2. Sonntag im Jahreskreis 1999
Wenn Religion eine bestimmte Weise ist, "Gott" zu sagen, dann ist mit dem Christentum eine neue und andere Art, von Gott zu denken und zu reden in die Welt gebracht worden. Wenn wir uns klar machen, wie schwer sich Neues durchsetzt, wie zäh das Gewohnte seinen Platz verteidigt, wie ich mich selber schwer tue, mich auf andere Menschen einzustellen, verstehe ich, wie die Angst vor dem Unbekannten und Neuem auch unbeweglich machen kann, unfähig, Alternativen (zu dem Gewohnten) zu entwickeln und so jede Art von Änderung verhindert.
So haben wir Christen vielleicht bis heute das Neue, das mit Christus gekommen ist, noch gar nicht richtig begriffen. Wenn vom "Kommen Gottes" gesprochen wird, dann ist damit gemeint, daß damit alles andere, alle anderen Verhältnisse und Maßstäbe "umgestürzt" werden sollen...
Die Meßtexte, die wir in den letzten Wochen (seit Weihnachten) gehört haben, betonen alle das Neue: die Geburt, neu entstandenes Leben, das Symbol des Kindes, neues Licht. Ein Paulus spricht begeistert von neuem Geist im Gegensatz zu veralteten Buchstaben, von altem Sauerteig, der hinausgeworfen werden muß und dem "neuen Brot", das wir sind.
Natürlich hat das herkömmlich Uralte das Neue nicht selten geschluckt.
Unsere Krippen etwa zeigen bäuerlich-bürgerliche Verhältnisse, alte Trachten, Natur- und Schäferromantik. Dabei hat Gott ein "neues Wort" in die Welt gesprochen und einige Menschen haben es gehört und aufgenommen.
Selbst im Evangelium des Lukas ist das Neue eher verschlüsselt: Nicht in goldenen Palästen, Tempeln und Kirchen leuchtet da Wort Gottes auf, sondern im Stall in einem Winkel, wo ich nicht hingeschaut habe, wo ich Gott nicht erwarte, nicht im "sauberen" Bereich unseres bewußten Denkens und unserer hohen und anerkannten Vorstellungen und Ideale leuchtet das "Wort Gottes" auf, sondern im dunklen, unsauberen, halb-animalischen Bereich des Stalles, des Unbewußten., der Triebe, des Nichtangenommen und Verdrängten, der unbeherrschten und oft anstößigen Wünsche und Gefühle. Und damals wie heute verstellt uns das Behextsein von Macht, Wissen, Reichtum und Größe den Blick auf das Unterlegene, das Schwache und Arme, das Kindhafte und das Weibliche.
Was wir von Gott nicht wissen, ist immer mehr als das Bekannte! Was ich von Gott nicht wissen will und wogegen ich mich wehre, oft ohne es zu merken, ist überwältigend viel. Für jenes "ganz anderes als du denkst", stehen in der Weihnachtsgeschichte die "Hirten auf dem Feld" - außerhalb der damaligen Gesellschaft. Jesus sagt später, die Königsherrschaft Gottes werde von den Zöllner und Huren eher angenommen als von den guten ordentlichen Leuten. Das ist ein hartes Wort, schmerzhaft, verletzend.
Doch richten wir unseren Blick einmal nicht nach außen, sondern nach innen: wo sind in mir die Zöllner und die Huren? Was ist in meinem seelischen Haushalt das verachtete und Nicht-angeschaute? Wie gehe ich mit meinem Körper um, mit seiner Lust, seiner Geschlechtlichkeit, seinem Verlangen nach Bewegung und Belastung - aber auch mit seinen Schmerzen und Krankheiten? Ist Gott Mensch geworden, nur für die "Seelen" der Menschen. Gilt das "Fühlen" uns nicht immer noch weit weniger als das "Wissen"?
Lasse ich zu, was in mir "Kind" ist? Die Neugier, die Leidenschaft für das Kommende, Zukünftige, das man nicht in der Hand hat, das Lassen, Zulassen, Wachsenlassen. Neben dem Sich-Durchsetzen, das menschlich wichtig bleibt, heißt "Kind" auch: Mit sich geschehen lassen.
Nicht nur in der Souveränität ist Gott, sondern auch in dem Passiv-Sein, im Leiden, im Nicht-mehr über sich selbst verfügen. So sagt es uns das Kreuz Jesu, auf das wir bald wieder schauen werden.
Auch das Zerbrochene und Nicht-Gelungen soll seine Chance haben und angeschaut werden: Alle, deren Lebenspläne nicht aufgingen, deren Ehe gescheitert ist deren Gesundheit oder Freundschaften nicht standhielten: sie sollen nicht verdrängt und nicht verachtet werden. Auch in ihnen ist Gott.
Und schließlich: nicht nur in wohlgeordneten sozialen und familiären Verhältnissen ist er zu finden, sondern auch in Veränderungen und Umbrüchen, wenn eingefahrene Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, zwischen Frau und Mann, sich öffnen verändert werden oder gar lösen.
Ostern - worauf wir wieder zugehen, sagt das noch schärfer, entschiedener, herausfordernder: sogar in ... Tod, in dem ich nichts mehr sehen kann und mich ganz aus der Hand verliere, auch darin ist Gott! Dafür steht Jesus! Das ist der neue Name Gottes! Der dem Tod standhält.