1. Fastensonntag 1999

Wonach sehnt sie sich? Nach einer Mutter, die sie in den Arm nimmt, statt sie mit Süßigkeiten abzuspeisen? Nach einem Vater, der mit ihr redet, statt das Scheckbuch zu zücken. Nach einem Mann, der sie wirklich liebt und nicht nur ihren Witz oder ihre hübsche Figur.

Voll Hunger ist sie. Hunger danach, angenommen zu sein, mit ihren Stärken und Schwächen. Einfach geliebt zu sein, auch wenn sie nicht die Schönste und Klügste ist. Hunger danach, eines guten Wortes wert und würdig zu sein. Hunger danach, einfach sie selbst sein zu dürfen unter den liebenden Augen eines anderen Menschen.

"Der Mensch lebt nicht vom Brot allein", sagt Jesus, sondern von jedem Wort der Annahme, der Zärtlichkeit, der Liebe. Einem Wort, wie Gott es sprach, als er am Schöpfungsmorgen den Menschen ansah: "Und Gott sah alles, was er geschaffen hatte. Und es war sehr gut.

Ich kenne einen jungen Mann, der muß immer der Größte sein. Aus der Schule kam er mit hoher Erwartung und bestem Abschluß. Und fand sich wieder als arbeitslos, überzählig und überflüssig.

Seither muß er es sich immer wieder selbst beweisen: Daß er ganz oben ist, höher und größer als alle anderen. Er fährt waghalsige Autorennen, läßt sich ein auf eine kriminelle Karriere: Diebstähle, Einbruch, Unterschlagung, Betrug.

Die Angst in sich bekämpft er mit Alkohol - eine Straße ohne Wiederkehr. Und fällt immer tiefer. Und findet sich wieder auf dem Scherbenhaufen seines guten Willens. Längst genügt ihm nicht mehr eine Frau. Er muß Frauen haben, um sich zu beweisen, daß er sie haben kann. Und teilt mit keiner und keine teilt mit ihm seine Enttäuschung und Qual. In Wahrheit ist er voller Sehnsucht, daß eine an ihn glaubt, daß er für einen anderen Menschen wichtig ist und einzigartig. Voll Hunger und Sehnsucht nach Liebe in dieser kalten Zeit!

"Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht verfluchen", sagt Jesu. Du brauchst dein Schicksal nicht immer wieder von neuem herauszufordern. Hör auf die verschüttete Sehnsucht in dir selbst. Hör auf deine Bereitschaft, selber Liebe zu schenken. Hör auf deinen innersten Wunsch, daß ein Mensch dir zuhört, deinen Weg mit dir geht.

Ich kennen einen erfolgreichen Geschäftsmann, der hatte sich einst auf den Weg gemacht voller Hoffnung auf Gesundheit, Reichtum und Erfolg und allem Segen eines langen Lebens. Nun steht er fassungslos vor der Diagnose seiner unheilbaren Krankheit und der ohnmächtigen Frage: Warum gerade ich?

Vermögend ist er geworden und kann sich doch mit allem Reichtum der Erde keinen Tag Leben dazu kaufen. Und wenn einer ihm alle Herrlichkeit der Welt versprechen würde, was er nötig hat und braucht, das ist jemand, der/die jetzt zu ihm hält, in guten und in bösen Tagen - wie einst versprochen.

"Den Herrn, deinen Gott, sollst du anbeten und ihm allein dienen", sagt Jesus. Da ist einer, der zu dir hält, auch in schwerster Zeit. Der alle Wege mit dir geht. Der dich trägt über und in die Abgründe deines Lebens. Der dir begegnet in jedem Menschen, der dich liebt!

Jesus ist nicht der große Versorger mit Brot und Spielen. Er ist nicht der allmächtige Brot- und Brötchengeber. Er ist selbst Brot des Lebens, fruchtbar und wohlschmeckend, nützlich und gut, stärkend und heilsam.

Jesu ist nicht der große Magier und Wunderheiler, nicht der Überflieger und alleinige Boß. Er sitzt bei den Verletzten und Verwundeten ihres Lebens und verbindet ihre und seine Wunden.

Jesu ist nicht der oberste Machthaber einer guten Sache. Er ist nicht Schwert und nicht Axt. Er ist nicht das Gesetz, nach dem Menschen gerichtet werden. Er ist keiner, an dem die anderen sich die Zähne ausbeißen. Er geht den Weg der Gewaltlosigkeit und der Liebe. Seine Hand hält nicht die Waffe. Seine Hand streckt sich aus, den Menschen entgegen.

Dieser große Menschenkenner aus Nazareth sagt: "Ich kenne deinen Hunger und deine Sehnsucht. Ich weiß, was ihr wirklich nötig habt. Ich weiß, daß all eure Antworten euch nur vorläufig sättigen und euch immer wieder hungrig und unbefriedigt zurücklassen.

In meiner Nähe könnt ihr euch selber finden. In meinem Ja könnt ihr euch selbst neu erfahren. Da muß sich keiner mehr größer machen oder kleiner, besser scheinen und schöner oder sich aufopfern und demütigen.

Und bist du hart geworden wie Stein. Du darfst deine Not und Qual herausschreien in ein gutes Ohr und deine Sehnsucht nach Wärme und Liebe darin wiederfinden.

Und bist du scharf und schneidend geworden wie ein Messer. Du darfst deine eigenen Verletzungen eingestehen und wieder neu da Leben wagen, weil ich es mit dir gebe.

Und bist du kalt geworden wie ein Block aus Eis. Du darfst jemandem mitteilen, welches Leid dich so gefrieren ließ, welche Angst dich beherrscht, damit in der Wärme meiner Nähe dein erfrorene Herz wieder aufgetaut wird und wieder neu beginnt zu schlagen.

Ich weiß, wie schwer das zu glauben ist. Ich weiß, wie sehr die Botschaft Jesu immer wieder überdeckt wurde mit Macht und Herrschaft. Wie oft den Menschen Steine gegeben werden statt Brot. Wie oft das Schwert gewählt wird statt des guten Wortes. Wie oft wir dem Versucher schon erlegen sind und immer erliegen.

Wenn wir es doch immer wieder neu lernen würden von dem Jesus aus Nazareth. Lernen, an der Seite der Menschen zu stehen. Ihren Hunger und ihre Not teilen. Ihre Sehnsüchte ernst nehmen und verstehen. Und so ihm selber zu begegnen, der auch unseren Hunger und unsere Sehnsucht stillen kann.


[ Übersicht | vorherige Ansprache | nächste Ansprache ]