4. Ostersonntag 1999
Ich kenne eine alte Prämonstratenser-Abtei in der Eifel mit einem wunderschönen Kreuzgang. Über dem Eingang sieht man das Bild eines unbekannten Meisters aus der Mitte des 16. Jahrhunderts: einen auferstandenen Christus und über ihm eine Hand, die auf eine Tür zeigt. Auf einem Schriftband darunter liest man den Vers aus dem 118. Psalm: Das ist die Tür zum Herrn, nur Gerechte treten ein."
Und ich denke an das berühmte Osterbild von Martin Schongauer: "Rühr mich nicht an", das den Auferstandenen in einem Garten zeigt, zu dem eine offene Tür führt.
"Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden", heißt es im heutigen Evangelium.
Auffallend, daß in den 10 Versen, die da vorgelesen wurden, viermal von einer Tür und einmal noch von einem Tür-Hüter die Rede ist. Das Bildnis von der Tür steht also gleichberechtigt neben dem bekannten von dem guten Hirten und Schafen.
Es ist ein einfaches, aber tiefsinniges Bild und es lohnt sich, ein wenig dabei zu verweilen. Die Tür begegnet uns Tag für Tag. Wir erfahren ständig und vielfältig, wie wohltuend sie sein kann, aber auch wie ärgerlich, störend und hemmend. Eine Tür kann Raum und Menschen voneinander trennen und verbinden. Sie kann schließen oder öffnen. Eine geschlossene Tür gewährt Schutz, ruhiges Arbeiten, Stille, Abgeschlossenheit. Eine geschlossene Tür kann aber auch Abweisung signalisieren, ein klares, kaltes Nein ausdrücken.
Eine geöffnete Tür lädt zum Eintreten ein, hat etwas Freundliches, Einladendes an sich, ist ein Zeichen für Offenheit - und Aufnahmebereitschaft, kann ein freundliches annehmendes Ja aussprechen - aber auch zum Taubenschlag werden - und zum Sicherheitsrisiko. "Häuser der offenen Tür" nennen wir offene Kontaktangebote in unseren Gemeinden.
Von der kleinsten Tür bis zum mächtigsten Portal beeindruckt standen wir bei unserer Romreise auf dem Petersplatz vor den mächtigen Säulen und Türen des Petersdoms - immer kommt es darauf an, eine Schwelle zu überschreiten, um zu sehen, wohin die Tür uns führt: Die Tür: Ein Durchgang- oder wohin?
"Ich bin die Tür", sagt Jesu. Eine lebendige Tür also. Ob wir uns das vorstellen können: Lebendige Türen: Menschen, die nicht mauern, die nicht zusperren, sondern öffnen; keine starre Wand, sondern eine verschiebbare Tür; Menschen, die Türen öffnen, ja füreinander Türen sind: Einer, der uns hilft, einer, der sagt: so kannst du es machen. Einer, dem wir vertrauen können. Einer, dem wir begegnen und eine Tür geht auf; Mann und Frau, die sich in der Liebe einander öffnen; Väter und Mütter, die ihren Kindern das Leben aufschließen; eine Gemeinde, in der jeder aus- und eingehen darf, wo Menschen ihre vielfältigen Begabungen füreinander einsetzen, ein wohnliches Haus für einander sind: Offene Türen.
"Ich bin die Tür", sagt Jesus: Und: "wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden. Das heißt: Ich bin nicht irgendeine Tür, durch die ihr im Lauf eines Lebens auch einmal hindurchgehen könnt. Ich bin vielmehr die Tür, auf die alles ankommt. Bei mir sollt ihr nicht vor verschlossenen Türen stehen, nicht "draußen vor der Tür" bleiben. Ich will nicht, daß einer ausgesperrt bleibt und ohne Liebe und Leben.
Die Osterikonen der Ostkirche zeigen oft den Auferstandenen, wie er die Menschen aus der verschlossenen Unterwelt hoch oben ins Licht zieht. Dabei fallen viele Schlüssel in den Abgrund hinunter. Wir Menschen haben alle unsere Schlüssel ausprobiert, nun fallen sie nutzlos ins Leere. Haben wir den Schlüssel zu der Tür, die ins Freie und Weite führt schon gefunden? Wer kann uns diese Tür öffnen?
"Ich bin die Tür", sagt Jesus. Er kein "Weiser" im Sinne dieser Welt. Er stand selber vor der dunklen Todeswand. Er hat die größte Mauer dieser Welt geöffnet: den Tod. Nun können wir hindurch gehen. Er ist die Tür dafür. Durch diese Tür müssen wir gehen, wenn wir gerettet werden wollen, wenn wir wieder heil und gesund sein wollen. Es gibt keinen anderen Weg als durch diese Tür, um geschenkt zu bekommen, was wir im tiefsten Inneren erflehen: Leben, Freude, Friede, Liebe und Glück!
Es ist eine geheimnisvolle Tür. Sie hat die Kraft, zu öffnen und zu schließen, die Kraft, die Tore der Unterwelt aufzusprengen, die Pforten des Paradieses aufzustoßen, den Zugang zur Unsterblichkeit freizugeben. Ihm kann kein Grab noch Stein, kein Felsen widerstehen!
An den Pfosten und Schwellen dieser Tür sehe ich Blut: das Blut des Lammes, das am Osterfest geschlachtet und geopfert wurde, angenagelt ans Kreuz, ein Gefesselter, Geschundener, Gebundener, Ausgeschlossener. Doch im Tod wurde er ein ganz und gar Geöffneter, Aufgeschlossener; hat die Arme ausgespannt; mit der Lanzenspitze öffneten sie sein Innerstes, sein Herz. Völlig in den Tod hingegeben wurde er - da Herz weit geöffnet - ein völlig Geöffneter, die lebendige Verbindungstür zwischen den unverschlossenen Räumen des Droben und Drunten, sprengte er alle versiegelten Tore auf, alle vergitterten Fenster, alle blockierten Herzen, wurde ER !die Tür", die Eingangspforte ins Leben.
Auch über dem Portal des großen Domes zu Gurk in Kärnten ist Christus dargestellt mit der Inschrift: "Ich bin die Tür. Wer durch mich eintritt, dem gebe ich die Weide des Lebens." Doch der Steinmetz hat noch hinzugefügt:" Richtig aber tritt ein, der eine gütige Rechte und ein mildes Herz hat!"