegangen, daß man sie schlichtweg übersehen kann!
Doch sträubt sich da nicht etwas in uns? Ist das nicht die altbekannte, fatale Lösung von lieber zu dulden, als sich zu wehren, lieber zu leiden anstatt zu kämpfen, lieber nachzugeben als sich durchzusetzen? Also jene vielgeschmähte Mitleidsmoral des Christentums und der Vertröstungen auf eine himmlische Belohnung?
Gewiß: Matryjona ist selbstlos und hilfsbereit, trägt die Mühsale ihres Lebens geduldig und erfüllt klaglos ihre Pflicht. Doch das Geheimnis, das "Wunder" ihres Lebens besteht darin, daß sie allem Spott und aller Verachtung und Profitgier ihrer Umgebung zum Trotz, dennoch gut bleibt und Gutes tut, nicht aufgibt und nicht bitter wird.
Das ein Leben lang durchzuhalten, ist weit schwieriger, als gute Programme aufzustellen, Demonstrationen zu organisieren oder ins Weltall vorzustoßen. Wir kennen das aus unserem eigenen Leben!
Wie schwer fällt es uns, zu vertrauen, auch wenn wir immer wieder enttäuscht werden; zu lieben, auch wenn wir nur Undank ernten; zu verzeihen, wenn wir tief verletzt sind; zu teilen, auch wenn andere nur raffen und profitieren wollen, treu zu bleiben, auch wenn andere den Bettel bedenkenlos hinwerfen.
Dostojewski hat recht: "Held sein eine Minute, eine Stunde lang, das ist leichter, als in stillem Heroismus immer den Alltag zu tragen. Das Fest "Allerheiligen" will uns aber auch daran erinnern, daß gut sein und Gutes zu tun nicht nur aus unserer eigenen Kraft und Leistung entspringen, sondern letztlich von dem kommen, der die Güte, Treue und Liebe selbst ist. Seine Nähe, Zuwendung und Gnade ist es, die sich in einem Menschenleben als "wunderbar" erweist, "ein Stück Himmel" unter uns erfahren läßt, jemanden "gerecht" und "heilig" macht. "Und wenn auch nur ein Gerechter in Sodom und Gomorra lebt, werde ich die Stadt um dieses einen willen nicht vernichten." verspricht Gott dem Abraham. Darum kann kein Land und keine Stadt und keine Kirche auf die Heiligen verzichten. Dabei ist der eigentliche und letzte Maßstab ihres Lebens jene Liebe, von der Paulus uns unüberholbar schreibt.
"Die Liebe kann lange warten. Sie ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie macht sich nicht wichtig, sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht taktlos, sie sucht nicht den eigenen Vorteil und läßt sich nicht verbittern. Liebe trägt nichts Böses nach. Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern an der Wahrheit. Liebe gibt den anderen niemals auf. Immer vertraut sie. Immer hofft sie. Sie hält alles aus. Die Liebe hört niemals auf".
Wie einfach das klingt und welch hoher Anspruch steckt dahinter! Die zahllosen Heiligen, die bekannten und unbekannten, die vor uns gelebt haben oder unter uns leben, waren bereit, anstelle des Wörtchens "ich" das Wort "Liebe" zu setzen. So finden sie den Halt, die Mitte und die Erfüllung ihres Lebens, wurden sie die Gerechten, ohne die kein Dorf, keine Stadt, kein Land leben kann wie Matrjona! Und wir?