Weihnachten 1998
Gott ist als Kind in einem Stall geboren worden. So erzählt es uns die Botschaft von Weihnachten. Und wenn wir diese trauten Weihnachtsgeschichte hören, merken wir gar nicht, wieviel Zündstoff in diesem Bericht von der Geburt dieses Kindes im Stall von Bethlehem steckt.
Es stellt unser Selbstbildnis auf den Kopf. Der große Tiefenpsychologe Carl Gustav Jung schreibt einmal, der Mensch solle immer daran denken, daß Christus im Stall geboren wurde! Das wird zum Symbol dafür, daß Gott auch in uns nur geboren werden kann, wenn wir den Mut haben, den "Stall in uns" anzuschauen!
"Stall", das ist - in der Tiefe unseres Wesens - Bild für das Unaufgeräumte, das Chaos in uns! ("Was ist das für ein Saustall" sagen mundartlich bei uns aufgebrachte Eltern angesichts des unaufgeräumten Zimmers ihres Sprößlings.)
Stall, das ist das, was nicht gut riecht, was uns peinlich ist, was wir am liebsten vor uns selbst und vor dem anderen verbergen würden. "Es hätte wohl dem Geschmack vieler besser entsprochen, wenn er (Christus) im Tempel zur Welt gekommen wäre," meint er.
"Und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du wärst doch ewiglich verloren, sagt der große Mystiker Angelus Silesius.
An Weihnachten feiern wir den Anfang neuen Lebens. Gott selbst wird Mensch, um die alte hinfällige Menschheit zu erneuern. In jedem von uns will er geboren werden, damit wir neu werden, damit wir in Berührung kommen mit dem Anfang unseres Lebens, mit den Träumen, die Gott von uns geträumt hat, mit dem unverfälschten Bild, das Gott sich von jedem einzelnen von uns gemacht hat.
Wenn wir das göttliche Kind in der Krippe betrachten, können wir das göttliche Kind auch in uns entdecken.
Jeder von uns trägt ein verletztes Kind in sich. Irgendwann ist es in seinem Leben verwundet worden, hat es sich seinem Gefühl, einmalig zu sein, nicht ernst genommen gefühlt.
Diese Verwundung kann heilen, wenn wir das göttliche Kind in uns wieder entdecken: die Verheißung unseres wahren Selbst, des göttlichen Abbildes in uns des einmaligen Wortes, das Gott zu einem jeden von uns gesprochen hat.
Ein berühmter Theologe hat es einmal so ausgedrückt: Jeder von uns ist ein einzigartiger Ausdruck Gottes und diese Welt wäre ärmer, wenn nicht jeder von uns auf seine einmalige Weise, seinen Aspekt Gottes ausdrücken würde, der nur in ihm seine Gestalt finden konnte, und den all die anderen nur durch ihn erleben können
So will uns Weihnachten in Beziehung bringen mit dem göttlichen Kind in uns, mit dem einzigartigen Bild, das Gott sich von jedem von uns gemacht hat.
Aber auch der Weg zu diesem göttlichen Kind in uns führt über den Stall von Bethlehem, führt über und durch den Stall unserer eigenen Seele: durch alle Schatten, durch all das Verdrängte, das wir vom Leben ausgeschlossen haben. Neu werden, verlangt zuerst das ehrliche und mutige Anschauen des Dunklen und Unansehnlichen in uns. Die großen Meister des Mittelalters haben das gewußt. Ihre Weihnachtsbilder malen die Geburt Christi mitten hinein in das ärmliche Leben der Menschen am Rande ihrer Gesellschaft.
Nicht im Palast, nicht im Tempel - in der zerfallenen Hütte, im ärmlichen Stall, im Unscheinbaren, im Armen - da wird Gott geboren.
In manchen Bildern liegt das göttliche Kind gar auf nackter Erde. So sind auch wir ausgesetzt worden, göttliche Kinder in die Banalität dieses Lebens, und auf der Suche nach unserem wahren Selbst, nach dem göttlichen Glanz, der auch auf unserem Antlitz leuchtet, auf die göttliche Schönheit, die mitten im Unscheinbaren sichtbar wird.
Wir feiern Weihnachten nicht nur, um die Gottesgeburt in unserem eigenen Herzen zu erfahren, sondern um Gott auch in den Ställen dieser Welt zu finden. Weihnachten will auch die Blickrichtung unserer Augen verändern. Nicht nur im trauten Heim, in dem der Weihnachtsschmuck uns Liebe und Geborgenheit vermittelt, nicht nur im feierlichen Gottesdienst in der Kirche, in der uns das Licht der Kerzen Gottes Nähe widerspiegelt, sondern auch am Rande unserer Gesellschaft will Gott uns aufscheinen, im Antlitz der vielen flüchtenden Menschen, sollen wir Gottes Antlitz erkennen und in ihnen die ausgesetzten göttlichen Kinder sehen, die wie wir auf dem Weg sind zu einem Ort, wo wir für immer daheim sind. Wie die Hirten von Bethlehem sollen wir uns aufmachen, um das göttliche Kind im Stall zu suchen, es dort zu suchen, wo es heute in der Fremde geboren wird.
Die gefühlvolle Stimmung, die viele an Weihnachten erfaßt, hat also ihr gutes Recht: Sie weist auf die Ahnung hin, die tief in jedem von uns steckt, daß Gott durch die Geburt seines Sohnes im Stall von Bethlehem uns eine göttliche Würde geschenkt hat (an die uns die Geburt seines Sohnes im Stall von Bethlehem wieder erinnert).
Wir alle sind selbst so göttliche Kinder, in jedem von uns spiegelt sich Gottes Antlitz auf einmalige Weise.
Weihnachten ist die Verheißung, daß Gott im Chaos unseres Stalls sein göttliches Leben aufblühen läßt und er die Trümmer unseres zerbrochenen Lebens neu zusammensetzt und als herrliche Gottesstadt wieder aufbaut.
Weihnachten ist die Ahnung, daß für uns ausgesetzte göttliche Kinder mitten in der Fremde Heimat entsteht. Dort, wo Gott in unserem Stall geboren wird, dort wo sein Geheimnis mitten im Durcheinander unseres Lebens wohnt, können wir uns daheim fühlen. An Weihnachten können selbst Menschen, die einander das Leben schwer machen, erahnen, daß in ihrem Leben etwas von jenem anderen Zuhause erfahrbar wird, wo wir wirklich hingehören, von der ewigen Heimat, die uns heimatlosen Wanderern in Christus im Stall von Bethlehem aufleuchtet.