Königliche Menschen

Christkönig 1998

Ein Weiser hat einmal gesagt: "Das ist die größte Sünde des Menschen, daß er vergißt, daß er ein Königsohn, eine Königstochter ist." Die katholische Kirche feiert am Ende de Kirchenjahres das Fest Christi des Königs, um nicht zu vergessen, daß wir alle königliche Menschen sind. König ist dabei also weniger eine politische, vielmehr eine tiefenpsychologische Aussage: ein Bild unserer Seelen und Träume. In vielen Märchen kommt er vor: der weise, gute und kluge König, der über sein Reich und Volk gerecht herrscht und es zum Frieden und zum Guten führt, der die Feinde abhält und so Lebensraum für sein Volk schafft, der volle und ganze Mensch, der eins ist mit sich selber und so auch anderen Wege und Richtung weisen kann.

Wenn wir heute "Christkönig" feiern, geht es nicht nur darum, Christus als den König zu preisen, sondern auch uns "hineinzuspielen" in unsere königliche Würde, das eigene Königs-sein wieder neu und mehr entdecken. In vielen von uns steckt die Fähigkeit, den Feind zu besiegen, uns unserer Gefühle, Triebe, Bedürfnisse bewußt zu werden und selbst zu bestimmen, was wir wollen.

Ein Königskind zu sein, ist eine zutiefst optimistische Lebenseinstellung. Wir können alles Lebenshemmende und Lebensbehindernde in uns und um uns herum besiegen und Frieden schaffen: in uns selber und mit unserer Umgebung.

Im Blick auf (den König) Christus schauen wir in die Höhen und Tiefen unseres Inneren, nehmen wir uns selbst wahr, werden wir "weise".

Im Evangelium des heutigen Festes hören wir die Rede Jesu vom Weltgericht: wie Er am Ende der Welt als König erscheinen und die Menschen richten wird. Überraschenderweise nicht nach ihrem Verhalten Gott sondern den Mitmenschen gegenüber. Das lenkt unseren Blick auf die Menschen, denen wir begegnen und die wie wir königliche Menschen sind.

Wenn wir die genannten Werke der Barmherzigkeit einmal unter diesem Aspekt betrachten, dann zeigen sie uns nicht nur die vielfältige Not der Menschen, ihren Hunger und ihren Durst, ihr Fremdsein, ihre Blöße, ihre Wunden und ihr Gefangensein, sondern sie weisen uns auch darauf hin, daß all die Menschen, die unserer Barmherzigkeit bedürfen, ebenso königliche Menschen sind - wie wir!

Es geht nicht um die "guten Werke", die wir vollbringen, auf die wir dann hinterher stolz sein können, die wir Gott vorweisen können, sondern vor allem wie wir mit den Notleidenden umgehen. Denn es gibt auch eine Hilfe, die den anderen erniedrigt, ihn zum "Sozialhilfeempfänger" macht, zum Objekt unserer Großzügigkeit, das dankbar sein muß, daß wir überhaupt seiner annehmen, der erst einmal Formulare ausfüllen muß, um zu beweisen, ob er unserer Hilfe würdig ist.

Wer selber einmal krank oder pflegebedürftig war oder ist, spürt sehr schnell, ob ihm der Pfleger oder die Krankenschwester als Mensch wirklich ernst nimmt, wie sie mich anreden, berühren, mit mir umgehen: sachgerecht, Hilfe bringend und doch behutsam, fast zärtlich und wir fühlen uns auch in der Krankheit als Menschen geachtet, auch in der Hilfsbedürftigkeit respektiert!

Der Fremde, der Obdachlose, der Asylsuchende spürt sehr schnell und hört es auch - ob er nur geduldet wird, ein Verfahren durchläuft, ein lästiges Übel ist - oder als Mensch aufgenommen und empfangen wird, eben wie ein "königlicher" Mensch empfangen und gastfreundlich aufgenommen wird. "Die Gastfreundschaft vergeßt nicht", schreibt Paulus: "durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt!"

Während meines letzten Italienaufenthaltes hatte ich eine Autopanne. Ein Passant nahm sich meiner an. Er konnte kein Wort deutsch und ich kein Wort italienisch. Dennoch haben wir einander verstanden. Er brachte mich zu einer Werkstatt, regelte die Reparatur, es war nur eine Kleinigkeit zu einem lächerlich geringen Preis: doch jedes Trinkgeld wurde höflich, aber entschieden abgelehnt. Da wurde wahr, was Jesus im Evangelium beschreibt: Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen, als "königlichen" Menschen geachtet.

Wir brauchen wahrlich nicht zu suchen nach Menschen, die sich danach sehnen, als königliche Menschen angesehen und geachtet zu werden: Menschen, die auch heute bei uns der Kleidung bedürfen, Menschen, die

bloßgestellt werden, die sich nicht hinter Titeln, Namen, Besitz verbergen können, deren Blöße, Wunden, Angst, Verletztsein jeder sieht und die wir, auch mit unserer Hilfe, noch mehr bloßstellen können. Menschen, die in sich selbst gefangen sind in ihrer Sucht, in ihren Zwängen.

Jesu fragt uns, ob wir ihn, den König, in ihnen sehen können und achtsam, ehrfürchtig, zärtlich mit ihnen umgehen, ihnen ihre unantastbare Würde wiedergeben, in dem wir sie in ihrer Not ernst nehmen und uns wirklich auf sie einlassen.

Wir feiern Christkönig, damit wir aufrecht aus der Kirche herausgehen, als "königliche Menschen", die Freude an ihrer Würde haben, die Christus ihnen geschenkt hat.

Wir feiern Christkönig auch, damit wir unseren Blick schärfen für die königlichen Menschen um uns herum.


[ Übersicht | vorherige Ansprache | nächste Ansprache ]